Meine liebe Warenwelt

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten heimliche Vorlieben. Heute: Die Lektüre von Migros- und Coop-Zeitung.

Worauf man doch alles verzichten kann, ohne todunglücklich zu werden: Coop-Zeitung.

Worauf man doch alles verzichten kann, ohne todunglücklich zu werden: Coop-Zeitung. Bild: Keystone

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Ein Kulturredaktor liest Bücher und Zeitungen, das gehört zu seinem Job, und niemand schaut ihn deswegen schief an. Ein Kulturredaktor hingegen, der neugierig die Coop- und Migros-Zeitungen von vorne nach hinten durchblättert und studiert, ist entweder keiner oder einer, der sich einen sündigen Seitensprung erlaubt. Zur Ehrenrettung meiner selbst ziehe ich Variante zwei vor.

Ich studiere also die Aktionen und Angebote der Woche, halte mich auf dem Frischfleisch- und Gemüsemarkt auf dem Laufenden, nehme auch zur Kenntnis, was es an Badetüchern oder sonstigen Textilien so alles gibt – und dies meist bloss zur Bestätigung meiner zur Enthaltsamkeit neigenden Konsumhaltung. Worauf man doch alles verzichten kann, ohne todunglücklich zu werden in dieser so furchtbar kapitalistischen Welt! Auch ein Ausschluss aus der sozialen Gemeinschaft aufgrund mangelnder Einkäufe blieb mir bisher erspart.

Schweizer Elefanten

Die zum Kulturpessimismus neigenden Theoretiker, die uns die Warenwelt mit ihren ästhetischen Verführungskünsten wie einen Teufel an die Wand malen, unterschätzen meine Widerstandskraft. Ich konsumiere das gesamte Angebot in den gratis verteilten Zeitungen (wehe sie ist einmal nicht im Briefkasten!) – und kaufe trotzdem wenig davon. Es geht mir letztlich darum, mich zu vergewissern, dass es auch in der laufenden Woche genügend Nahrung gibt. Die Lektüre hat etwas Beruhigendes und Sättigendes (übrigens ein unterschätztes Mittel gegen Übergewicht!) und verschafft mir zudem Einblick in das Duell der Detailhändler: Wer von den beiden Giganten hat gerade die Nase vorne, und wie setzen sich die Schweizer Elefanten gegen die ins Land drängenden deutschen Grossverteiler zur Wehr?

Und wenn ich mich samstags für die obligate Shoppingtour rüste, bin ich bestens informiert darüber, welche Filialen welche Vergünstigungen offerieren und welche nicht, welcher Big Shop was günstiger anpreist und welcher not so Big Shop dies nicht tut. Was für ein intellektuelles Vergnügen, in dieser schwer über- und durchschaubaren Warenwelt den Durchblick zu behalten. Zum kommunikativen Spass frage ich trotzdem immer mal wieder nach, wieso diese oder jene Ware nicht zu reduziertem Preis zu haben sei. Dann holt der Verkäufer die aktuelle Coop- oder Migros-Zeitung, und ich freue mich schelmisch auf die erneute, nun gemeinsame Lektüre.

Erstellt: 10.03.2015, 12:31 Uhr

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