Kunst-Experte: «Mir kamen die Tränen, es war schrecklich»

Warum ist der Brand so schlimm? Warum Notre-Dame so speziell? Dazu Kunst-Experte Christian Freigang im Gespräch.

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Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Notre-Dame brennen sahen?
Mir kamen die Tränen, es war schrecklich. Die Bilder erinnerten mich an die Kathedrale von Reims, die die Deutschen im Ersten Weltkrieg in Brand schossen. Ich wusste gleich: Da komme ich nun für Jahre nicht mehr rein.

Was fasziniert Sie an der Kathedrale?
Bereits als der gotische Bau 1136 begann, war die Notre-Dame als aussergewöhnliches Gebäude angelegt. Ihre Ausmasse sind riesenhaft. Der Chor etwa ist unglaublich lang, die Gewölbehöhe liegt bei 33 Meter. Die damals ungewöhnlich dünnen Mauerscheiben ermöglichten ein leichteres, subtileres Bauen, und diese revolutionäre Technik erlaubte wiederum den Einbau grösserer Fenster – und damit Lichtwirkungen, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Zugleich begann mit Notre-Dame eine neue Musik: Ihre kühne Architektur war es, die die polyfone Kirchenmusik der «Ars nova» erst zum Klingen brachte.

Nun wird zu den ganz grossen Metaphern gegriffen: «Seele», «Herz». Warum ist die Kathedrale so wichtig für Frankreich?
Geografisch stimmen diese Metaphern sehr genau. Notre-Dame liegt in der Mitte der französischen Hauptstadt, im Herzen der Stadt, war lange Zeit auch ihr höchstes Gebäude. Der Erzbischof von Paris ist bis heute die wichtigste kirchliche Instanz Frankreichs. In der Notre-Dame verdichtet sich seit Jahrhunderten französische Kunst, Architektur, Religion, Politik. Es war alles andere als Zufall, dass sich Napoleon ausgerechnet hier zum Kaiser krönte. Als Victor Hugo die Kathedrale zur Hauptfigur seines Romans machte, begann man sich mit der Konservierung von Notre-Dame zu beschäftigen – und zugleich mit dem Schutz historischer Gebäude an sich. Allein Hugos Roman stellte bereits ein Jahrhundertereignis dar.

Wie gross schätzen Sie als Kunsthistoriker den Schaden ein?
Vollends abzuschätzen ist der Schaden noch nicht. Die Reliefs im Chorumgang gehören zu den Hauptwerken der Kunst des 14. Jahrhunderts. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie denen das Wasser, der Russ und die herunterstürzenden Balken zugesetzt haben... Stark gelitten hat wohl auch die prächtige Chorausstattung, die auf ein Gelübde von Ludwig XIII. zurückgeht. Das ist respektive war ein Hauptwerk der Kunst des 17. Jahrhunderts. Eingestürzt ist der grosse Dachreiter über der Vierung, der in der Presse fälschlicherweise als «Spitzturm» bezeichnet wird. Er stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dass dieser Turm eingestürzt ist, ist schon schlimm genug. Nun ist aber zusätzlich zu befürchten, dass dieses tonnenschwere Ding beim Aufprall einigen Schaden angerichtet hat. Etwa in der Sakristei oder in der Schatzkammer, aus der man offenbar in höchster Not die Kostbarkeiten zu retten versuchte. Gebrannt hat zudem der Nordwestturm – dort sind die Glocken drin. Und Glocken können natürlich schmelzen in einem Feuersturm, wie wir ihn am Montagabend gesehen haben.

Die «Gebäudestruktur» sei gerettet, sagt die Feuerwehr. Was soll das heissen? Wird hier etwas schöngeredet?
Klingt tatsächlich so. Denn bei derartigen Temperaturen verändert sich auch das Steinmaterial, es wird gipsartig und platzt ab. Der Stein verliert an Stabilität. In den kommenden Tagen dürften noch diverse statische Beeinträchtigungen zum Vorschein kommen. Vor allem die Obergaden, also die Mauern auf Fensterhöhen, die Querhausfassaden, also die eleganten Schauseiten an der Längsseite der Kirche, sowie der Nordwestturm scheinen mir gefährdet.

Man sagt, die Kathedrale habe eine «diaphane» Qualität – obwohl aus schwerem Stein gehauen, wirkt das Bauwerk grazil. Ist diese Eigenart nun bedroht?
Nein. Die Notre-Dame wird ja nicht komplett einstürzen. Wer sich mit gotischen Kirchen beschäftigt hat, weiss, wie massiv deren Mauern sind. Die halten einiges aus.

Auf welche Schliessungsdauer stellen Sie sich ein?
Zehn Jahre wären das Worst-Case. Aber einige Jahre dürften es schon werden. Jetzt kommt erst die Untersuchung der Ursache, die Renovation, dann wird ein internationales Gremium alles nachprüfen. Die Brandschutzmassnahmen müssen angepasst werden. Und das alles stets mit grösster Vorsicht, damit nicht noch mehr kaputtgeht. Die Kosten werden immens sein. Die 100 Millionen Euro, die ein Gönner nun angeboten hat, werden bei weitem nicht reichen.

Notre-Dame ist eine Attraktion für Touristen. Zynisch gesagt: Da sie den Unterschied sowieso nicht bemerken, könnte ihnen eigentlich egal sein, wie viel Material in der Kathedrale tatsächlich noch aus dem Mittelalter stammt.
So einfach ist es nicht. Das Gefühl, dass man sich in einem Raum mit Originalen befindet, ist entscheidend. Wobei wirklich original kaum noch etwas ist in einer alten Kathedrale wie Notre-Dame. Da wird ja ständig irgendetwas ausgebessert und repariert.

Was könnte der Brand für Frankreich bedeuten?
Frankreich ist heute tief gespalten. Vielleicht rückt es nach diesem Unglück wieder näher zusammen, vielleicht formiert sich zur Rettung der Notre-Dame eine neue nationale Einigung. Von einer enormen Spendenbereitschaft der Franzosen darf man jedenfalls ausgehen.

Video: Überblick zum Grossbrand in der Notre-Dame

Flammen am Abend, Angst in der Nacht, Trotz am Morgen: Der Brand der Notre-Dame im Rückblick.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.04.2019, 15:45 Uhr

Christian Freigang ist Professor für Kunstgeschichte an der FU Berlin. (Bild: zVg)

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