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Heroin für die ganze Familie

Gabriel Vetter über Thomas Bucheli und die seltsame Tatsache, dass er oft an den Tod denkt, seit er ein Smartphone hat.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.
Unser Kolumnist Gabriel Vetter.
Hazel Brugger

Das Smartphone hat schon so vieles erreicht. Dass sich Männer auf dem WC hin­setzen zum Beispiel. Es hat aber vor allem unser aller Verhältnis zum Fernsehen verändert. Vor ein paar Jahren noch galt Fernsehen als schmuddelig. Früher wurden jedes Jahr besorgniserregende Studien über «Die Jugend von heute» und deren TV-Konsum publiziert.

Wenn so eine Studie zum Schluss kam, dass Schweizer Kinder täglich im Durchschnitt drei Stunden Fernsehen schauen, dann hiess das in pädagogisch wertvollen Kreisen damals so viel wie: Glückwunsch, unsere Schweizer Kinder spritzen sich jeden Tag riesige Herointabletten in die Pupillen, und zwar nicht mal das tolle Fair-Trade-Heroin aus dem Drittweltladen, sondern das böse Heroin aus dem Interdiscount, dieses billige massenproduzierte Teufelszeug, das in Bangladesh von siebenjährigen Menschenwelpen in überfüllten Lagerhallen zwangsdestilliert wird. Fernsehen war der Overlord des Bösen.

Heute ist das anders. Seit das Smartphone so populär geworden ist, ist Fernsehschauen daheim mit der Familie plötzlich positiv konnotiert. Wenn heute zufällig mal die versammelte Familie vor dem Flachbildschirm sitzt und fünf Minuten lang gemeinsam Meteo mit Thomas Bucheli anschaut, dann gilt das als Quality-Time, als verbindendes Ritual, das die Verwandtschaft zusammenhält und die Kernfamilie stärkt für schwierige Zeiten. Denn endlich sitzen mal alle gemeinsam auf dem Sofa und starren alle zusammen in den gleichen Bildschirm statt jeder in den eigenen! So schön. O Santo Thomas Bucheli, du heilender Kitt der gebrochenen Schweizer Familienseele!

Flucht vor Thomas Bucheli

Manchmal flüchte ich vor Thomas Bucheli, weil ich die Nestwärme nicht ertrage. Ich rette mich dann ins gekachelte Reduit, den Bunker aus Porzellan, den Schutzraum mit Spülung. Aufs WC.

Seit ich ein Smartphone besitze, verbringe ich dort sehr viel mehr Zeit als vorher. Ich bin nicht sonderlich stolz auf diese Tatsache, aber ich akzeptiere sie als Teil meiner komplexen Persönlichkeit. Meine Persönlichkeit ist dermassen komplex, dass ich manchmal, wenn wir bei Verwandten zu Besuch sind und ich vor lauter Thomas-Bucheli-Harmonie das dortige WC auf­suchen muss, eine halbe Stunde auf diesem WC sitzen bleibe und mich ohne eigentlichen Anlass auf meinem Smartphone durch Facebook-Fotos von Fremden klicke – und plötzlich aufschrecke, weil ich die Zeit ganz vergessen habe und mich frage, wie lange ich eigentlich schon in diesem WC drin sitze und ob es nach aussen vielleicht so wirkt, wie wenn ich schwerwiegende gesundheitliche Probleme hätte, und ob meine lange Abwesenheit meiner Freundin vielleicht peinlich ist und ob sie sich Sorgen macht um mich – und wenn nicht, warum sie sich gopferteckel eigentlich keine Sorgen macht, weil ich doch wirklich schon seit über einer halben Stunde in diesem WC drin verschwunden bin, einsam, eingeschlossen, hockend, die Hosen unten an den Knien, und kein Lebenszeichen von mir gebe, ja vielleicht gar keines mehr geben kann, weil ich wahrscheinlich längst verblutet/verschollen/ertrunken bin.

Ach. Seit ich ein Smartphone habe, denke ich oft an den Tod. Und daran, wie es wohl sein wird, wenn meine Zeit gekommen ist. Werde ich auf dem Sterbebett liegen und bereuen, nicht mehr Zeit mit Thomas Bucheli verbracht zu haben? Werde ich die den Salon säumenden Klageweiber anheulen und schluchzen: «Hätte ich doch nur mehr Zeit auf Facebook verbracht!?» Ich weiss es nicht. Ich werde es gleich googeln.

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