Lektionen in Essen und Trinken

Güzin Kar über deplatzierte Gratislehrstunden in Physiognomie.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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«Eine Cola Zero, bitte», sagte ich. Und der Kellner sah mich an, als hätte ich gerade ein entbeintes Kleinkind bestellt, saignant gebraten. «Wir führen keine künstlichen Getränke», sagte er, «die echte Cola haben wir. Wenn Zucker, dann Zucker.» Ich hätte den Kellner nun fragen können, was an einer echten Cola denn so echt sei, aber ich unterliess es und wählte stattdessen Sprudelwasser. Ich war froh, dass Kohlensäure in diesem Lokal noch nicht geächtet wurde.

Es war nicht das erste Mal, dass ich für die Bestellung einer Cola Zero gerügt werde. Dann sage ich manchmal: «Ich habe Diabetes und darf keinen Zucker essen.» Was nicht stimmt, denn meine Vorliebe ist eine reine Marotte und der Diabetes-Satz meine höfliche Art zu sagen: «Mach mal das Fenster zur Welt auf. Es gibt Menschen, die andere Vorlieben, Weltanschauungen und Dispositionen haben als du.» In einem Café will man aber keine Diskussionen über Essens­gewohnheiten, was nicht alle so sehen.

Als ich neulich in einem Restaurant nach Weissbrot verlangte, das mir zu Meeresfrüchten besser schmeckt als das Vollkornbrikett, das man mir vorgesetzt hatte, bekam ich eine Gratislehrstunde in Physiognomie. Man sehe mir an, dass ich zu unachtsam mit mir selbst umginge, da mir die innere Ruhe fehle, sagte ein Mensch, den ich spontan zur Spezies «wie platziere ich Besteck möglichst langsam und bedächtig, und wie oft schaffe ich es, die Gespräche der Gäste an der lustigsten Stelle zu unterbrechen, weil ich vergessen habe, was sie bestellt hatten?» gezählt hätte. Nach seinem Achtsamkeitsvortrag zählte ich ihn zur Spezies «Zum Glück lebe ich nicht mit so etwas». Der Unterschied: Ich sagte es ihm nicht. Ich gehe einfach nicht mehr dort essen.

Cafés und Restaurants suche ich nicht auf, um Volkshochschulvorträge über Ernährung zu hören, sondern, um etwas zu essen und zu trinken. Der Telekolleg Aspartam oder Weissmehl («Die Weissmehllobby ist daran interessiert, unsere Hirnrinden verkleben!») kann mir gestohlen bleiben. Ebenso wie die flammende Rede zur Verteidigung der einheimischen Butter, die eine befreundete ältere Autorin neulich über sich ergehen lassen musste, nachdem sie beim Sonntagsbrunch nach Margarine gefragt hatte. Die Frau, die sie bediente, belehrte sie darüber, dass es nichts Besseres aufs Brot gebe als einheimische «Anke», und sie Margarine aus ideologischen Gründen nicht führten. Die zugehörige Ideologie hat sich meine Freundin, die aus gesundheitlichen Gründen den Konsum tierischer Fette reduzieren soll, nicht gemerkt. Vermutlich kamen darin Bio, Region, Achtsamkeit, multinationale Konzerne, die bösen Amis und Facebook vor. Nun sei jeder Betreiberin eines Lokals vergönnt, das anzubieten, was sie für richtig hält. Ein simples: «Das haben wir leider nicht», würde ich akzeptieren und gern mit dem angebotenen Ersatz vorliebnehmen oder auch nicht, aber warum muss man daraus eine Volkserziehung basteln?

Renne ich herum und führe dem Serviceangestellten gegenüber aus, weshalb ich heute genau dieses Kleid und dieses Make-up gewählt habe und zu Hause jenes Buch lese, das ihm im Übrigen auch guttäte, und überhaupt würde ich an seiner Stelle mal die eigene Körperhaltung und das Vokabular überdenken, denn so wird das nichts mehr mit dem Schuss Fröhlichkeit im Leben. Vielleicht sollte ich wieder in jenes Café, wo Cola Zero verboten ist und diesmal sagen: «Okay, dann bitte die normale Cola. Einfach nicht erschrecken, wenn ich erst Feuer speie, mir alle Kleider vom Leib reisse und dann allen anderen an die Wäsche gehe. Zucker macht mich zur Bestie.»

Erstellt: 23.03.2018, 14:57 Uhr

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