Im Terror der Bescheidenheit

Güzin Kar darüber, wie und wann man bescheiden sein sollte – oder eben nicht.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letzte Woche erschien ein Kommentar in der NZZ, worin der Autor mehr Bescheidenheit forderte, als Wunsch an die Gesellschaft. Roger Federer sei zurzeit der Einzige, der echte Bescheidenheit an den Tag lege.

Federer als Beispiel für Bescheidenheit zu nennen, ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn man die britische Queen als Vorbild für würdevolles Altern heranziehen würde. Ausgestattet mit demselben Vermögen und dem Beraterstab im Umfang einer Kleinstadt, könnte jeder Mensch in Würde altern und dabei bescheiden wirken, was nicht gegen die Queen oder Federer spricht, aber gegen die Verwechslung von Attitüde und Charakter. Und gegen jene bigotte Haltung des Mittelstandes, die Bescheidenheit als Gebet gegen die eigene Ohnmacht in einer neoliberalen Ordnung propagiert, in der Erfolg als Gottheit verehrt wird, man aber um keinen Preis auffallen soll. Zara-Gründer Amancio Ortega, einer der reichsten Männer der Welt, wird dafür bewundert, dass er in einer Spelunke zu Mittag isst. Solange die Attitüde stimmt, schöpft keiner Verdacht.

Die Grenzwerte für Bescheidenheit sind im Übrigen für Männer und Frauen nicht dieselben, was der zweite Grund war, weshalb ich den Text ärgerlich fand. Schon als Mädchen wird dir eingebläut, dass Zurückhaltung neben einem guten Körper die eigentliche Zierde des weiblichen Geschlechtes sei. Mein Poesiealbum strotzt nur so von Sinnsprüchen wie: «Sei immer bescheiden, verlang nie zu viel, so kommst du zwar langsam, aber sicher ans Ziel.»

Dass Mädchen angehalten waren, besonders langsam und sicher ans Ziel zu gelangen, verstand sich von allein, auch deshalb, weil kaum ein Junge ein Poesiealbum besass. Das Ziel war natürlich irgendein Frosch, der sich zum Prinzen wandeln würde.

Auch später im Leben wirst du als Frau auf Schritt und Tritt auf deine Bescheidenheitsbilanz hin abgecheckt. Das kennt jede von uns: Man bringt in einer Besprechung einen guten Vorschlag ein, der sofort dem Kollegen untergejubelt wird. Man hält nun ­entweder die Klappe und trägt zum Firmenfrieden und zur fremden ­Männerkarriere bei – oder man protestiert und kriegt im imaginären Poesie­album als besonderes Kennzeichen «unentspannt und untervögelt» attestiert. Zum Glück gibt es viele Frauen, die diese Erwartungshaltung persiflieren, aber sobald man den Boden der Comedy verlässt, erheben sich Mahnfinger.

Wage ich es, in dieser Kolumne einen Quervergleich zu meiner Tätigkeit als Filmerin zu ziehen, bekomme ich erboste E-Mails von Journalisten (Frauen nicht mitgemeint), die es unverschämt finden, dass ich etwas aus meinem Berufsalltag erzähle. Als Regisseurin zu arbeiten, gilt schon bei blosser Erwähnung als Prahlerei. Für meine männlichen Kolumnenkollegen, die ebenfalls in der Kultur tätig sind, gilt diese Schreibsperre nicht, und sie können, so oft sie wollen, Bezug nehmen auf ihre Filme und Bühnenarbeiten, ohne dass sich einer daran störte.

Vermutlich ist man eher berauscht davon, in welch bescheidenen Worten der Mann sein Wirken besingt. Vielleicht isst er auch in günstigen Eck­kneipen. Wo Bescheidenheit zum moralischen Gütesiegel wird, regt sich mein Misstrauen. Ich brauche keine gesellschaftlichen Poesiealben, mir reicht Höflichkeit. Diese kann auch von Menschen ausgehen, die in der Sache laut sind. Die wenigsten von uns werden Roger Federer oder die britische Queen. Da können wir uns wenigstens den Bescheidenheitsterror sparen.

Erstellt: 15.06.2018, 15:31 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Denkverbote

Kolumne Güzin Kar über sprechende Hunde und die Zensur von Gedanken. Mehr...

Was wurde aus #MeToo?

Kolumne Güzin Kar über den vermeintlichen Bedeutungsverlust des Twitter-Hashtags. Mehr...

Männer in kurzen Hosen

Kolumne Güzin Kar über die Seuche böser Kommentare, wenn der Mann im Sommer das Falsche trägt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Mamablog Zur Erholung ins Büro?

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...