Lauf, Lokführer, lauf

Die SBB kämpfen wieder mit Verspätungen und Ausfällen. Schuld sind sicher nicht die Leute vorne im Führerstand. Die sind topfit.

Der beste Platz: Blick aus dem Führerstand auf der Strecke zwischen Zürich und Bern. (Foto: Keystone)

Der beste Platz: Blick aus dem Führerstand auf der Strecke zwischen Zürich und Bern. (Foto: Keystone)

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Kürzlich habe ich den Zug verpasst. Der IC von Zürich nach Bern fuhr nicht wie gewohnt unterirdisch, sondern oben auf einem Kopfbahnhofgeleise, wo ich ihn nach einigem Rennen gerade noch erreichte. Ich stieg in den erstbesten Wagen ein, dort war ein Riesengedränge mit asiatischen Touristen, die nicht recht wussten, in welche Richtung sie gehen sollten, um abzusitzen. Ich wusste es auch nicht.

Zum Glück kam in diesem Moment eine Durchsage, der Lokführer müsse ans andere Ende des Zuges wechseln, weswegen wir vier Minuten Abgangsverspätung erhielten. Dazu das übliche Exgüsé. «Nichts zu entschuldigen», dachte ich, denn so konnte ich nochmals aussteigen und in Ruhe schauen, wo sich mein bevorzugter Wagen befand. Kaum stand ich draussen, hörte ich das bekannte Geräusch des endgültigen Türschliessens. Und weg war die Eisenbahn.

Ich fluchte ein wenig, aber hey, es war ja nur eine halbe Stunde, die ich zu spät kam. Daran dachte ich wieder, als ein paar Tage später mein Zug Richtung Zürich unplanmässig in Olten hielt. Zehn Minuten stand er dort, bald zwanzig, diesmal ohne Durchsage. Aber ich hatte gute Sicht nach draussen und sah einen Mann in Jeans und T-Shirt, der dem Zug entlang nach hinten rannte. «Wohl ein Passagier, der noch einsteigen will», dachte ich, aber ein paar Minuten später rannte derselbe Mann wieder nach vorne. Er stieg in die Lokomotive ein, es war tatsächlich der Lokführer. Weiter gings.

Was er beim Hin und Her wollte, wurde mir nicht klar. Aber meine Achtung vor dem Beruf ist noch gestiegen. Denn ich weiss jetzt: Lokführer sitzen nicht nur vorne auf dem besten Platz. Nein, die können auch schnell rennen.

Erstellt: 27.06.2019, 13:18 Uhr

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