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«In diesem Vorlesungssaal gibt es kein Nilpferd»

Der Philosoph Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889–1951) war vielfach talentiert – und ziemlich eigenwillig.

Heute gilt der Sprössling einer angesehenen und wohlhabenden Wiener Familie als einer der grössten Philosophen. Geboren wurde er am 26. April vor 125 Jahren. Die Texte und Thesen des österreichisch-britischen Philosophen sind weltweit Pflichtlektüre für Studierende der Philosophie und Literatur. In Oxford zum Beispiel setzen sich die Lernenden intensiv mit Wittgensteins «Philosophischen Untersuchungen» und deren Relevanz für Ästhetik, Psychologie und Religion auseinander.

In Cambridge, der Alma Mater von Wittgenstein, wird der Philosoph gleich an mehreren Orten geehrt. Wittgenstein-Gesellschaften in aller Welt bewahren sein Gedenken mit Lesungen, Veranstaltungen und Seminaren. Seine Thesen waren bildhaft, klar und knapp. Der britische Philosoph Bertrand Russell, Wittgensteins Freund und Förderer, bezeichnete den Österreicher als das «perfekteste Beispiel eines Genies im traditionellen Sinn, das ich je gesehen habe – leidenschaftlich, gründlich, intensiv und dominierend.»

Russell verzweifelte in Cambridge aber auch an der Eigenwilligkeit seines Studenten: «Ich sagte ihm, in diesem Vorlesungssaal gibt es kein Nilpferd. Aber auch nachdem ich unter allen Bänken und Tischen nachgeschaut hatte, blieb er vom Gegenteil überzeugt.»

Freiwillig im Krieg

Das Trinity College Cambridge nimmt das Gedenken an den Philosophen zum Anlass, die unterschiedlichen Erfahrungen von Wittgenstein und Russell während des Ersten Weltkriegs zu beleuchten. «Auf den ersten Blick scheint es, als könnten die Unterschiede zwischen den beiden nicht grösser sein», erklärte Philosophieprofessor Simon Blackburn. Während Wittgenstein für sein Vaterland an die Front ging und hoch dekoriert wurde, kam Russell für seinen Pazifismus hinter Gitter. Trotz der unterschiedlichen Wege sieht Blackburn einen gemeinsamen Nenner. Denn, so schreibt er im College-Magazin «The Fountain», der damals 25-jährige Wittgenstein sei «nicht aus Prinzip» für Österreich in den Krieg gezogen.

Für seinen freiwilligen Einsatz an der Ostfront und in Italien sei nicht das «falsche Ideal militärischer Herrlichkeit» ausschlaggebend gewesen, sondern Wittgenstein habe sich im Sinne seiner «christlichen Werte von Reinheit, Opferbringung und Vergebung» selbst prüfen wollen, ob und wie der Krieg ihn verändert.

Vermögen verteilt

Diese These scheint mit Wittgensteins Hauptwerk, dem «Tractatus Logico-Philosophicus» belegt zu werden, an dem der Philosoph zwischen 1914 und 1918 arbeitete. «Vielleicht bringt mir die Nähe des Todes das Licht des Lebens», schrieb Wittgenstein darin.

Das Werk wurde seine Doktorarbeit in Trinity. Nach der Kriegserfahrung beschloss Wittgenstein, der am 26. April 1889 als jüngste von acht Kindern des wohlhabenden jüdischen Stahlunternehmers Karl Wittgenstein in Wien geboren wurde, sich als Volksschullehrer und Gärtnergehilfe zu verdingen.

Sein 1913 geerbtes Millionenvermögen vermachte er nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1919 seinen Geschwistern. Ein erheblicher Teil kam, gemäss der Familientradition, der Förderung zeitgenössischer Schriftsteller und Künstler zugute.

Karriere unterbrochen

Doch 1929 kehrte Wittgenstein ans Trinity College in Cambridge zurück, wo er sich bereits 1911 als Student eingeschrieben hatte. Er lehrte dort bis 1947 Philosophie und wurde zum Mitglied des College gewählt. 1939 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft.

Der Zweite Weltkrieg brachte einen erneuten Bruch in der akademischen Karriere: Wittgenstein arbeitete zeitweise als Pfleger in einem Londoner Spital. Ab 1944 war er wieder an der Universität tätig und vollendete seine «Philosophischen Untersuchungen».

Sie wurden zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlicht. Wittgenstein starb am 29. April 1951 – kurz nach seinem 62. Geburtstag, an Prostatakrebs, und ist in Cambridge beerdigt. Seinen Freunden liess er als letztes Wort ausrichten: «Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe.»

SDA

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