Möbel der Macht

Der Begriff «Besetzungscouch» ist fast so alt wie Hollywood. Er klingt lustig, beschreibt in Wahrheit aber oft nur den blanken Missbrauch.

Die Schauspielerin Asia Argento spielte 2000 in ihrem Regiedebüt «Scarlet Diva» auf den Vorfall mit Harvey Weinstein an.

Die Schauspielerin Asia Argento spielte 2000 in ihrem Regiedebüt «Scarlet Diva» auf den Vorfall mit Harvey Weinstein an. Bild: Youtube/Film&Clips

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Im Jahr 1924 kursierte in Hollywood ein Sexstummfilm, in dem ein junges Mädchen das Büro eines Zigarre rauchenden Produzenten betritt, der ihr in Lüstlingsmanier klarmacht, was er von ihr erwartet. Freudig steigt sie auf sein Angebot ein, die beiden schlafen miteinander, und hinterher unterschreiben sie lächelnd einen Vertrag, der das Mädchen wie vereinbart zum Star machen soll. Der Titel des Films: «Casting Couch». Besetzungscouch.

Die Filmwissenschaftlerin Linda Williams bezeichnet das Werk in ihrer Geschichte der Pornografie – «Hard Core» aus dem Jahr 1989 – als einen der ersten, nun ja, Klassiker des Genres. Aber da keine Filmkopie überliefert ist und nur feststeht, dass es den Film gab, ranken sich um ihn bis heute Legenden. Das prominenteste Gerücht: Joan Crawford habe die Hauptrolle gespielt, als sie noch kein Star war und unter ihrem Geburtsnamen Lucille Fay LeSueur nach Hollywood kam. Ganze Bücher drehen sich um die Frage, ob sie tatsächlich darin zu sehen war oder nicht.

Unabhängig davon kann man aber festhalten, dass die Casting Couch offensichtlich schon im Jahr 1924 ein feststehender Begriff war. Und tatsächlich lässt sich das Phänomen bis in die Anfänge Hollywoods zurückverfolgen, als die Filmindustrie noch gar nicht der glamouröse Machtapparat war, der sie später wurde.

«Sittenlosigkeit im Kamera-Land»

Der Begriff der Casting Couch selbst tauchte sogar noch früher auf, nicht an der West-, sondern an der Ostküste. Der Etymologe Peter Tamony bringt die erste Nennung mit den Brüdern Shubert in Verbindung. Diese betrieben Anfang des 20. Jahrhunderts am Broadway nicht nur sehr erfolgreich ein Theater, sondern wohl auch eine Couch im Hinterzimmer, die dem Vorgang bis heute ihren Namen gibt. Besonders der älteste Bruder, Lee, soll Mädchen in seinem grossen Chor regelmässig Hauptrollen im Tausch gegen Sex angeboten haben.

Dass die Casting Couch eine etwas zweifelhafte Institution sein könnte, wurde in den goldenen Jahren Hollywoods durchaus erkannt. Die Zeitschrift «The Atlantic» hat anlässlich des Skandals um den Produzenten Harvey Weinstein einen Auszug aus dem Text eines New Yorker Journalisten aus den Zwanzigerjahren abgedruckt. Der Reporter schrieb, offensichtlich entsetzt über die Bräuche in der Filmbranche, einen Text über die «Sittenlosigkeit im Kamera-Land». Darin heisst es, dass «junge Frauen in der von ihnen gewählten Profession nicht vorankommen, wenn sie nicht den Avancen von Studio-Managern, Regisseuren oder einflussreichen männlichen Stars nachgeben.»

Auch der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, der sich in seinen letzten Lebensjahren als Autor in Hollywood verdingte, griff in seinem unvollendeten letzten Roman «Der letzte Taikun» (1941) das problematische Machtgefälle der Casting Couch als Hollywoodalltag auf.

