«Man dürfte Federer mal fragen, ob sein Wohnsitz vertretbar ist»

Journalist Serge Enderlin wurde in den Arabischen Emiraten – Federers Zweitwohnsitz – gefangen gehalten und tagelang verhört. Nach Abu Dhabi wird er nicht mehr zurückkehren.

Serge Enderlin und sein Kameramann wurden vom Inlandnachrichtendienst der Vereinigten Arabischen Emirate festgehalten. Das Problem sei ein strukturelles, sagt er.

Serge Enderlin und sein Kameramann wurden vom Inlandnachrichtendienst der Vereinigten Arabischen Emirate festgehalten. Das Problem sei ein strukturelles, sagt er. Bild: Screenshot RTS

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Sie wurden verhaftet, als Sie auf einem Markt in Abu Dhabi ohne Drehgenehmigung gefilmt haben. Sie hatten eine Verhaftung sogar erwartet. Wieso haben Sie das Risiko trotzdem auf sich genommen?
Es war die einzige Möglichkeit, das Leben der Arbeitsmigranten in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zu dokumentieren. Zudem wären wir keine Investigativjournalisten mehr, wenn wir uns für alles eine Drehgenehmigung einholen würden, sondern unterwürfige Journalisten. Heutzutage gibt es immer wie mehr Auflagen, um filmen zu dürfen – und ich spreche nicht nur von den VAE, sondern auch von der Schweiz. Wir Journalisten berichten nämlich nicht nur über Ereignisse, zu welchen wir eingeladen werden, sondern über Themen, die die Allgemeinheit beschäftigen und dadurch den Verantwortlichen auch ein Dorn im Auge sein können.

Sie sagten, dass Sie auch in der Schweiz schon Probleme bei Dreharbeiten hatten. Was war vorgefallen?
Vor zwei Jahren recherchierten wir in Genf zum Thema Erdölhandel. Wir filmten das Bürogebäude des Unternehmens vom Trottoir aus – also vom öffentlichen Raum aus – und wurden von privaten Sicherheitskräften dazu aufgefordert zu verschwinden. In diesem einen Fall habe ich die Polizei gerufen, da private Sicherheitskräfte im öffentlichen Raum keine Macht besitzen.

Sie hatten sogar eine Dreherlaubnis beantragt, das Geld überwiesen. Wieso antworteten die Behörden Ihnen nicht mehr?
Wir hatten einzig die Erlaubnis, das Louvre Abu Dhabi zu filmen. Für die Drehgenehmigung ausserhalb des neuen Museums haben wir tatsächlich einen Antrag gestellt und eine Geldsumme überwiesen. Ich denke aber, dass niemand aufseiten der arabischen Behörden den Antrag bearbeitet und zum Zeitpunkt unserer Verhaftung auch niemand Abklärungen bei der zuständigen Stelle getroffen hat.

Sie wurden während 50 Stunden verhört, mussten ein fiktives Geständnis auf Arabisch unterschreiben und es vor der Kamera wiederholen. Wissen Sie zwischenzeitlich, was genau Sie unterschrieben haben?
Wir wurden auf Englisch befragt und mussten schliesslich ein auf Arabisch geschriebenes Protokoll unterschreiben. Weder ich noch mein Kameramann Jon Bjorgvinsson sind des Arabischen mächtig. Wir wissen beide, was wir auf Englisch gesagt haben, haben aber keine Ahnung, ob das Protokoll mit unseren Aussagen stimmt. Vielleicht haben wir ein Dokument unterschrieben, das uns willkürliche Verbrechen unterstellt.

Wird dieser Zwischenfall Auswirkungen auf Ihre zukünftigen Arbeiten im arabischen Raum haben?
Ich werde sicherlich nicht mehr in die VAE reisen. Wir wurden offiziell zwar nicht des Landes verwiesen, in unserem Pass befindet sich auch nur ein simpler «Abreise»-Stempel – wie bei Touristen. Offiziell wurden wir auch nicht angeklagt. Für mich ist aber klar, dass ich nie mehr einen Fuss in dieses Land setzen werde. Im Übrigen auch nicht in die Nachbarländer, mit welchen die VAE Auslieferungsabkommen haben – Bahrain, Saudiarabien, Oman, Kuwait.

Sowohl die schweizerische als auch die französische Botschaft haben an Ihrer Freilassung gearbeitet. Am Mittwoch wussten Sie noch nicht genau, welche Rolle sie dabei gespielt hatten. Wissen Sie mittlerweile mehr?
Nein. Ich nehme zwar an, dass sie mitgeholfen haben, und ich weiss, dass das Schweizer Konsulat über unser Verschwinden informiert wurde. Dies geschah jedoch erst am Freitag, mehr als 24 Stunden nach unserer Verhaftung. Anfang dieser Woche hatte ich wiederum Kontakt mit dem Schweizer Konsulat, von dem ich erfuhr, dass sie vor allem beunruhigt waren, da sie nicht wussten, wo man uns festhielt. Eine Information, über welche sie bis heute nicht verfügen. Dies hat auch damit zu tun, dass wir nicht von der Polizei, sondern vom Inlandnachrichtendienst verhört wurden.

