«Ich halte mir die richtige Sorte vom Hals»

Burlesque-Star Dita Von Teese über Feminismus, was Donald Trump von ihr hält und wo man mit #MeToo aufpassen muss.

Obwohl sie als Stripperin und Burlesque-Model arbeitet, sei sie «ziemlich genau das Gegenteil von Freiwild»: Dita Von Teese.

Obwohl sie als Stripperin und Burlesque-Model arbeitet, sei sie «ziemlich genau das Gegenteil von Freiwild»: Dita Von Teese. Bild: Todd Williamson/AP Invasion/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die 1972 geborene amerikanische Performance-Künstlerin Heather Renée Sweet alias Dita Von Teese ist die berühmteste Burlesque-Tänzerin der Gegenwart. Nun hat sie mit dem französischen Hipster-Chansonnier Sébastien Tellier ein somnambules Synthie-Pop-Album aufgenommen: «Dita Von Teese» (Record Makers). Burlesque ist die Kunst des selbstbewussten Striptease mit grotesken und parodierenden Elementen, ein erotisches Spiel mit Diskretion und Rollenerwartungen. Mit anderen Worten: Was sagt eigentlich eine Künstlerin wie Dita Von Teese zu Feminismus und Geschlechterkampf im Jahr 2017?

Ms. Von Teese, Sie sind seit Jahren im Showgeschäft, hatten schon in den Achtzigern viele Hollywood-Freunde. Wie verfolgen Sie nun die #MeToo-Debatte, die durch Enthüllungen aus jener Zeit angestossen wurde?
Ich finde die Debatte interessant und wichtig. Sie führt unter anderem dazu, dass die guten Männer in meinem Umfeld sagen: «Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass all diese Dinge passieren.» Nun: Sie passieren jeden verdammten Tag.

Sie selbst sind also nicht überrascht?
Nicht im Geringsten. Ich kannte diese Harvey-Weinstein-Geschichten schon seit Jahren. Man hat das aber immer mit einem gewissen Schulterzucken hingenommen. «Männer sind eben so», das war die übliche Reaktion.

Sie wussten von konkreten Tatbeständen?
Nicht explizit. Es ist ein schmaler Grat zwischen Aggression, also tatsächlicher sexualisierter Gewalt – und der Ausnutzung patriarchaler Machtverhältnisse. Es geht im zweiten Fall ja häufig gar nicht um Sex, sondern darum, Menschen herabzuwürdigen.

Finden Sie, dieser Unterschied kommt in der aktuellen Debatte zu kurz?
Einige Geschichten lassen mich ratlos. Vorhin habe ich einen Tweet gelesen, in dem sich eine Frau darüber beschwerte, dass ein Senator ihr an den Hintern gepackt habe. Wenn ich jedes Mal einen Dollar bekommen würde, wenn etwa Schauspieler oder Journalisten mich bei gemeinsamen Selfies am Hintern berühren, müsste ich nicht mehr arbeiten. Insofern belustigt mich so was eher. Das ist dann doch noch etwas anderes als sexueller Missbrauch.

Viele Leute sagen: Die Definition liegt im individuellen Ermessen.
Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir das Geschlechterverhältnis nicht zusätzlich verkrampfen. Wenn mich jemand küssen will, von dem ich nicht geküsst werden möchte, ist das noch kein Missbrauch. Soziale Medien sind ein mächtiges Instrument zur Initialisierung und Verbreitung einer solchen Debatte. Sie tragen allerdings kaum zu deren Vertiefung bei. Ich habe eine ganze Reihe von Freunden, die Opfer von schwerem Missbrauch geworden sind. Wenn ich darüber twittern würde, dass dieser oder jener Schauspieler meinen Hintern angefasst hat, käme es mir so vor, als würde ich die Erfahrungen dieser Freunde marginalisieren.

Ein Freund sagte letztens zu mir: «Du bist ziemlich genau das Gegenteil von Freiwild.»

Trauen Sie der #MeToo-Debatte eine nachhaltige Wirkung zu?
Die Debatte verdeutlicht, in welchem Ausmass Frauen überall auf der Welt tagtäglich als Freiwild angesehen werden. Dass es für die meisten Frauen ein völlig normaler Bestandteil ihres Lebens ist, mit dieser Tatsache umzugehen.

