Er pflanzte 300 Bäume in ein Fussball-Stadion

Landschaftsarchitekt Enzo Enea liebt Bäume so fest, dass er sie vor der Säge rettet und in ein Museum stellt.

Enzo Enea steht in seinem Baummuseum unter den Ästen einer österreichischen Waldföhre, die einer Garage weichen musste. Foto: Andrea Zahler

Enzo Enea steht in seinem Baummuseum unter den Ästen einer österreichischen Waldföhre, die einer Garage weichen musste. Foto: Andrea Zahler

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Es hat am frühen Morgen geregnet. Nun bricht die Sonne durch die Wolken und scheint auf das Baummuseum in Rapperswil-Jona. Es glänzt und spiegelt überall – auf den Blättern und Nadeln, im Rasen und an den Pflanzentopfrändern.

Wir stehen in der Sumpfzypressenallee, die zum Baummuseum und zum Firmengelände von Landschaftsarchitekt Enzo Enea führt. 38 dieser Nadelbäume säumen links und rechts den rund 200 Meter langen Kiesweg. Ihre vielen kleinen, grünen Zapfen lassen die gefiederten Äste etwas nach unten hängen, sodass sie die vorbeifahrenden Autos leicht streicheln.

Die Sumpfzypressen sind eigentliche Wassersäufer. Und deshalb stehen sie auch hier. Denn das Land, das Enea von der Zisterzienserabtei Kloster Mariazell-Wurmsbach gepachtet hat, ist sumpfig, weil das Grundwasser ständig nach oben drängt. Da leisten diese Zypressen für das Baummuseum gute Arbeit; sie drainieren unentwegt den Boden und befeuchten die Luft.

Schwerer als Wasser

Über Bäume weiss Enzo Enea (55) viel. Deshalb hat ihn auch Basels Kulturvermittler Klaus Littmann hinzugezogen, als es darum ging, für sein Anfang September eröffnetes und noch bis Ende Oktober dauerndes «For Forest»-Projekt im Wörthersee-Stadion von Klagenfurt einen Mischwald hinzusetzen. Knapp 300 zwischen 50 und 60 Jahre alte Bäume wählte Enea dafür aus. Sie stammen alle aus Baumschulen, wo die Bäume alle vier Jahre umgepflanzt werden und es deshalb gewohnt sind, den Standort zu wechseln.

Ein Mischwald in einem Stadion: Die Kunstinstallation «For Forest» in Klagenfurt Österreich. Foto: Keystone

Für Enea ist das «For Forest»- Projekt sein bisher grösstes Baumprojekt. Doch baummässig ist sein Museum am Zürcher Obersee eine Herzensangelegenheit. Vor knapp zehn Jahren hat er es eröffnet. Über 50 ausgewählte Bäume beherbergt es – Bäume, die hätten gefällt werden sollen. Bei Tieren würde man von einem Gnadenhof sprechen. Hier werden die geretteten Bäume als ästhetische Einzelobjekte inszeniert. In einem grossen Topf erhebt sich eine Japanische Schwarzkiefer.

Fast zu jedem einzelnen Baum weiss Enea eine Geschichte zu erzählen.

Unübersehbar ist der Mammutbaum, leicht übersehbar der Eisenholzbaum, dessen Holz schwerer ist als Wasser. Und am Zier-Apfelbaum blitzen kleine, rote Früchte auf. Sie alle stehen in einem Gelände, das in seiner Grösse und Form ungefähr der ovalen Leichtathletikanlage eines Olympiastadions entspricht.

Fast zu jedem einzelnen Baum weiss Enea eine Geschichte zu erzählen. Da steht ein über 100-jähriger Fächer-Ahorn. Er befand sich einst im Park des Universitätsspitals Zürich und hatte einem Neubau zu weichen. «Der Klinikdirektor wehrte sich gegen die Fällung und erwirkte, dass der Baum verpflanzt wurde.» Die österreichische Waldföhre, auf die Enea zeigt, stammt aus Maienfeld, wo sie einer Garage weichen musste.

Im Baummuseum hat sie nun genauso einen neuen Platz gefunden wie die alte Rosskastanie mit Jahrgang 1902, die in Schänis im Kanton St. Gallen jahrzehntelang als Anschlagsäule für unterschiedlichste Veranstaltungen gedient hatte, bis sie einer Strassenverbreiterung im Wege stand. Noch heute stecken in ihrem Stamm unzählige Nägel, mit denen die Plakate befestigt wurden.

Es ist nicht einfach, einen alten Baum umzupflanzen. Leicht kann das Wurzelwerk beschädigt und dadurch dem Baum seine Lebenskraft genommen werden. Aufbauend auf den Kenntnissen seines früheren japanischen Karatelehrers, eines Bonsai-Spezialisten, hat Enea ein eigenes Verfahren entwickelt, wie man die Wurzeln beschneiden kann, um den Baum ohne grossen Schaden auszugraben und sicher zu verpflanzen. Das ist ihm gerade bei der Bestückung seines Baummuseums zugutegekommen.

