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Nancy Pelosis Geste der Ohnmacht

Die Sprecherin des Repräsentantenhauses reisst Trumps Redemanuskript in Stücke. Politische Gesten dieser Art sind geplant – und effektiv.

Andrian Kreye
Während Trump sich mit einem «Thank you» bei den Abgeordneten des Parlaments bedankte, riss Pelosi das Manuskript seiner Rede fein säuberlich in zwei Hälften.
Während Trump sich mit einem «Thank you» bei den Abgeordneten des Parlaments bedankte, riss Pelosi das Manuskript seiner Rede fein säuberlich in zwei Hälften.

Es dauerte nur Minuten, da war Nancy Pelosis verächtliche Geste zum Abschluss von Donald Trumps Rede zur Lage der Nation schon ein Gif auf Whatsapp, ein bewegtes Bildchen, das man an Nachrichten hängen kann. Noch während er sich mit einem schnutigen «Thank you» bei den Abgeordneten des Parlaments bedankte, hatte sie das Manuskript seiner Rede fein säuberlich in zwei Hälften gerissen.

Eine Geste der Verachtung. Auch eine der Macht – oder nicht vielmehr eine der Ohnmacht? Für die Sprecherin des Repräsentantenhauses war es jedenfalls eine Wiederholungstat. Bei Trumps letztjähriger State of the Union Address hatte sie ihm mit einem sogenannten Walrossklatschen die Schau gestohlen, einem sarkastisch überbetonten Applaus, wie ihn Kinder zeigen, um Mitschülern zu bedeuten, dass diese gerade etwas gegen die Wand gefahren haben. Auch vor einem Jahr verbreitete sich ihre Geste als Meme in Windeseile, ist heute noch bei der in Whatsapp eingebundenen Gif-Sammlung «Tenor» und ähnlichen Diensten abrufbar. Solche Gesten sind wohlüberlegt, vielleicht sogar eingeübt. Zugeben würde Pelosi das natürlich nie.

Wenn es um Körpersprache geht, werden aber nicht nur amerikanische Politiker lange geschult. Sie lernen, in welcher Höhe Gesten noch von Nahaufnahmen der Fernsehkameras erfasst werden. Direkte und indirekte Wirkungen werden analysiert und einstudiert. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Viele Politiker finden so ein Markenzeichen – Angela Merkels Raute, Bill Clintons «Thist» (eine Halbfaust mit emporgerecktem Daumen). George W. Bush hatte seinen «Power Walk».

Barack Obama verfügte über ein ganzes Arsenal solcher Gesten, mit denen er vor allem Überzeugungskraft und Offenheit vermitteln wollte. Legendär war sein Zitat des «Mic Drop» aus dem Hip-Hop, das Fallenlassen des Mikrofons als abschliessende Triumphgeste, mit dem er seine Rede 2016 bei seinem letzten White House Correspondents' Dinner beendete.

Auch Donald Trump ist ein Meister solcher Signale. 641 Gesten in 17 Minuten zählte CNN bei seiner Rede zur Amtseinführung. Er bedient sich meist sogenannter Power Gestures, Machtbeweisen wie dem doppelten Zeigefingerstoss oder dem Faustschwung. Pelosi gelang es nun, gleich zweimal die Nachrichtenzyklen seiner jährlichen Schlüsselreden mit Verachtungsgesten zu dominieren: ein Doppelsieg. Denn solche Gesten sind als nonverbale Leuchtsignale der Rhetorik inmitten des Sperrfeuers aus Demagogie, Lügen, Fake News und Hate Speech viel wert. Solche Gesten sind auch sehr viel mehr als nur suggestive Körpersprache.

Ohne den Umweg über historische Anspielungen oder eben Worte setzen sie ein Zeichen, das sich in jedem nur erdenklichen Medium von der Zeitungstitelseite bis zum Whatsapp-Gif vermitteln lässt.

Pelosi ist keineswegs die Einzige, die diese Methode einsetzt. Der Football-Star Colin Kaepernick machte im Sommer 2016 Schlagzeilen, als er sich während der Nationalhymne vor den Spielen aus Protest hinkniete. Jennifer Lopez setzte bei der Halftime Show des Super Bowl am vergangenen Wochenende ein Zeichen, als sie die puertoricanische Flagge enthüllte. Flankiert wurde ihr Protest vom Produzenten der Show, Jay Z, und dessen Frau Beyoncé im Publikum, die während der Nationalhymne sitzen blieben.

Aber auch die Rechte kennt solche Signale. Seit einiger Zeit benützen Radikale das «Okay»-Zeichen (Zeigefinger und Daumen formen ein O, die restlichen drei Finger werden abgespreizt) als Signal für «White Power». Das Deutungsspiel, wer was wann wie einsetzt, ist nicht nur in den USA Thema sehr vieler Analysen und Auseinandersetzungen. Solange sich Mini-Filmformate wie Gifs und Tiktok-Videos weiter durchsetzen, wird auch diese Politik der Gesten weiter zunehmen und sich verfeinern. Denn die Gier der Öffentlichkeit nach bewegten Kurzmomenten ist längst noch nicht gestillt.

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