In den Schraubstöcken der alten Legenden

Wenn uns Markus Somm über den Zustand der Schweiz im Spätmittelalter belehren will, nutzt er Werkzeuge, die selbst Geschichte sind. Eine Replik von Simon Teuscher.

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Die Beschäftigung mit der älteren Geschichte der Schweiz öffnet im besten Fall ungewohnte Perspektiven auf nur vermeintlich Selbstverständliches. Im schlechteren Fall kippt sie in eine Art Nationalfrömmelei, die jede Anfechtung überkommener Glaubenssätze verabscheut – und vor allem denjenigen Fakten huldigt, die sich in die Schraubstöcke der alten Heldenlegenden murksen lassen. In der Replik auf ein Interview mit dem Historiker Valentin Groebner (TA vom 28. 4.) verwendet der Chefredaktor der «Basler Zeitung», Markus Somm, für seine schweizergeschichtlichen Basteleien einen methodischen Werkzeugkasten, der selbst Geschichte ist. Hierzu drei Bemerkungen.

Erstens: Es muss nicht immer der Staat sein. Folgt man Markus Somm, hängt die Relevanz der Geschichte der Schweiz vor dem 19. Jahrhundert davon ab, ob diese schon damals ein Staat war. Als würden wir eine weiter zurückliegende Vergangenheit nur erforschen, um festzustellen, dass damals alles so war wie heute! Interessant sind ja gerade die Umbrüche, die der Raum der heutigen Schweiz seit dem Mittelalter durchlaufen hat. Vorstaatliche Organisationsformen, Kriegsunternehmertum und «Statebuilding» wurden in den letzten Jahrzehnten zu wichtigen Themen der Geschichtswissenschaft. Nach praktisch allen dabei angelegten Kriterien war die alte Eidgenossenschaft kein Staat.

Gerade deshalb fasziniert sie weit über ihre Grenzen hinaus. Sie war eine Konföderation aus kleinen, nicht monarchischen Gemeinwesen wie Zürich, Bern und Uri. Diese behaupteten sich in einem Europa, in dem die entstehenden nationalen Flächenstaaten immer stärker dominierten. Entscheidend dafür war, dass die eidgenössischen Gemeindestaaten nicht nur untereinander kooperierten, sondern auch Bündnisse mit umliegenden Mächten abschlossen – und so privaten Kriegsunternehmern Märkte in ganz Europa zugänglich machten. Die Geschichte der Eidgenossenschaft vor 1848 ist eine Erfolgsgeschichte zwischen- und nicht staatlicher Verflechtungen.

Zweitens: Es dreht sich nicht alles ums Sein oder Nichtsein der Nation. Markus Somm schreibt, als würde ein Streit darüber toben, ob am Morgarten 1315 überhaupt ein Gefecht stattgefunden hat – und als habe dieses über die Existenz der heutigen Schweiz entschieden. Doch darum geht es gar nicht. Wer untersucht, an welche Vorbildtexte sich eine Quelle zu Morgarten anlehnt, ordnet diese in damalige Verständnishorizonte ein. Friedrich Baethgen hat die Forschung zu Morgarten einst weitergebracht, als er entdeckte, dass der zeitlich am nächsten zum Ereignis entstandene Schlachtbericht streckenweise einer Bibelstelle nachempfunden ist.

Heute stehen die Diskussionen an einem anderen Ort. Sie befassen sich damit, wie sich der Konflikt jenseits von Rückprojektionen über nationale Bewährungsproben erklären lässt. Es ist, gelinde gesagt, schräg, in einem Konflikt, in dem wahrscheinlich Schwyzer auf Zuger und Zürcher eindroschen, die Verteidigung eines nationalen «Wir» zu suchen.

An der Sache vorbeigeeifert

Ziemlich sicher hatte das Gefecht mit einer Intervention in eskalierende lokale Weidestreitigkeiten zu tun, denen gesamteuropäische Wirtschaftsentwicklungen zugrunde lagen. Immer mehr Bauern der Gegend spezialisierten sich auf Viehwirtschaft. So richteten sie sich auf die wachsenden städtischen Märkte in Norditalien aus, wo die Nachfrage nach Käse und Fleisch boomte. In der Folge verschärfte sich auch am Alpennordrand die Konkurrenz um Nutzungsrechte an Hochweiden. Ausserdem waren die lokalen Weidekonflikte wohl mit Adelsfehden verstrickt. Oder drohten die Alpweiden am Mythen sogar Schauplatz des europaweiten Streits um die Krone des Heilligen Römischen Reichs zu werden? Da bleibt manches zu klären. Solche Diskussionen lassen sich nicht mit der ebenso unbestrittenen wie trivialen Feststellung ersticken, dass die Schlacht am Morgarten ein Fakt ist.

Drittens: Es gibt auch nebensächliche Fakten. Zwar ist es immer besser, wenn alle Daten stimmen. Aber es tut hier wenig zur Sache, ob Baethgen seinen Fund in den 30er-Jahren machte (wie Groebner im Interview annäherungsweise angab) oder schon 1923 (so der harte Fakt, den Somm nachgeschlagen hat). In diesem spezifischen Zusammenhang ebenso wenig relevant ist, ob Baethgen später dem Nationalsozialismus näherstand als andere rechtsbürgerliche Zeitgenossen. Oder geht es etwa darum, jetzt auch noch die alte Schlacht am Morgarten in die Nähe der Opfer des Nationalsozialismus zu rücken?

Eigentlich wäre es in besagtem Interview um ein neues Buch zur Deutungsgeschichte Wilhelm Tells gegangen. Dass Markus Somm darüber kein Wort verliert, ist vielleicht bezeichnend: Statt die aktuelle Fachliteratur zur Kenntnis zu nehmen, arbeitet er sich an Nebensachen ab. Und eifert an einer interessanten Auseinandersetzung über die Geschichte der Schweiz vorbei.

Erstellt: 04.05.2016, 10:15 Uhr

Simon Teuscher ist seit 2007 Professor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich.

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