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Ich, der Verräter im eigenen Land

Kein Schweizer Intellektueller wird so oft angefeindet wie Adolf Muschg. Für Redaktion Tamedia schreibt er über seine Rolle als Verräter, Christoph Blocher und die ausgedünnten Medien.

«Polit» – seit dem Ende des Kalten Kriegs hat sich das Sowjet-Kürzel (Politoffizier, Politruk) unbemerkt in den Sprachgebrauch eingeschlichen. Es signalisiert eine bestimmte Verödung der politischen Landschaft. Die reale Vielfalt der Meinungen verdorrt, als wäre, wie in meinem Garten, der Buchsbaum-Zünsler am Werk. Verstärkt wird der Schwund substanzieller Öffentlichkeit durch die Ausdünnung dessen, was einmal «Kulturteil» oder «Feuilleton» geheissen hat und jetzt cooler als «Life Style» oder gleich als «Leben» firmiert. Da muss auch ein Buch ein Stück «Leben» sein. Zugleich unterliegen die Bediener des Mediums dem Zwang zur schnellen Abfertigung, auch im Urteil; auf fünfzig Zeilen kann man sich nicht mit Gründen und Hintergründen beschweren. Das Produkt verlangt Aktualität, und wenn, wie Adorno meinte, «gut» in der Warengesellschaft so viel bedeutet wie «bekannt», so wäre es ja Zeitverlust, die Küche bei jeder Bestellung neu zu erfinden. Man bedient sich vorgekochter Gerichte und muss sie nur noch unter der Mikrowelle heiss machen. Dann aber serviert man sie mit dem Gestus der Exklusivität: Niemand soll denken, dass er Fast Food bekommt.

Auch der Kulturteil lebt vom professionellen Umgang mit dem bereits Geläufigen. Als kundenfreundlich gilt ein Produkt, wenn es fast auf der Stelle sättigt und die Verdauung nicht ungebührlich beansprucht. Was einer Substanz ähnlich sieht, verflüchtigt sich schon beim Konsum, doch was haften bleibt, ist eine feste Meinung. Man hat wieder einmal gelesen, was man eigentlich schon gewusst hat.

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