«Die meisten lesen eigentlich nur noch die Titel»

Ignorante Journalisten, gestresste Leser: Wie sich schlechte Nachrichten auf das Gehirn auswirken. Ein Gespräch mit Neurowissenschaftlerin Maren Urner.

«Mit der Beschreibung von Problemen erziehen wir unsere Leserschaft zur Hilflosigkeit»: Maren Urner. Foto: Lars Berg (Laif)

«Mit der Beschreibung von Problemen erziehen wir unsere Leserschaft zur Hilflosigkeit»: Maren Urner. Foto: Lars Berg (Laif)

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Sie machen uns Journalisten in Ihrem Buch einen schwerwiegenden Vorwurf. Wir seien nicht objektiv. Sie erinnern mich da an einen mächtigen Mann, der ständig von Fake News spricht.
Stopp. Nein. Auf keinen Fall. Das ist unfair.

Aber Sie schreiben, dass es objektiven Journalismus nicht geben könne.
Ja. Aber Journalisten sind Menschen. Und Menschen sind nie objektiv. Wegen des Dings da oben. Unser Gehirn ist kein Computer, der sich ausschalten lässt. Es gibt eine ständige Interaktion, die Genetik spielt mit, unfassbar viele Variablen, die dazu führen, dass wir alle eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung von der Welt haben.

Alles ist demnach nur eine Frage des Standpunkts. Kann es da überhaupt Fakten geben?
Durchaus, es gibt Fakten. Und diese müssen ausgewogen dargestellt werden. Aber Journalisten – und dazu zähle ich mich – sollten sich immer bewusst sein, dass eben auch sie subjektiv handeln. Bereits die Auswahl von Themen ist subjektiv. Wenn Medien diesen Aspekt transparenter machen würden, könnte man den Vorwurf von Fake News auch entkräften.

Überschätzen sich Journalisten?
Die Antwort wird Ihnen wehtun.

Also ja.
Sie wissen relativ viel über ein gewisses Thema und schätzen ihre Kompetenz gerne sehr hoch ein. Das ist nur menschlich. Aber es ist doch so: Je mehr man tatsächlich zu einem Thema weiss, umso bewusster wird einem auch, dass man noch sehr wenig weiss.

Dürfen Journalisten also nur noch nach einem langjährigen Studium über etwas schreiben?
Natürlich nicht. Aber Demut kann nicht schaden, wenn man an ein neues Thema herangeht. Sich einzugestehen, dass man nichts weiss, ist aus meiner Sicht ein guter Ausgangspunkt bei einer Recherche. Vielleicht lässt sich auch vom Know-how der Leserschaft bei einem komplexen Thema profitieren.

Sie behaupten, dass Medien zu viel Negatives berichten. Ist es nicht unsere Aufgabe, Missstände aufzudecken?
Sicher. Diese Wächterfunktion ist für eine Demokratie fundamental. Aber es geht eben auch darum, das Weltbild möglichst vollständig abzubilden.

Und dazu gehört Harmloses, Nettes und Liebes?
Ich verwende lieber den Begriff: Konstruktives. Es geht nicht darum, alles in rosaroten Farben zu zeichnen, sondern eher darum, Lösungen aufzuzeigen. Wie oft haben Sie in Ihren Artikeln die Frage gestellt: Was jetzt?

Die Kernaufgabe der 
Medien, Bürger adäquat zu informieren, bleibt. Die Art und Weise muss sich aber fundamental ändern.
Maren Urner

Wohl weniger, als ich hier gerne zugeben würde.
Eben. Journalisten haben ein im Vergleich zum Durchschnitt negativeres Weltbild. Man darf da durchaus von einer Berufskrankheit sprechen. Es gibt dazu zahlreiche Untersuchungen. Hans Rosling, der Erfinder des sogenannten Ignoranz-Tests, hat festgestellt, dass Journalisten besonders schlecht abschneiden.

Aber gerade in Onlinemedien zeigt sich: Only bad news are good news.
Das ist tatsächlich ein Problem. Vor allem, weil die meisten Leser eigentlich nur noch die Titel lesen, die den ganzen Tag und in hoher Kadenz an sie herangetragen werden.

