Ich bins

Taylor Swift ist gerade der grösste Popstar der Welt – und sehr umstritten. Wie hat sie das nur geschafft? Unser Autor hat sich in ihre Gedankenwelt hineinversetzt.

Taylor Swift ist in viele Richtungen lesbar. In welche, kann man sich aussuchen.

Taylor Swift ist in viele Richtungen lesbar. In welche, kann man sich aussuchen. Bild: Joel Ryan/AP Invision/Keystone

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Haben Sie schon mein neues Album «Reputation» gehört? Es trägt diesen Titel, weil ich ein Popstar bin, der den Ruf hat, einen Ruf zu haben. Welchen, kann man sich fast aussuchen. Ich bin in viele Richtungen lesbar, mit voller Absicht. Während ich die Korken knallen lasse, halten mich manche für umstritten, das gehört wohl dazu. Hier will ich mal erklären, wie das alles gekommen ist. Nämlich so:

Abstammung

Manch einer würde sagen: Ich habe ganz schön Glück gehabt bei meiner Geburt im Dezember 1989 in Reading, Pennsylvania. Meine Eltern, beide im Finanzsektor tätig und nicht arm, haben mich von Anfang an unterstützt. Ich bin schlau und hübsch und weiss. Man kann sich eben nicht aussuchen, mit welcher Hautfarbe, welchen Genen und in welche Umstände man hineingeboren wird. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – oder?

Ehrgeiz

Ich bin ehrgeizig. Mit neun wollte ich schon unbedingt im Schultheater singen und tanzen, mit elf habe ich Karaoke-Versionen von Country-Songs von Dolly Parton und den Dixie Chicks aufgenommen. Mit 14 hatte ich schon einen Manager in New York, und wir sind mit der ganzen Familie nach Tennessee umgezogen, weil dort das Herz der Country-Musik schlägt und ich unbedingt Country-Star werden wollte. Das hat von Anfang an gut funktioniert. Nur musste zu der Country-Musik auch irgendwann noch die Popmusik hinzukommen, weil Country-Musik nur eine begrenzte Zielgruppe erreicht. Von da an ging es für mich noch viel steiler bergauf. Mein neues, sechstes Album «Reputation» hat sich allein in den ersten vier Tagen schon 1,05 Millionen Mal verkauft, das ist ein Rekord, kein anderes hat sich 2017 schneller verkauft. Dagegen kommt selbst Ed Sheeran nicht an! Ich bin allerdings ein bisschen enttäuscht, dass das Album ausgerechnet in Deutschland nur auf Platz 2 der Charts eingestiegen ist. Wer ist dieser Mann auf Platz 1? Peter Maffay?! Angeblich so etwas wie ein deutscher Country-Rocker. Na gut, gegen Country sage ich nichts.

Mittelmass

Um ehrlich zu sein: Ich bin keine besonders begnadete Sängerin oder Songschreiberin. Ich kann handwerklich schon einiges, klar, aber ich bin nicht begnadet. Im Pop war das zum Glück noch nie ein Hindernis, Madonna hat es ja auch geschafft, oder Justin Bieber, oder Katy Perry. Abgesehen davon arbeite ich nur mit den allerbesten Hit-Produzenten zusammen. Max Martin zum Beispiel. Der kommt aus Stockholm, und die Schweden haben es ja spätestens seit ABBA total raus mit dem Pop. Max schreibt super schwedenmässige Ohrwürmer und haut Reggae-, Hip-Hop- oder Elektro-Beats darunter. Das waren alles ursprünglich einmal sogenannte schwarze Musikstile, aber bei Max Martin wird einfach Pop daraus. Er hat das früher auch schon für Britney Spears so gemacht, ihr Erfolgssong «Hit Me Baby One More Time» wurde auch von Max Martin geschrieben und produziert. Im Grunde könnte man sogar sagen, dass ich im Pop-Geschäft heute genau die Position habe, die früher mal Britney Spears hatte: das nette All-American Girl, die Pop-Identifikationsfigur für das weisse Amerika, noch dazu hübsch, und eben mit Hilfestellung aus Schweden. Nur hat Britney Spears sich ja irgendwann eine Glatze rasiert. Sie kam mit ihrem Erfolg und dem ganzen Druck irgendwie nicht klar, sie bekam eine richtige Psychose. Mir ist so etwas noch nie passiert.

