In einem Schweizer Buch lieferte sich Relotius ans Messer

Im Sammelband «Wellen schlagen» berichtet der «Spiegel»-Reporter, wie er Spenden von Lesern sammelte. Diese erreichten aber nie ihr Ziel.

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«Spiegel»-Reporter Claas Relotius hat offenbar nicht nur seine Geschichten gefälscht und erfunden. Mittlerweile steht er unter Verdacht, Spendengelder missbraucht zu haben. Die Spur zu diesem mutmasslichen Betrug legte Relotius selbst – in einem Mitte Dezember im Schweizer Stämpfli-Verlag erschienen Sammelband «Wellen schlagen».

Relotius ist einer von insgesamt 20 Reporterinnen und Reportern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in diesem Buch die «Geschichte danach» erzählen: Was bewirkte eine Reportage von ihnen, welche Auswirkungen hatte sie auf die darin beschriebenen Personen? Herausgegeben wurde das Buch von der Doyenne des Schweizer Reportagejournalismus, Margrit Sprecher, und vom Chefredaktor des Magazins «Reportagen», Daniel Puntas Bernet.

Relotius beschreibt in seinem Beitrag die Folgen seiner im Juli 2016 im Spiegel erschienen Reportage «Königskinder». In der Reportage begleitet er die syrischen Geschwister Ahmed und Alin, die im Krieg ihre Eltern verloren und in der Türkei zu schwerer Arbeit gezwungen werden. Die Geschichte geht ans Herz und sie bekam Preise. Wie der «Spiegel» aber nun herausgefunden hat, ist fast nichts wahr daran. Die Kinder sind keine Geschwister, Ahmed ist kein Waise und vom Mädchen Alin weiss man überhaupt nicht, ob es wirklich existiert.

«Er hat sich das selbst ausgesucht»

Dennoch bietet Relotius den Schweizer Verlegern an, gerade zu dieser Geschichte eine Fortsetzung zu schreiben. «Das kam nicht von uns, er hat sich das selbst ausgesucht», sagt Margrit Sprecher. Im Nachhinein erscheint Relotius’ Entscheidung fatal. In einem Buch, das seine Kollegen vom «Spiegel» sicher lesen würden, schreibt er von Dingen, die ihm Probleme einhandeln müssen: Er beschreibt, dass die beiden Kinder mittlerweile in Deutschland seien, «dank der Spendengelder, die ‹Spiegel›-Leser auf mein privates Konto überwiesen». Tatsächlich wollten nach Erscheinen der Reportage «Königskinder» viele «Spiegel»-Leser helfen. Relotius bot an, ihre Spenden zu verwalten und schickte von seiner privaten Mailadresse seine private Kontonummer. Das stellte sich jetzt bei den internen Ermittlungen des «Spiegels» heraus.

Wieviel Geld er sammelte und was er damit wirklich machte, ist bis jetzt nicht geklärt. Im «Spiegel» sagt der türkische Fotograf Emin Özmen, der Relotius zeitweise begleitet hatte, dass Ahmed niemals Geld bekommen habe. Der «Spiegel» will nun die gesammelten Informationen im Rahmen einer Strafanzeige der Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellen. Relotius schreibt in «Wellen schlagen», dass die syrischen Geschwister von Deutschen adoptiert worden seien. Laut dem deutschen Magazin ist diese Behauptung jedoch «Fiktion».

Warum Relotius mit seinem Text in «Wellen schlagen» selbst wichtige Hinweise auf den mutmasslichen Missbrauch von Spendengeldern gab, bleibt für Sprecher ein Rätsel. «Vielleicht hat er durch seinen grossen Erfolg den Kontakt zur Wirklichkeit verloren», mutmasst die Schweizer Journalistin.

Bei der Präsentation abwesend

Der Sammelband wurde am 12. Dezember im Rahmen einer kleinen Feier im Zürcher Cabaret Voltaire vorgestellt. Claas Relotius war nicht anwesend, er hatte sich wegen einer angeblichen Veranstaltung in den USA entschuldigt. Möglicherweise ahnte oder wusste er damals schon, dass er aufgeflogen war. Denn am Tag danach, dem 13. Dezember, werden im «Spiegel»-Büro in Hamburg von seinen Vorgesetzten seine Mailaccounts geöffnet und erste Beweise von Fälschungen gesichert. Es dauert dann noch fast eine Woche, bis der «Spiegel» die Affäre öffentlich macht und bis auch Herausgeber und Verlag von «Wellen schlagen» davon erfahren.

In «Reportagen» erschienen zwischen 2013 und 2016 fünf Beiträge von Relotius. Für «Der Mörder als Pfleger» erhielt er den Reporterpreis. Soweit Chefredaktor Daniel Puntas Bernet bis heute weiss, stimmt die Geschichte. In der damaligen Jury sass auch Margrit Sprecher. Sie erinnert sich an einen schlaksigen, schüchternen Mann, an dem alles zu knapp war, Hose, Jacke, Hemd: «Wir waren so froh, dass gerade er gewonnen hatte». Beim Auftrag für das Buch hatte Sprecher nur mehr per Mail mit Relotius Kontakt.

Wie geht es weiter mit dem Buch?

Nun überlegen die Herausgeber, wie es mit dem Buch weitergehen soll. Es liegt ja schon in Schweizer Buchhandlungen und ist über Amazon erhältlich. Den Artikel zu schwärzen kommt für sie nicht in Frage. «Er hat schliesslich dem «Spiegel» geholfen, die Spendenaffäre aufzudecken», sagt Puntas Bernet. «Er ist ja jetzt schon ein Stück Zeitgeschichte», fügt Sprecher hinzu. Es soll aber der gesamten Auflage ein Blatt beigelegt werden, auf dem die Affäre Relotius und die Rolle seines Beitrags im Buch kurz erklärt werden.

Zudem soll auch in der nächsten Ausgabe von «Reportagen» der Fall aufgearbeitet werden. Dafür will Herausgeber Puntas Bernet aber noch auf die Reaktion von Relotius warten. Vor ein paar Tagen hatte Puntas Bernet mit Relotius noch Kontakt mittels SMS-Nachrichten. «Er hat sich entschuldigt und schrieb, dass es ihm nicht gut gehe», sagt Puntas Bernet: «Er versprach, sich wieder zu melden, sobald es ihm besser gehe.»


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Erstellt: 25.12.2018, 21:11 Uhr

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