Ich bin dem Zwerchfell sein Coiffeur

Gabriel Vetter über den verdammten Schalter der Nachttischlampe und Homöopathie.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter. Bild: Hazel Brugger

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Manchmal, wenn ich des Nachts nicht schlafen kann und nicht dösend darniederliege, sondern mich gedanklich nervös durch meine abverheite Biografie fägnäschte, frage ich mich manchmal, ob ich vielleicht den falschen Beruf gelernt habe. Meistens beruhige ich mich dann ziemlich schnell von selber wieder, weil mir in den Sinn kommt, dass ich zum Glück gar keinen Beruf gelernt habe. Ich rede mir dann ein: Hör mal, Jungchen, Du bist ein Gschichtli-Verzeller! Du bringst die Menschen zum Lachen! Das ist ein Beruf, den die Menschen da draussen immer brauchen werden, wie Coiffeur!

«Ich bin der Coiffeur des Zwerchfells», rede ich mir dann mantramässig zu und schlafe ein. Bis ich wieder aufwache, weil mich frage, ob «Ich bin dem Zwerchfell sein Coiffeur» vielleicht ein guter Titel wäre für eine lustige Kolumne, und suche sofort nach Stift und Papier, um mir den Einfall stante pede (sic!) zu notieren, doch leider finde ich den Schalter der Nachttischlampe nicht vor lauter dunkler Nacht, und während ich dann so in complete darkness langsam, aber unbestimmt das ganze Gerümpel von meinem Nachttischchen runterhaue (Bücher, Sachbücher, Wassergläser, angebissene Brote), weil ich den verdammten Lichtschalter nicht finde, weil ich ja nie einen richtigen Beruf gelernt habe und ergo nicht genug Geld oder «social standing» besitze, um mir eine vernünftige Nachttischlampe zu kaufen, sondern nur eine billige mühsame Lampe habe, deren Lichtschalter am Kabel festgemacht ist, und ich jedes Mal das ganze verdammte Kabel entlangfingerlen muss, bis ich zu diesem Schalter gelange – während ich also langsam den gesamten Aufbau meines Nachttischchens abrasiere wie ein grobmotorisch beeinträchtigter Elefant im Nachttischchenladen, denke ich: Na gut, wenn du diese Situation hier grad nur in einen genug langen Satz packst und mit Kommata dekorierst, geht das vielleicht fast als zumindest ansatzweise skurrile selbstreferenzielle Geschichte durch.

Wo waren wir? Ah ja, im Bett, bei den Zukunftsängsten. Das Problem ist ja, dass die meisten Menschen Angst davor haben, irgendwann von Robotern ersetzt zu werden. Ich überlege mir dann, ob es Berufe gibt, die nicht von Robotern erledigt werden können. Mir kommt dann immer nur Homöopath in den Sinn. Das ist ein Beruf, den Roboter nie verstehen werden.

Ich überlege mir deswegen, mir das Konzept der Homöopathen anzueignen und es auf andere Berufsfelder zu übertragen, um mich prophylaktisch vor der Übernahme durch Roboter zu imprägnieren. Zum Beispiel meinen Beruf zu wechseln und mich fortan als, warum auch nicht, Alternativ-Förster durchzuschlagen. Ein Alternativ-Förster (oder auch Komplementär-Förster) ist einfach ein Förster, der flankierend zur herrschenden Schul-Försterei praktiziert. Wenn dann zum Beispiel irgendwo eine vom Borkenkäfer befallene Tanne gefällt und dem amtlichen Häcksler zugeführt werden müsste, könnte man mich anrufen oder im Internet buchen (Ich nehme auch Dollars!), und ich würde, wie es in der Alternativ-Försterei üblich ist, nicht sofort ein Riesenbeil auspacken und dem Baum unter bravehearteskem Geschrei schwingend den Garaus machen, sondern ich würde mich sanft dem betreffenden Problembaum nähern, wie so ein Psychiatrie­pfleger aus einer deutschen Vorabendserie, und würde erst mal in aller Seelenruhe mein Köfferli auspacken, dann zwei Meter vom Stamm entfernt eine stumpfe Rasierklinge im Waldboden vergraben und, habemus floram, wieder meines Weges gehen. Den Rest regelt dann die unsichtbare Hand des homöopathischen Marktes.

Erstellt: 08.12.2017, 14:48 Uhr

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