Referenzen

Künstlerische Experimente? Finde ich nicht so wichtig. Wenn ich Videos für meine Singles drehe oder mit Musikproduzenten zusammen an Songs schreibe, achte ich immer darauf, dass sie in Teilen schon ausreichend bekannt sind. Das ist auf eine Weise ja auch wieder originell, oder auf jeden Fall schlau. Meine Single «Look What You Made Me Do», mit der ich in den USA vor kurzem auf Patz 1 stand und in Deutschland auf Platz 3, klingt zum Beispiel ein bisschen so wie der rotzige Electro-Rap, den die kanadische Sängerin und Sex-Aktivistin Peaches früher in Berlin aufgenommen hat. Manche Leute hören aus dem Song auch Fragmente des Neunzigerjahre-Hits «I'm Too Sexy» von den britischen Muskelbrüdern Right Said Fred heraus. Was soll ich sagen: kein Zufall! Im Video dazu schaukele ich in einem riesigen goldenen Vogelkäfig herum. Wer das wiedererkennt, weiss also, dass es mal einen Parfüm-Werbespot von Chanel gab, in dem die Sängerin und Schauspielerin Vanessa Paradis in genau so einem Vogelkäfig herumschaukelte. Wer die Referenz nicht kennt, hält das für eine spitzen Idee. So funktioniert sehr viel von meiner sehr erfolgreichen Kunst.

Liebhaber

Ich habe gerne wechselnde Boyfriends. Ich bin polygam, aber natürlich auf total respektable Weise. Vielleicht kann man nur als weisses, hübsches, schlaues Mädchen aus der oberen Mittelschicht so respektabel polygam sein, wie ich es bin. Und als Junge natürlich. Das ist wirklich ein sehr kompliziertes Thema. Meine Beziehungen zu meinen Ex-Boyfriends liefern mir jedenfalls den Stoff für meine Texte, und weil ich in den Texten fast nie Namen nenne, kann mir auch fast niemand böse sein. Meine Fans wissen ganz genau, über wen ich jeweils singe, sie können gut zwischen den Zeilen lesen. Meine Ex-Boyfriends sind die Schauspieler Tom Hiddleston und Jake Gyllenhaal, der Popsänger Harry Styles, der DJ Calvin Harris – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sie haben alle gemeinsam, dass sie sehr berühmt sind. Darüber freut sich natürlich die Klatschpresse, aber es ist wirklich nur Zufall. Man lernt eben fast nur noch andere Stars kennen, wenn man so berühmt ist wie ich. Man hat ein stressiges Leben, man verbringt nur wenig Zeit miteinander, das hält nicht immer lange. Drei Monate reichen dann auch. Meistens jedenfalls. Es gibt auch Leute, die sehen in der Tatsache, dass ich bis jetzt immer nur weisse Boyfriends hatte, einen Beweis dafür, dass es immer noch ein grosses Rassenproblem gibt in den Vereinigten Staaten und dass zu wenig von dem passiert, was bei uns «interracial dating» heisst. Aber das ist bei mir auch wieder Zufall. Muss denn immer alles so schrecklich verzwickt sein mit den sogenannten Rassenbeziehungen? Ich bin mir sicher: Wenn ich als Nächstes mal einen schwarzen oder einen asiatischen Boyfriend hätte (was jederzeit passieren kann, ich bin ja wirklich total offen), dann wäre das auch wieder nicht richtig. Dann würde man mir nämlich Tokenismus vorwerfen, also unterstellen, dass der neue Boyfriend nur eine total durchschaubare Feigenblattaktion ist. Vielleicht sollte ich lieber bei weissen Boyfriends bleiben.

Netzwerke

Ich bin ultravernetzt, habe 86 Millionen Fans bei Twitter, 104 Millionen bei Instagram, 74 Millionen bei Facebook. Natürlich kann ich nicht immer mit allen persönlich korrespondieren. Aber wenn ich ab und zu mal mit einigen meiner Fans online nette Nachrichten austausche, was ich tatsächlich gerne mache, dann ist das fast so, als würde ich allen auf einmal tief in die Augen blicken und sie anlächeln. Die Fans haben dann das Gefühl, mir sehr nah zu sein und irgendwie auserwählt, und sie erzählen es all ihren Freundinnen und Freunden. Ein digitaler Schneeballeffekt. Ich will aber auch nicht alles den grossen Social-Media-Konzernen überlassen. Deswegen habe ich gerade meine eigene Social-Media-App lanciert, sie heisst «The Swift Life™» und ist viel besser als Twitter oder Facebook. Weil es hier exklusive Fotos und Videos von mir zu sehen gibt, die es anderswo nicht gibt. Wenn meine Fans die App herunterladen und die Funktion SwiftSends™ nutzen, steigt angeblich die Wahrscheinlichkeit, dass ich persönlich auf ihre Posts reagiere. Wie genau das funktioniert, hat mir mein Programmierer noch nicht erklärt, aber ich finde es sehr interessant. Spezielle Emojis haben wir natürlich auch. Wir nennen sie Taymojis™. Das «TM» steht für Trademark, denn ich bin eine geschützte Marke.