«Couching» ging in den Sprachgebrauch ein

Viele Bücher zum Thema, gerade die Sachbücher, zeichnen sich aber vor allem dadurch aus, dass sie ihr Sujet mit einer gewissen Lüsternheit angehen. Sie versuchen sich eher an schlüpfrig aufgeschriebenen Schlüssellochgeschichten als an der Frage des Machtmissbrauchs in der Filmindustrie. 1965 zum Beispiel veröffentlichte der amerikanische Regisseur Kenneth Anger das Buch «Hollywood Babylon». Eine ganze Aneinanderreihung von Couch-Geschichten, deren Hauptproblem jenseits der moralischen oder juristischen Bewertung darin besteht, dass sie teilweise erfunden sind. Anger behauptet unter anderem, die Schauspielerin Clara Bow, ein Star der Stummfilmzeit, habe mit der kompletten Football-Mannschaft der University of Southern California geschlafen, inklusive des jungen John Wayne. Stimmt zwar nicht, und schon gar nicht, dass dies der Beginn ihrer Karriere gewesen ist. Aber das Werk wird bis heute gern zitiert, wenn es um Skandalstoff von früher geht.

Das Problem an dieser Art Gossip ist, dass sie die Grenzen zwischen freiwilligen Ausschweifungen und sexuellen Übergriffen, die beide auf der Besetzungscouch stattfinden können, verwischt. Die Casting Couch wird so zum Mythos, zu einer anrüchigen, aber durchaus branchenüblichen Institution, die von Männern und Frauen gleichermassen als Mittel zum Zweck benutzt wird. Das mag in manchen Fällen natürlich zutreffen, doch zeigen gerade die Vorwürfe gegen den Produzenten Harvey Weinstein, dass es sich bei der Couch auch schlicht und einfach um ein verharmlosendes Synonym für Missbrauch handeln kann.

Die Trennung zwischen voyeuristischem Report und echter Sensibilität für das Problem des Missbrauchs gelingt auch dem britischen Autor Selwyn Ford nicht so recht. Er hat das Buch «The Casting Couch. Making It in Hollywood» (1990) verfasst. Einerseits versucht er sich an einer nüchternen Geschichte. Er erzählt ebenfalls von den Ursprüngen des Begriffs in den 1910er-Jahren, und wie das Prinzip in Hollywood bald so alltäglich wurde, dass das Verb «couching» in den normalen Sprachgebrauch fand.

Frauen hätten nur gut aussehen müssen

Andererseits referiert er recht ominös und quellenfrei über Seminare, die angeblich für junge Frauen in Hollywood angeboten wurden, in denen sie «Couch-Techniken» erlernen konnten und über die speziellen Vorlieben dieser und jener männlichen Entscheider informiert wurden.

Besonders merkwürdig, ja frauenfeindlich ist seine These, warum die Couch gerade in Hollywood institutionalisiert wurde. Ford behauptet, in den Anfängen des Films hätten Frauen nicht schauspielen können müssen, da das Medium ja ohnehin stumm war – ein hübsches Gesicht für die Grossaufnahme wäre genug gewesen. Das wiederum hätte quasi zu einer halben Völkerwanderung blutjunger, schöner aber auch einfältiger Mädchen nach Hollywood geführt, die dort halbseidenen Männern mit viel Geld in der Tasche auf den Leim gegangen seien.

Dass die weiblichen Stars des Stummfilms keine Puppen waren und durchaus spielen konnten, hätte der Autor natürlich herausfinden können, indem er sich ein paar Stummfilmklassiker anschaut. Mary Pickford zum Beispiel war nicht nur eine gefeierte Schauspielerin, sondern auch eine einflussreiche und mächtige Produzentin sowie Mitbegründerin der amerikanischen Filmakademie. Gegen die männliche Dominanz im Showgeschäft setzte sie sich schon zur Wehr, lange bevor der Begriff der Casting Couch zum Klischee geworden war.

Erstellt: 18.10.2017, 15:12 Uhr

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