Was in den Vereinigten Arabischen Emiraten geschieht, ist politisches «whitewashing».Serge Enderlin

Gegenüber dem «Echo der Zeit» sagten Sie: «Dieses Land will nicht, dass man etwas anderes zeigt als ein Wunder mit hohen Türmen und spektakulären Museen wie dem Louvre. Die andere Realität, diejenige der Arbeitsmigranten, die dieses Land für schlechte Löhne bauen, will man nicht zeigen, schon gar nicht im Westen, wo die meisten Touristen herkommen.» Hat die westliche Welt allgemein ein Wahrnehmungsproblem gegenüber den VAE?
Nein, das denke ich nicht. Beziehungsweise hat alles mit der Globalisierung zu tun. Einerseits geht die Globalisierung der Wirtschaft, des Handels, des Tourismus rasant vorwärts, während die Globalisierung der demokratischen Werte teilweise genauso rasante Rückschritte macht. Länder wie die VAE errichten touristische Infrastrukturen von Grund auf neu, was nicht nur Übernachtungs-, sondern eben auch Vergnügungsmöglichkeiten betrifft. Dies hat Abu Dhabi – das im Gegensatz zu Dubai nicht zum «Las Vegas des Orients» werden wollte – mit der Formel 1 erreicht. In einem zweiten Schritt wurden lokale Ableger von renommierten Universitäten eröffnet – die Pariser Sorbonne und die New York University –, und der dritte Schritt betrifft die Kultur, wo mit der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi ein erster Schritt gemacht wurde. Dieser ist für mich eine Art von politischem «whitewashing».

Die VAE bleiben jedoch ein beliebtes Reiseziel für Schweizer. Auch Roger Federer hat dazu beigetragen, seit er seinen Zweitwohnsitz in Dubai hat. Kann man ihn mitverantwortlich machen für ein Land, das von aussen glänzt, das hinter den Fassaden aber ziemlich viel Schlechtes verbirgt, wie die Ausbeutung von Arbeitskräften?
Nein, überhaupt nicht. Es ist seine Entscheidung, sein Gewissen. Ich glaube auch, dass er ein sehr intelligenter Mensch ist. Dass er jedoch politische Analysen macht, wäre zu viel erwartet. Dafür wird er nicht bezahlt. Und wenn man Roger Federer mitverantwortlich machen möchte, müssten auch alle anderen Profisportler oder andere Persönlichkeiten mitverantwortlich gemacht werden. Man dürfte ihn aber schon ruhig mal fragen, ob er es aus einer ethischen Sicht vertretbar findet, dort zu wohnen.

Der Leitspruch des Louvre Abu Dhabi ist «See Humanity in a new light». Ist dies nicht ein bisschen ironisch nach Ihren Erlebnissen?
Nein, weil ich nichts anderes erwartet habe. Unser unglückliches Ereignis hat nur bestätigt, was wir zeigen wollten. Dummerweise wurden gerade wir festgenommen und es war zugegeben nicht sehr angenehm. Im Grunde zeigt das doch nur, dass wir die Umstände, die wir aufzeigen wollten, gegen unseren Willen aufzeigen konnten. Was im Endeffekt vor allem sehr kontraproduktiv für sie ist. Die Entwicklung der VAE ist eine riesige Heuchelei, da sie sich einerseits der Welt – in erster Linie den Touristen – öffnen, andererseits aber genau diese Touristen für banale Gesetzesübertretungen bis zu sechs Monate ins Gefängnis stecken. Lustigerweise hat die «New York Times» vor kurzem einen Artikel genau darüber geschrieben.

Wie sind Sie wieder in den Besitz Ihres Videomaterials gekommen, das Ihnen in Dubai abgenommen wurde?
Wir sind nicht wieder in den Besitz bekommen, sondern hatten uns am Vorabend der Verhaftung dazu entschieden, eine Kopie des Materials auf einer Festplatte in die Schweiz zu schicken. Dies war keine paranoide Vorahnung, sondern eine reine Sicherheitsmassnahme, wie ich sie auch bei einer Reportage in Deutschland vornehmen würde.

Wie viel von Ihren Erlebnissen wird nun in die Reportage einfliessen?
Nichts. Wir haben vor allem Bildmaterial vom Louvre Abu Dhabi, einige kurze Interviews mit Bauarbeitern und anderes Füllmaterial. Aber wir möchten aus unserer Verhaftung keine noch grössere Geschichte machen, als es eh schon ist.

Erstellt: 17.11.2017, 18:28 Uhr

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