Beef

Wirke ich manchmal nachtragend? Möglich. Das liegt aber nur daran, dass ich die längste Zeit zum Glück unbeschadet durchs Leben gekommen bin, weswegen es mir ein bisschen an Kante fehlte. Deswegen war es rückblickend im Grunde ein grosses Glück, dass der Rapper Kanye West im September 2009 – als mir der Musiksender MTV in New York einen Preis für mein Musikvideo «You Belong With Me» verleihen wollte – auf die Bühne stürmte und sagte, dass die R&B-Sängerin Beyoncé den Preis viel eher verdient hätte als ich. Das war richtig mies von ihm, mir meinen grossen Moment so zu versauen, klar. Aber die Aktion hat mir auch etwas gegeben – etwas, an dem ich mich nun abarbeiten kann: Kanye West. Wir hassen uns seitdem öffentlich. Er hat im vergangenen Jahr auf seinem Album «The Life Of Pablo» behauptet, er hätte mich erst berühmt gemacht. Was für ein Quatsch. Auf meinem neuen Album schimpfe ich zwischen den Zeilen zurück. Acht Jahre geht das nun schon so, hin und her. Man könnte sagen: Statt mich auf die Rolle festlegen zu lassen, dass ich zum Opfer von Kanye Wests Wichtigkeitswahn geworden bin, habe ich mir das Prinzip «Beef» aus dem Hip-Hop angeeignet. So nennen das die Rapper, wenn sie ihre Feindschaften sorgfältig öffentlich inszenieren und vielleicht auch mal ein bisschen länger austragen als nötig, weil es mediale Aufmerksamkeit und Gewinn garantiert. Sollte ich mich bei Kanye West vielleicht mal bedanken? Nein, er soll sich bei mir bedanken.

Geschmeidigkeit

Puh, jetzt muss ich aber erst mal durchatmen, weil jetzt kommt wieder ein komplizierter Punkt: Seit dem Zwischenfall bei MTV scheine ich eine sehr politische Figur geworden zu sein. Ich muss gestehen, dass ich damit meine Schwierigkeiten habe und es übertrieben finde. Klar, ich habe damals den Preis bekommen und Beyoncé eben nicht. Aber das heisst doch nicht, dass ich die systematische Benachteiligung afroamerikanischer Künstlerinnen und Künstler in der Pop- und Entertainment-Industrie, die sicher nicht zu verleugnen ist, allein verkörpere? Das geht zu weit. Auch geht es zu weit, dass heute irgendwelche Idioten behaupten, ich sei die Stimme der Alt-Right-Bewegung in den USA. Oder dass manche Neonazis mich gar als ihre «Aryan Goddess», als arische Göttin, verehren – nur weil sie meinen, in meinen Texten irgendwelche Hinweise auf meine angeblich rechte Gesinnung gefunden zu haben. Ich könnte mich gegen diese Vereinnahmung öffentlich wehren und die Idioten mit einem Dementi ehren – dann bekämen sie aber noch mehr Aufmerksamkeit. Deswegen halte ich mich aus so etwas raus. Ich will es mir mit niemandem verscherzen. Nicht mit den konservativen Country-Hörern im amerikanischen Heartland, die ja zu meinen ersten Fans gehören. Und auch nicht mit den Pop-Fans, die möglicherweise links oder liberal oder demokratisch sind. Vor zwei Wochen zum Beispiel habe ich im amerikanischen Fernsehen bei «Saturday Night Live» einen richtig tollen Auftritt hingelegt: Da sang ich meinen neuen Song «Ready For It?» und tanzte dazu ein bisschen wie Beyoncé, also sehr schön, und hinter mir standen vier Background-Sängerinnen, zwei von ihnen schwarz, eine mit Afro, die andere mit Rastazöpfen. «Guck mal, Taylor hat ihre Freundinnen mitgebracht, da kann sie ja wohl kaum eine Rassistin sein!», war die eine Interpretationsmöglichkeit. Die andere war: «Guck mal, Taylor stellt jetzt schwarze Sängerinnen hinter sich, um in den Mainstream-Medien auftreten zu dürfen.» Raffiniert doppeldeutig! Vor Kurzem musste ich aber dann doch Stellung beziehen: Eine Bloggerin hatte sich mein Video zu «Look What You Made Me Do» angesehen und behauptete dann in einem Text, sie habe darin Hinweise auf Hitler, Eugenik und den Ku-Klux-Klan gefunden. Ich habe ihr über meine Anwälte mitteilen lassen, dass ich sie verklagen werde, wenn sie den Artikel nicht sofort löscht.

Politik

Überhaupt: Warum wird immer ausgerechnet von den Künstlern erwartet, dass sie sich politisch äussern sollen? Künstler machen Kunst, weil sie Künstler sind, und eben keine Politiker. Sonst wären sie ja Politiker geworden. Manche sagen, dass man sich so eine Haltung heute, in der Ära von Donald Trump, nicht mehr leisten könne – und dass an ihr deutlich würde, dass ich mir meiner eigenen Privilegien nicht bewusst sei. Aber welche Privilegien meinen sie? Dass ich weiss und hübsch und schlau bin? Dafür kann ich doch nichts. Ich bin Taylor Swift.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 29.11.2017, 10:04 Uhr

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