Sie haben lange als Stripperin gearbeitet. Frauen in diesem Beruf werden von gewissen Männern automatisch als Freiwild betrachtet. Wie sieht es mit Ihren eigenen Missbrauchserfahrungen aus?
Ich habe immer gut auf mich aufgepasst, etwas richtig Schlimmes ist nie passiert. Wenn ich früher Dessousfotos gemacht habe, wurde vorher ein Aufpasser engagiert. Unangenehme Situationen gab es nur ausserhalb meiner Arbeit. Ein Freund sagte letztens zu mir: «Du bist ziemlich genau das Gegenteil von Freiwild.»

Sie wirken stark und unnahbar. Frauen wie Sie machen manchen Männern Angst.
Ich halte mir jedenfalls genau die richtige Sorte vom Hals. Vor einigen Jahren hatte ich einen Termin mit Donald Trump – er konnte mich von Anfang an nicht ausstehen. Gut so.

Warum haben Sie ihn getroffen?
Er wollte, dass ich in seiner TV-Show auftrete, «The Apprentice». Ich kannte die Show vorher nicht, also habe ich mich mit ihm getroffen. Als mir klar wurde, worum es sich dabei handelt, habe ich das Interesse verloren. Ich bin weder starstruck, noch mag ich solche Formate.

Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass dieser Mann Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden könnte?
Nein, damals nicht. Aber überrascht war ich später trotzdem nicht. So ziemlich jede Fernsehfigur könnte es in diesem Land zu etwas bringen. Die Leute lieben das Fernsehen, sie wollen unterhalten werden. Wenn beim nächsten Mal Dolph Lundgren kandidiert, werden sie auch ihn wählen.

Er konnte nicht verstehen, warum wir Trump nicht mögen.

Hat sich in Ihrem täglichen Leben etwas geändert durch die Trump-Wahl?
Es ist ein ewiges Ringen: hier christliche Fundamentalisten und Konservative, dort Liberale. Ich lebe in Kalifornien, hier ist alles so wie immer.

Ursprünglich kommen Sie aus Michigan. Donald Trump hat dort die Mehrheit der Stimmen geholt. Sind Sie noch manchmal in der Gegend?
Zuletzt bin ich dort mit einem sehr offensichtlich schwulen Freund Taxi gefahren, und wir haben uns gleich mit dem Fahrer angelegt. Er konnte nicht verstehen, warum wir Trump nicht mögen. Für Leute wie uns ist es in solchen Gegenden nicht leicht in diesen Tagen. Was ich aber gut finde, ist das Mass an Repolitisierung, welches die Trump-Wahl ausgelöst hat. Die Leute engagieren sich, werden aktiv, machen den Mund auf. Viele Freunde von mir haben seit Ewigkeiten nicht gewählt, da sie das System als Ganzes verachten. Jetzt können sie die Folgen dieses Verhaltens besichtigen. Ich hoffe, bei den nächsten Wahlen werden einige von ihnen das Ganze ein bisschen ernster nehmen.

Das Programm von Donald Trump macht sich die Sehnsucht vieler Leute nach den angeblich so guten alten Zeiten zunutze. Das gilt in anderer Weise auch für Sie: Künstlerisch leben Sie in einer Art Paralleluniversum, das sich aus den goldenen Jahren Hollywoods, Figuren wie Betty Page und der grossen Zeit des American Vaudeville speist. Politisch war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts aber ja vor allem eine bigotte, repressive Zeit. Wie lösen Sie diesen Widerspruch auf?
Einerseits bin ich aus den von Ihnen genannten Gründen froh, in einer Zeit zu leben, in der Burlesque zu einem Symbol für modernen Feminismus geworden ist. In meine Shows kommen vor allem Frauen und Leute aus der LGBT-Gemeinde. Es gibt also eine Botschaft, die es früher nicht gab. Trotzdem sind die formativen Jahre dieser Kunstform für mich ein Sehnsuchtsort. Ungeachtet dessen glaube ich übrigens nicht, dass früher irgendetwas besser war. Es war schon immer genauso schlimm wie jetzt. Heute haben wir allerdings Informationen, die uns in die Lage versetzen, etwas dagegen zu tun.