Social Media, Pushmeldungen aufs Handy, ständiger Zugang zum Internet. Die Digitalisierung lässt sich aber nicht mehr aufhalten.
Ich will hier keine Schreckensszenarien heraufbeschwören, grundsätzlich stehe ich den digitalen Veränderungen positiv gegenüber. Aber es ist eben auch so, dass die Smartphones viele Menschen in einen ständigen Stresszustand versetzt haben, es gibt keine Erholungsphase mehr. Darum wird die Medienhygiene in Zukunft sehr wichtig sein. Wir müssen dringend Mittel und Routinen entwickeln, um einen gesunden Umgang zu pflegen. Die Schulen sind gefragt, die Eltern. Alle.

Zurück zu den Bad News. Warum reagieren wir so stark auf diese?
Wir haben dazu gute Gründe, die in unserem Hirn liegen.

Sie meinen den sogenannten Säbelzahntiger-Effekt.
Genau! In früherer Zeit waren Bad News überlebenswichtig. Wenn man die ­Warnung vor einem vorbeiziehenden Säbelzahntiger verpasste, konnte dies ­tödlich enden.

Aber die Zeitungsleser müssen heute keinen unmittelbaren Angriff eines wilden Tiers mehr befürchten.
Der Effekt ist aber aus neurowissenschaftlicher Sicht der gleiche. Unser Hirn ist noch immer auf diese Weise programmiert. Bei schlechten Nachrichten wird Adrenalin, später Cortisol ausgeschüttet. Wir befinden uns in einem Stresszustand.

Ich glaube, dass wir tatsächlich anfangen sollten, in den Redaktionen anders zu denken, nicht nur von den Problemen schreiben. Maren Urner

Engagierte Journalisten wollen ihre Leser nicht stressen, aber durchaus aufrütteln. Sie aber schreiben, dass unablässig schlechte Nachrichten bei der Leserschaft vor allem zu einem führen: Hilflosigkeit. Zeichnen Sie da nicht etwas gar schwarz?
Auch hier, ich stütze mich auf wissenschaftliche Studien. Und die sind alle relativ klar: Mit der Beschreibung von Problemen ohne Lösungsansatz erziehen wir unsere Leserschaft regelrecht zur Hilflosigkeit.

Das ist nicht gut.
Das ist sogar gefährlich. Besonders für eine Demokratie, die möglichst viele informierte Bürger braucht. Denn hilflose Menschen sind überfordert, sprechen von einer komplexen Welt, die sie nicht mehr verstehen können und wollen; sie klagen von den Mächtigen da oben, die die Kleinen hier unten lenken.

Die Folge ist Wut, Rückzug.
Ja. Ich spreche da von einer Renaissance der Biedermeier; die Flucht in eine überschaubare, heile Welt. Gehen Sie doch mal zum nächsten Kiosk und schauen Sie die Magazine in der Auslage an. Da gehts um Happiness, Flow, Hygge, das Landleben. Ich will diesen Titeln auf keinen Fall ihre Legitimation absprechen. Aber wenn die Menschen nur noch solches lesen, haben wir ein Problem.

Was jetzt?
(schmunzelt) Danke für diese Frage. Ich glaube, dass wir tatsächlich anfangen sollten, in den Redaktionen anders zu denken, nicht nur von den Problemen schreiben. Die Kernaufgabe der Medien, Bürger adäquat zu informieren, bleibt. Die Art und Weise muss sich aber fundamental ändern.

Wir wollen keine Werbung. Wir sind der Auffassung, dass diese die journalistische Arbeit beeinflusst. Und zudem die Leser vom Wesentlichen ablenkt. Maren Urner

Sie fordern einen Paradigmenwechsel in den Redaktionen: weniger problemorientiert berichten, mehr Lösungen präsentieren. Ist das nicht etwas viel Romantik im News-Geschäft?
Natürlich skizziere ich da einen Idealzustand. Aber genau darum müssen wir darüber reden. Medienschaffende haben eine enorme Verantwortung. Jeder Satz, jedes Wort hat Wirkung. Wegen unseres Gehirns.