Integration statt Dekoration

Schon als Bub lernte Enzo Enea die Welt der Gärten kennen. Seinem Vater, der mit 19 Jahren als Steinmetz und Gestalter dekorativer Pflanzentöpfe von Bologna in die Schweiz gekommen war und hier ein Gartendekorationsgeschäft gegründet hatte, half er im Geschäft. Später bildete er sich zum Industriedesigner aus und studierte anschliessend in London Landschaftsarchitektur. Heute steht an dieser Stelle Enzo Eneas Landschaftsarchitektur-Unternehmen samt Baummuseum und einer riesigen Baumschule, die sich auf einer Fläche in der Grösse von zehn Fussballfeldern ausbreitet.

«Mein Vater hat die Gärten mit seinen Pflanzentöpfen eher dekoriert; ich suche die Integration»Enzo Enea

Doch ganz verschwunden ist die Steinmetzarbeit seines Vaters nicht. Blickt der Besucher vom Empfangsraum hinaus ins Grüne, fällt der Blick auf ein Depot schön geordneter Pflanzentöpfe, darunter solcher, die einst Eneas Vater aus Stein gehauen hat. Zudem ragen im Baummuseum als gestalterisches Element zahlreiche Muschelkalksteinblöcke in die Höhe, die aus dem Fundus des Vaters stammen.

«Mein Vater hat die Gärten mit seinen Pflanzentöpfen eher dekoriert; ich suche die Integration», sagt Enea. Und er hat damit Erfolg. 1998 erhielt er den Newcomer-Preis der renommierten Chelsea Flower Show in London, und an den Giardina-Messen in Basel und Zürich hat er mehrere Preise abgeholt. Inzwischen beschäftigt er über 200 Mitarbeiter, vom Gärtner über den Schreiner bis zum Elektriker und Bauingenieur. Auch einen Baum-Scout beschäftigt er, der in Baumschulen nach besonderen Bäumen – Weinkenner würden von Grand Cru sprechen – für seine Projekte sucht. Inzwischen unterhält Enea gar Zweigstellen in Miami und New York, die ihm die Gestaltung von Gartenanlagen in den verschiedenen Klimazonen ermöglichen.

«Ein grosses Problem»

Er tut das natürlich gerne. Aber nicht für jeden Preis. Enea setzt sich hartnäckig für eine höhere Wertschätzung der Bäume ein. Und diese Haltung beschränkt sich nicht allein auf sein Baummuseum. Er kämpft dafür, dass Bäume im öffentlichen Raum ebenso wie in privaten Gärten und Hotelanlagen zu ihrem Recht auf ein würdiges Leben kommen. «Die bauliche Verdichtung ist für Bäume ein grosses Problem», sagt Enea. «Architekten bauen etwas, und am Schluss darf sich der Landschaftsgärtner auf der freien Fläche um das Grün kümmern. Aber wo einen halben Meter unter der Oberfläche die Tiefgarage anfängt, können keine Bäume gepflanzt werden, die für ein besseres Mikroklima sorgen würden.»

Für Enea ist es wichtig, dass der Landschaftsarchitekt von Anfang an in ein Bauprojekt einbezogen wird, um genau solche Fehler zu verhindern. «Bauleute müssen hier mehr investieren.»

In Peking taten sie das. Um das Genesis Community Center am Fluss Liang Ma setzte Enea für die Gartenanlage des Hotels Bulgari 80- bis 100-jährige Pinien, die ausser im kaiserlichen Sommerpalast kaum in chinesischen Gartenanlagen vorkommen. Enea hatte die Pinien ausserhalb von Peking ausgegraben und umgepflanzt. Es war eine Rettungsaktion, denn die Bäume hätten für die Holzproduktion gefällt werden sollen.

Vom Wind geformt

Vor wenigen Monaten hat Enea auch mehrere Lärchen, die einer Lawinenverbauung wegen weichen mussten, zu sich holen können – knorrige, von Wind und Schnee skurril geformte Koniferen, die nun wie Skulpturen in seinem das Baummuseum umgebenden Park stehen.

So künstlich Park und Museum auch angelegt sind – es ist doch ein Biotop, wo der grosse Baum ebenso seinen Platz hat wie kleine Pflanzen: Im nächsten Jahr wird Enea im einen Parkwinkel mit Sicht auf See und Hügel eine Blumenwiese anlegen. Sie sollen hier, wo bereits Bienen in zwei Häuschen Honig produzieren, noch mehr Insekten anlocken. Zahlreiche Singvögel leben hier schon.

Erstellt: 17.10.2019, 19:30 Uhr

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