Die Definition von Feminismus hat sich geändert. Für viele Feministinnen früherer Generationen wäre eine nackt in einem Cocktailglas liegende Frau als feministische Ikone nicht geeignet gewesen.
Ich habe mir da eine Nischenposition erarbeitet. Als ich aufgewachsen bin, gab es nicht besonders viele Sexsymbole, mit denen ich mich hätte messen können. In den Achtzigern und Neunzigern ging es vor allem um sogenannte natürliche Schönheit: braun gebrannt und ungeschminkt im Badeanzug am Strand. Das bin ich aber einfach nicht, das hat nicht zu mir gepasst. Also habe ich mich an der Vergangenheit orientiert und bin dort auf Vorbilder gestossen, in die ich mich verwandeln konnte. Es ging nicht darum, schön zu sein, sondern Schönheit zu kreieren. Durch Style, Schminke, Inszenierung.

Mit 25 habe ich mir gedacht: «Du wirst nie wieder so perfekt aussehen wie heute, ab jetzt geht es bergab.» Was für ein Irrtum!

Diese angeblich natürliche Schönheit der Frauen am Strand war natürlich auch eine Inszenierung. Der Unterschied ist bloss: Sie haben Natürlichkeit gar nicht erst vorgegaukelt.
Das ist mir wichtig, ja. Meine Botschaft an andere Frauen ist: Wenn ich mich mit ein paar Tricks derart verwandeln kann, könnt ihr das auch.

Braucht Heather Sweet aus Rochester, Michigan, die Kunstfigur Dita Von Teese, um ihre natürliche Schüchternheit zu überwinden?
Ich habe nie versucht, meine Persönlichkeit zu überwinden. Es ging immer nur um die Schüchternheit. Sehen Sie: Es ist neun Uhr morgens, ich sitze in meiner Küche, bin kaum zurechtgemacht und habe nur ein bisschen Lippenstift für dieses Interview aufgetragen. Es wäre doch sehr langweilig, wenn ich in jeder Lebenssituation diese mächtige Kunstgestalt Dita Von Teese wäre. Wenn die Leute in meinen Shows hinter der Maske immer auch einen Teil von Heather Sweet entdecken, habe ich alles erreicht.

Eines ihrer grossen Vorbilder, die Burlesque-Tänzerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Gipsy Rose Lee, stand bis zu ihrem Tod auf der Bühne. Denken Sie darüber nach, wie lange Sie das noch machen wollen?
Als ich 25 war, habe ich nach jeder Fotosession gedacht: Du wirst nie wieder so perfekt aussehen wie heute, ab jetzt geht es bergab. Was für ein Irrtum! Es fliessen so viele andere Dinge in die Ausstrahlung eines Menschen ein als nur äussere Schönheit: Erfahrung, Weisheit, Intellekt, Humor. Viele Dinge, die man als junger Mensch noch gar nicht haben kann, sind viel aufregender als Schönheit.

Eine Erkenntnis, die sich in Hollywood noch nicht durchgesetzt hat.
Es ist natürlich auch ein Kampf gegen die in der Showbranche übliche Form von Altersdiskriminierung, die sich ja nur gegen Frauen richtet. Damit sind wir im Grunde wieder bei #MeToo: Frauen wird von Männern vorgeschrieben, wie lange sie dieses oder jenes tun dürfen. Ich bin 45, ich sehe Frauen wie Jennifer Lopez, Madonna oder Gwen Stefani, die sogar noch einige Jahre älter sind als ich – und finde sie supersexy! Ich werde in meinen Shows immer wieder Menschen unterschiedlichen Alters und Aussehens auftreten lassen.

Ist es eigentlich nicht manchmal furchtbar anstrengend, die Disziplin aufzubringen, die es für Ihre Produktionen braucht?
Ein bisschen, aber nicht so sehr. Das Wichtigste ist, ausreichend zu schlafen, sich vernünftig zu ernähren. Ich bin nicht besessen, es geht um eine gesunde Balance.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.12.2017, 16:17 Uhr

Artikel zum Thema

Lolita soll gehen

In New York ist eine Debatte um Balthus’ Mädchenbilder entbrannt. Die #MeToo-Debatte beim Bilderverbot? Mehr...

«Time»-Magazine kürt #MeToo-Frauen

Personen des Jahres: Ausgezeichnet wurden die «Silence Breakers», die sexuelle Übergriffe publik machten. Mehr...

Empört euch richtig!

Kommentar Was unter #metoo publiziert wird, ist schrecklich und gehört an die Öffentlichkeit. Doch die Unbarmherzigkeit des Verfahrens ist fragwürdig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ein Winternachtstraum

Tingler 5 Weihnachtswünsche – für andere

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...