Männer in kurzen Hosen

Güzin Kar über die Seuche böser Kommentare, wenn der Mann im Sommer das Falsche trägt.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Kurze Hosen an Männerbeinen gehen gar nicht. Hawaiihemden gehen auch nicht. Überhaupt gehen Hemden mit kurzen Ärmeln nicht. Richtig schlimm sind kurze Hosen zu Kurzarmhemden. Davon kriegt man Augenkrebs. Kaum wird es draussen wärmer, bricht die Seuche wieder aus. Mit der Seuche meine ich nicht die angeblich fehlbare Sommerkleidung von Männern, sondern das Lamento darüber.

Herrjesses! Was muss sich die Kommentatorengilde alljährlich aufregen, ohne dass Besserung eintritt, denn noch immer steigt der mitteleuropäische Mann in falschen Hemden und Hosen und dazu mit besockten Füssen in seine Sandalen und mit dieser umweltverpestenden Gesamtkombi in Tram und Bus, wo er modesensible Beobachter beleidigt. Diese erleichtern sich umgehend dadurch, dass sie ihren Spott auf Facebook kundtun, oft garniert mit einem Foto des Fehlbaren.

Kurzarmhemden sind offenbar das männliche Pendant zu Leggins an Frauenbeinen: Sobald man die 20 – in Alter und BMI – überschritten hat, hat man die Dellen, aus denen man die nachfolgenden 70 Jahre bestehen wird, aus Rücksicht auf die allgemeine Augengesundheit zu verhüllen. Zum Beispiel mit Leinenhosen, die dank des natürlichen Edelknitterlooks von der weniger edlen Knitterhaut der Trägerin ablenken. Analog dazu hat uns ein Mann, der nicht mehr ganz jung und nicht ganz schlank ist, möglichst nicht mit dem Anblick seines Körpers zu belästigen, und schon gar nicht mit den Haaren, die darauf wachsen.

Aber warum darf man Männer mit angeblich oder tatsächlich unvorteilhafter Kleidung verächtlich machen? Weil sie Männer sind? Weil es Frauen nicht besser geht? Gibt es ausgleichende Häme? Und was zum Teufel haben Männer in kurzen Hosen und Sandalen verbrochen? Aberaberaber, das ist alles so unerotisch! Mag sein, nur: Ist die erotische Ausstrahlung des anderen – oder das, was man sich darunter vorstellt – etwas, worauf man Ansprüche erheben darf? Ist Sexiness eine unausgesprochene Schuld, die wir alle zu erbringen haben, sobald wir uns vor die Haustür wagen?

Auch ich finde weder Leggins noch Hawaiihemden schön, aber zwingt mich irgendwer, mit diesem Menschen ins Bett zu gehen? Mir reicht es, wenn sie mir nichts Böses wollen, und meines Wissens wollen Hawaiihemden nicht die Weltmacht an sich reissen. Von mir aus soll man sich im Berufsleben gewissen Normen unterwerfen, um die Besprechung des Marketingplanes, der Ladenöffnungszeiten oder des Einmarsches in Feindesland nicht durch Blicke auf Brust- und Beinhaar oder Busenansatz stören zu lassen. Aber wir hocken ja nicht dauernd in Besprechungen, und es ist nicht verwerflich, wenn jemandem die Bequemlichkeit seiner Kleidung wichtiger ist als deren repräsentativer Aspekt. Es reicht doch, wenn sich im öffentlichen Raum alle einigermassen sozialkompatibel benehmen und einander keinen Pizzaatem in den Nacken hauchen.

Der Sommer ist kurz genug, da sollten wir uns nicht die Freude daran durch Textilzensur vergällen. Wie wäre es, wenn wir die Sache umgekehrt angingen: Wir suchen uns aus dem breiten Angebot optischer Reize nicht dauernd das aus, was uns stört, sondern das, was uns gefällt. Ansonsten erfreuen wir uns an der sommerlichen Leichtigkeit des eigenen Körpers und tragen, was uns an Flattergewändern und Kurzarmsünden gerade passend erscheint, und gestehen allen anderen dasselbe zu, auch wenn diese anderen weisse Socken bevorzugen sollten. Solange in diesen Socken Menschen stecken, die einigermassen freundlich sind, können wir uns alle in wohlwollender Gleichgültigkeit üben.

Erstellt: 04.05.2018, 15:46 Uhr

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