«Missbrauch hat für den Papst keine Priorität»

Gianluigi Nuzzi hat im Knabenseminar des Vatikans Übergriffe aufgedeckt. Nun wirft er Papst Franziskus vor, nicht genug gegen Pädophilie zu tun.

2012 veröffentlichte Gianluigi Nuzzi in einem Buch vertrauliche Dokumente aus der Kurie und löste damit den Vatileaks-Skandal aus. Foto: Reto Oeschger

2012 veröffentlichte Gianluigi Nuzzi in einem Buch vertrauliche Dokumente aus der Kurie und löste damit den Vatileaks-Skandal aus. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben im Präseminar des Vatikans Übergriffe auf 10- bis 14-jährige Knaben aufgedeckt, die im Petersdom ministrieren. Kommt es zu einer Untersuchung?
In meinem dem Vatikan zugestellten Buch «Erbsünde» belege ich, dass kirchliche Autoritäten Knaben des Präseminars missbraucht haben. Gerade habe ich erfahren, dass der Vatikan ein Verfahren eröffnet hat. Sie sind der erste Journalist, dem ich das sage. Die Ermittlungen führt der Staatsanwalt des Vatikans, Gianpiero Milano. Er hat Zeugen befragt, nämlich die Opfer Kamil, Luca und andere, die ich während Monaten verteidigt hatte.

Der erste Fall von Missbrauch im Vatikan selber?
Es gab einmal eine Anklage gegen einen polnischen Priester im Vatikan. Jetzt aber geht es um eine ganze Struktur, um das Knabenseminar im Palazzo San Carlo, wo auch Kardinäle wohnen.

Sie sind sehr froh über die Untersuchung?
Natürlich, sie bestätigt meine Recherchen. Der Staatsanwalt ist derselbe, der mich 2015 wegen Mittäterschaft am Hochverrat ­vatikanischer Geheimnisträger anklagte, weil ich interne Vatikan-Dokumente veröffentlicht hatte. Im Juli 2016 wurde ich freigesprochen. Für mich ist es wichtig, dass die Person, die mich ins Gefängnis bringen wollte, wegen meines neuen Buches eine Untersuchung einleiten muss.

Sonst aber unternimmt der Vatikan wenig. Die Opferor­ganisation «Rete L’ Abuso» beklagt die «desaströse Bilanz von Franziskus im Kampf gegen Missbrauch».
Noch mehr schockiert mich die Aussage von Erzbischof Georg Gänswein, der Missbrauchsskandal sei der 11. September der katholischen Kirche. Die Medien fanden das stark. Offenbar hat niemand gemerkt: Die Terroristen griffen das World Trade Center von aussen an, die Pädophilie aber ist eine Attacke innerhalb der Kirche, sie kommt nicht von aussen. Gänswein geht es allein um das Image der Kirche.

Zurzeit setzt Erzbischof Carlo Maria Viganò Franziskus mit dem Vorwurf unter Druck, er habe den Missbrauchskardinal McCarrick gedeckt. Sie beschreiben Viganò als hoch­intelligent, charakterfest. Also eine seriöse Persönlichkeit?
Als Benedikt XVI. Viganò 2009 in die Vatikan-Verwaltung berief, deckte er vieles auf, etwa dass der Weihnachtsbaum auf dem Petersplatz jedes Jahr 400000 Euro kostet. Er ist eine seriöse Person, die sich mitunter irrt. Ich finde es richtig, dass er den Fall McCarrick öffentlich machte. Falsch ist aber, dass er den Rücktritt von Franziskus verlangt.

Warum?
Weil das im Innern der Kirche aussieht wie ein politischer Akt des konservativen Flügels. Die Kirche ist eine Theokratie und keine parlamentarische Demokratie. Darum hat Viganò seine Anklage mit der Rücktrittsforderung geschwächt. Ohne diese wäre sie glaubwürdiger.

Trifft der Vorwurf an sich zu, dass Franziskus McCarrick gedeckt hat?
Ich weiss nicht, ob der Inhalt gänzlich richtig ist.

Der Vatikan weist den Vorwurf zurück. Der Papst aber schweigt. Wer schweigt, stimmt zu?
Der Papst hat nicht nichts gesagt. Zu den Journalisten sagte er: Ich sage nichts, es ist an euch, das Dokument zu studieren. Ich weiss nicht, wie viel am Vorwurf wahr ist. Alles aber, was Viganò früher im Vatikan aufdeckte, war wahr. Viganò ist nicht irgendeiner. Bei den Unterlagen, die mir der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele 2011 gegeben hatte und mit denen er Vatileaks auslöste, geht es just um das Dossier von Viganò über Missmanagement und Günstlingswirtschaft. Benedikt hatte ihn ja geholt, um im Vatikan sauber zu machen. Staatssekretär Bertone passte das nicht, er zwang Benedikt, Viganò als Nuntius nach Washington abzuschieben.

