Jesus, nur besser

«Was bekommt ein taubes, blindes und stummes Kind zu Weihnachten?» Ricky Gervais ist einer der verletzendsten und damit wichtigsten Comedians unserer Zeit.

Ein guter Mensch mit einer bösen Zunge: Ricky Gervais 2009 am Toronto International Film Festival.

Ein guter Mensch mit einer bösen Zunge: Ricky Gervais 2009 am Toronto International Film Festival. Bild: Sean Kilpatrick/AP The Canadian Press/Keystone

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Bulldoggen und Krebskranke müssen Ricky Gervais eigentlich lieben, schliesslich hat er für beide gerade je 100'000 Pfund gespendet. Eingenommen hat er das Geld mit Witzen über tote Babys, Pädophile und Aids. Kostprobe? «Was bekommt ein taubes, blindes und stummes Kind zu Weihnachten? – Krebs.» Also, das ist kein Witz, den er bei seiner Show im Berliner Tempodrom Donnerstagabend erzählt hat, es ist ein Witz, von dem er erzählt hat, dass er ihn nie erzählen würde. Und wo das hinführt, weiss jeder Comedy-Liebhaber ja leider aus der Akte Böhmermann-vs-Erdogan – zu Prozessen, Hunderten Essays darüber, was Satire darf und was nicht, zu Denkfalten und bitteren Tränen.

Oder eben auch nicht. Ricky Gervais ist gerade auf Welttournee. «Humanity» heisst die Tour, und jetzt führte sie ihn nach Berlin. Auf Twitter sieht das dann so aus: Ein Foto von Ricky Gervais mit aufgerissenem Mund und einem Bierglas, Kommentar: «Bist du bereit, Berlin?», Werbung für irgendwas mit Netflix. Ein Foto von Ricky Gervais in einer Badewanne mit zwei Berlin-Quietsche-Entchen. Vier Retweets von anderen Leuten, die sagen, wie super Ricky Gervais ist. Ein Foto von Jane, der Frau von Ricky Gervais, die einsam und allein durch die Wintersonne eines Berliner Parks spaziert, Kommentar: «Jane in Berlin mit all ihren Freunden.» Ein Link zu einem Video, in dem ein Hundebesitzer seinen Windhund zu Tode prügelt, weil der ein Hunderennen verloren hat. Dazu der Wunsch, der Prügelnde möge seine eigene Medizin schmecken. Das steckt die Parameter des Abends eigentlich gut ab. Einerseits scheint sich Gervais mit seiner Stand-up-Show vorgenommen zu haben, einmal alle Themen, die irgendwen irgendwie verletzen könnten, in einem universellen Rundumschlag abzufertigen. Andererseits ist er zumindest Tierliebhaber.

Schwarze Kinder adoptieren? Schon, aber nur, wenn er sie dann ab zehn für Nike in Sweatshops arbeiten lassen darf. Lebensmittelallergien? Er habe einmal bei einem Flug keine Nüsse bekommen, weil eine Frau mit lebensgefährlicher Nussallergie mitgeflogen sei. Daraufhin habe er beschlossen, sich vor jedem Flug mit Nüssen einzureiben. Nur für den Fall.

Bittere Medizin in heisser Schokolade

Nun sind fast alle guten Witze im Grunde eine sehr ernsthafte Angelegenheit, das gilt bei Gervais noch viel mehr, denn er macht sich, obwohl auf der offensichtlichen Ebene immer so provokant wie möglich, nie über die Schwachen lustig, sondern immer über die Umstände und Ungerechtigkeiten ihres Leidens. Er sagt: Würde er denn ein schwarzes Kind adoptieren, wäre ein weiterer Vorteil, dass die Polizei es, wenn es versehentlich stürbe, in seinem schicken Stadtteil für einen Einbrecher halten würde.

Gervais setzt sich recht glaubwürdig für Tierrecht ein, und er schafft es, sein Anliegen seinem sich kringelig lachenden Publikum einzuflössen wie bittere Medizin in einer Tasse heisser Schokolade.

Er sagt: Er kämpft gegen ein Fest in China, bei dem Hunde nicht nur gegessen, sondern gefoltert und lebendig gehäutet werden (weil sie dann angeblich besser schmecken), und das Internet regt sich darüber auf, dass er die Täter «Cunt» nennt. Man lacht, und trotzdem schafft es das Bild der bei lebendigem Leib gehäuteten Hunde viel tiefer ins Bewusstsein als durch jede Peta-Kampagne. Es sitzt da neben dem Lachen, vorbeigeschleust an Selbstschutz und Gleichgültigkeit, und lässt einem keine Ruhe. Das ist, pathetisch gesagt, die Macht des Humors.

So ein Humor ist immer auch brutal. Fast keiner, der ihn einsetzt, beherrscht diese Macht immer richtig, fast niemand erliegt nicht irgendwann der Versuchung, Schwächere plattzumachen, wenn es ihm in den Kram passt. (Bei Harald Schmidt konnte man beispielsweise seine Ausfälle gegen Bettina Böttinger daneben finden).

Ein guter Mensch mit einer bösen Zunge?

Aber auch die Gratwanderung dieses Humors scheint im englischsprachigen Raum besser zu funktionieren. Wenn im deutschsprachigen Raum dieses Prinzip zu imitieren versucht wird, etwa in der «Heute-Show», werden sie merkwürdigerweise fast immer vulgär und gleichzeitig zu brav. Vielleicht deshalb, weil dieser Sprachwitz im Englischen auch im Alltag eine grössere Rolle spielt, es eine grössere Spannung zwischen dem vulgären Ausfall einerseits und der Alltagshöflichkeit andererseits gibt.

Die distinguierten Umgangsformen der Briten oder die ostentative Oberflächenfreundlichkeit der Amerikaner haben wir hierzulande nicht. Ebenso wenig eine so besondere Empfindlichkeit gegenüber Schimpfwörtern in Medien, dem öffentlichen Raum. Und diese Fallhöhe ist nötig, um den kathartischen Effekt richtig zu erzielen.

Angeblich verkaufen sich die Tickets für «Humanity» schneller als für jede andere Stand-up-Tour «aller Zeiten», sagt das «Headliner Magazine», sagt sein Twitter. Aber vielleicht verkaufen sie sich noch nicht schnell genug. Vielleicht ist dieser Mann, der da vor Hunderten Menschen ausführlich über seine Hoden spricht, wirklich das, was er zu sein behauptet — ein guter Mensch mit einer bösen Zunge, oder, in seinen eigenen Worten: «Jesus, nur besser. Denn ich bin wirklich wieder aufgetaucht.»

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.12.2017, 10:55 Uhr

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