Sie beschreiben aber, dass genau dieser ein Kilo schwere Klumpen nur sehr schwer umprogrammierbar ist.
Das ist so, ja. Denn er ist von Natur aus faul. Sein Ziel ist, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Darum sprechen wir so gut auf News an, die unsere Meinungen bestätigen. Diese Verzerrung prägt wohl unser Handeln am meisten.

Wenn die Journalisten schon so sehr Mühe haben, ihre Hirne umzupolen: Dürfen wir denn ein solches Umdenken von den Lesern verlangen?
Eine gute Frage. Aber es ist an uns Medienschaffenden, diesen Wandel smart anzugehen. Informationsvermittlung darf keine elitäre Sache sein. Das heisst, wir sollten noch mehr darauf achten, dass das Lesen Spass macht, mit Videos, Bildern, Karten, interaktiven Elementen. Die Sprache sollte zudem einfach und verständlich sein.

Das Onlinemagazin «Perspective Daily», das Sie 2016 mit Kollegen gegründet haben, tritt genau so auf. Revolutionär ist das nicht. Was aber auffällt: Das Angebot ist sehr überschaubar. Warum?
Aus unserer Sicht ist weniger mehr. Es gibt viele Untersuchungen, die aufzeigen, dass ein beinahe grenzenloses Angebot die Menschen überfordert. Und wenn sie dann ausgewählt haben, sind sie unzufrieden, weil sie das Gefühl haben, dass es da noch etwas Besseres gibt. Sie sind von der Angst geprägt, ständig etwas zu verpassen.

Sie leisten sich auch den Luxus, auf Werbung zu verzichten.
Ja, wir finanzieren uns über Abos, denn wir wollen keine Werbung. Wir sind der Auffassung, dass diese die journalistische Arbeit beeinflusst. Und zudem die Leser vom Wesentlichen ablenkt.

Mit Verlaub, aber nur ein elitäres Nischenprodukt wie Ihres, das 60 Euro pro Jahr verlangt, kann sich so etwas leisten.
Wir denken tatsächlich viel darüber nach, wie wir unser Angebot sozial verträglicher machen können, beispielsweise über sogenannte Buddys, die sich ein zweites Abo leisten und so jemanden anderen unterstützen können. Aber man müsste sicherlich auch über staatliche Finanzierung der Medien debattieren.

In der Schweiz ist gerade eine direkte oder indirekte Subventionierung privater Medien ein Thema. Ein gangbarer Weg?
Ich kenne die Verhältnisse in der Schweiz zu wenig, um mich dazu klar zu äussern. Aber was sicher ist: Das Internet vermischt alles. Zeitungen machen Podcasts und Fernsehen, TV-Stationen machen Online-zeitung. Alle machen alles. Die Gelder sollten entsprechend auch verteilt werden. Aber das ist ein Thema, das sich vortrefflich eignet, verschiedene Lösungen aufzuzeigen.

Ihr Buch «Schluss mit dem täglichen Weltuntergang» ist ein Bestseller. Sie scheinen damit einen Nerv getroffen zu haben. Auch Good News sind also Good News.
Das stimmt mich in der Tat positiv. Nicht aus eitlen Beweggründen. Sondern weil die Menschen offenbar empfänglich sind für Konstruktives.

Sie wollen die Welt besser machen. Was stimmt Sie zuversichtlich?
Die Bewegung Fridays for Future. Abertausende Jugendliche haben das Umweltthema auf die Agenda aller gehievt. Und was mich besonders fasziniert: Sie sagen nicht einfach: Alles ist Scheisse! Sie präsentieren vielmehr Lösungen.

Erstellt: 19.08.2019, 18:27 Uhr

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Maren Urner promovierte am University College London. Von der Neurowissenschaft wechselte sie in den Journalismus und gründete 2016 das Onlinemagazin «Perspective Daily», das eine konstruktive Berichterstattung pflegt. Urner doziert an der Kölner Medienhochschule und hat in diesem Jahr das Buch «Schluss mit dem täglichen Weltuntergang» (Droemer) veröffentlicht, gerade wird die dritte Auflage gedruckt. (cix)

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