Auch in anderen Fällen hat Franziskus die Täter verteidigt.
Da fehlen mir die Unterlagen. Was ich gut kenne, ist der Fall Kardinal Pell, der vor Gericht steht. Als Franziskus Georg Pell 2014 zum Präfekten des neuen Wirtschaftssekretariats machte, informierte dieser den Papst, gegen ihn laufe eine Untersuchung wegen Vertuschung. Der Papst fragte ihn: Bist du unschuldig oder schuldig? Pell antwortete: Ich bin unschuldig. Worauf Franziskus sagte: Also machen wir dich zum Präfekten. Ich als Laie finde das verrückt. Es ist, wie wenn Sie in Zürich für einen Politiker stimmten, der der Pädophilie angeklagt ist. Würden sie das tun?

Nein.
Die Welt des Vatikans ist eben nicht die unsere. Der Papst steht über allem, Franziskus kann auch einen Dieb befördern. 2016 noch hatte er den altersbedingten Rücktritt von Pell nicht angenommen. Inzwischen hat sich die Untersuchung in Melbourne zum Prozess gewandelt.

Zurück zum Missbrauchsskandal: Wird Franziskus unter dem Druck zurücktreten müssen?
Er kann nicht zurücktreten, das glaube ich nicht. Treffen wir uns in sechs Monaten wieder, dann werden wir es wissen.

Er wird den Skandal einfach aussitzen?
Nein. Einiges geht auf das Konto seiner subjektiven Verantwortlichkeit. Anderes geht auf das Konto von Pathologien in ­gewissen Diözesen, wo er die Schuld nicht übernehmen kann.

Im Januar steht in Lyon Kardinal Barbarin wegen Vertuschung vor Gericht. Auch ihm hat Franziskus einen Persilschein ausgestellt.
Ich glaube, dass der Kampf gegen die Pädophilie in diesem Pontifikat schlicht keine Priorität hat. Der Vatikan hat nicht verstanden, wie zentral es wäre, deutlich Stellung zu beziehen. Wir durchleben aktuell eine ganz, ganz dunkle Periode. Dieser Papst bremst bei der Missbrauchsbekämpfung. Er macht weit weniger als Benedikt XVI.

Was müsste er tun?
Franziskus macht nur Marketing, er beruft Kommissionen, formuliert Schuldbekenntnisse. Nötig aber wären justiziable Akte, etwa die Kardinäle in den Laienstand zu versetzen oder die Archive zu öffnen.

Könnten ihn diese Versäumnisse den Kopf kosten?
Das ist ein Wunsch von gewissen konservativen Kreisen. Ich glaube nicht, dass die persönliche Verantwortung dieses Papstes in einem Ausmass ans Licht kommt, dass man ihm daraus einen Strick drehen könnte. Mich interessiert nicht so sehr, ob der Papst etwas wissen konnte. Mich interessiert, ob er den notwendigen zusätzlichen Gang im Kampf gegen die Pädophilie einschaltet, was er bisher nicht getan hat. Die eigentliche Frage wäre: Sind die Kardinäle, die die Augen bei der Pädophilie verschlossen haben, willens, diesen Kampf aufzunehmen? Benedikt hatte die Zivilgerichte eingeschaltet, Entschädigungen ausgesprochen. Franziskus sollte weitere Schritte tun und die Bischöfe und Kardinäle zur Verantwortung ziehen, die Pädophile gedeckt haben. Tut er aber nicht.

Weshalb nicht?
Es gibt zwei mögliche Gründe: Vielleicht ist es noch nicht der Moment dazu. Oder er fürchtet, ein Erdbeben auszulösen. Darum frage ich: Wie viele Kardinäle sind es, die Pädophile gedeckt haben? Sind es viele, könnte der Papst ein Erdbeben provozieren. Aber nicht unter dem Titel des Skandals, sondern unter dem ­Titel der Spaltung.

Der Spaltung?
In dem Moment, wo der Papst eine Gruppe von Kardinälen attackiert, provoziert er eine Spaltung im Innern der Kirche. Doch der Pontifex muss per definitionem die Einheit der Kirche garantieren. Pädophilie ist ein Verbrechen. Warum macht Franziskus nichts? Weil das die Einheit der Kirche gefährden könnte. Das ist eine Hypothese.

Erstellt: 16.10.2018, 16:12 Uhr

Artikel zum Thema

Vatikan über Kindsmissbrauch «beschämt»

Die Kirche am Pranger: In den USA werden allein im Staat Pennsylvania über 300 Priester des Kindsmissbrauchs bezichtigt. Der Vatikan steht an der Seite der Opfer. Mehr...

Vatikan zieht Papst-Aussage über Homosexuelle zurück

Nach Kritik löscht der Vatikan ein Zitat von Franziskus. In der Erklärung der Sprecherin wird der Affront aber prompt wiederholt. Mehr...

So reich ist der Vatikan

Immobilien, Museen, Fanartikel: Ein Blick auf das Vermögen des Gottesstaates. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...