Der Mond geht auf? Erstschlag!

Trump und Kim sind gefährlich, klar. Noch gefährlicher aber ist spukende Kriegstechnik.

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Trump und Kim können Atomsprengköpfe auf Langstreckenraketen stöpseln, weshalb man sich gerade besorgter fragt als ohnehin: Was geht vor in ihren Köpfen? Sind die vielleicht komplett verrückt geworden?

Die Angst ist berechtigt. Donald Trump fuhrwerkt im Weissen Haus, als wärs ein Drehort für hirnloses Reality-TV, Kim Jong-un brütet düster in der stalinistischen Filterblase. Notgedrungen debattiert die Welt das Horror-Szenario vom Irren, der uns alle in die Luft sprengt.

Jedoch: Bisher waren es weniger menschliche Hitzköpfe, die den Globus der atomaren Apokalypse näherbrachten, als nüchterne Technik. Denn bei Störungen in den hyperkomplexen Systemen der Atombombentechnik wird es so richtig gefährlich.

Sonnenstrahlen mit Raketen verwechselt

So zum Beispiel am 5. Oktober 1960. Der Mond geht auf über Norwegen – kein sehr ungewöhnlicher Vorgang, möchte man meinen. Doch ein amerikanischer Computer erkennt eine sowjetische «All Out Attack», einen Angriff auf breiter Front. Weil sich Sowjetführer Nikita Chruschtschow zu diesem Zeitpunkt in New York aufhält, kommen den US-Militärs aber Zweifel. Sie zögern, zum Glück. Der Computerbug bleibt folgenlos.

Am 3. Juni 1980 starten US-Bomberpiloten ihre Maschinen, um den Russen Tod und Verderben zu bringen. Es gilt Alarmstufe höchsten Grades, die Warnsysteme melden einen sowjetischen Raketenangriff. Man will kurz eine letzte Bestätigung abwarten. Doch diese bleibt aus, die Bomber bleiben am Boden. Grund des Fehlalarms ist ein kaputter Computerchip.

26. September 1983: Ein Sowjet-Satellit registriert fünf anfliegende US-Raketen. Ein Oberst soll die Order vom US-Angriff weiterleiten. Er stutzt, weil ihm der Abschuss von bloss fünf Raketen sinnlos erscheint. Entfesselt man so einen Krieg zwischen Supermächten? Der Mann wartet eigenmächtig ab. Zu Recht: Der Satellit hatte Sonnenstrahlen mit Raketen verwechselt.

Eine verrutschte Platte

Der letzte solche Vorfall datiert auf den 23. Oktober 2010, als eine Armeebasis in Wyoming den Kontakt zu vier Dutzend Atomraketen verliert. Während 45 Minuten weiss niemand, ob man gehackt wurde, wer Zugriff hat, was mit den Raketen genau passiert. Später findet man die Ursache des Kommunikationsabbruchs: Eine verrutschte Hardware-Platte.

Mag sein, dass Trumps Synapsen zu Griegs «In der Halle des Bergkönigs» tanzen, aber die Computer seiner Streitkräfte funktionieren klar, simpel und binär. Wenn die automatisierte Befehlskette einmal losrattert, ist sie schwer zu stoppen. Dann bleibt nur die Hoffnung auf einen beherzten Anfall von Technik-Skepsis, auf eine Intervention von sehr menschlicher Art. Auf Emotionen, Mut, Feigheit, Faulheit oder dergleichen also.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2017, 16:15 Uhr

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