Neo- und alte Nazis

Güzin Kar über falsche politische Korrektheit.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Und wie sie auf einmal auf politisch korrekte Sprache pochen, und wie sie mit den Füsschen stampfen und gar wütend fauchen und schimpfen, diese «Ich laufe dann mal mit den Eiern voraus und erkläre die Welt»-Typen, die eben noch darauf beharrten, so oft Neger, Kanake, Transe und Schwuchtel sagen zu dürfen, wie es ihnen passt. Aber «Nazi» geht gar natürlich gar nicht.

Nein, wenn Menschen als Nazis bezeichnet werden, dann ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit erreicht, dann muss man in den Medienkrieg ziehen und die korrekte Sprache verteidigen. So jedenfalls hört man es derzeit da und dort. «Nazi» sei nämlich verletzend, beleidigend, dumm und vor allem historisch ungenau, so erklärt es der Eier-voraus-Typ in Leitartikeln und länglichen Facebook-Posts, weshalb man eine etwas sanftere Umschreibung bevorzugen sollte.

Das, was derzeit in Chemnitz Hitlergrüsse zeigt und Menschen mit dem Tod droht, sind keine Nazis. Denn diese sind, wie man weiss, 1945 plötzlich ausgestorben, wie ein paar Jahre davor die Dinosaurier. Dass unzählige Verbrecher und Sympathisanten auch nach dem Krieg unbehelligt in der BRD lebten und arbeiteten, muss ein Gerücht sein. Denn wie gesagt, gab es nach 1945 keine Nazis mehr. Entweder hatte man eine Impfung erfunden, die das Volk vor Masern, Mumps und braunem Gedankengut bewahrte oder irgendwer rannte mit dem Pestizidspritzgerät durch die Lande und befreite alles von Keimen oder ein Meteorit schlug ein und sorgte für einen schnellen Wechsel in Fauna, Flora und Oberlippenbartmode der Herren. Auf einmal war das neckische Hitlerbärtchen nicht mehr so arg trendy. Der Original-Hitler selig und seine wackeren Freunde haben einen sauberen Abgang gemacht, und alles, was nach ihnen kam, ist Abklatsch, weshalb man – wenn überhaupt – ein Neo davorsetzen muss.

Neonazi. Klingt wie Nazi reloaded. Oder zweite Staffel. Halt etwas, das man auf dem Laptop im heimeligen Bett anschauen kann, ohne etwas befürchten zu müssen. Aber selbst «Neonazi» sollte man nicht unbedacht irgendwem anhängen, der seine Morddrohungen vermutlich gar nicht politisch meint. Nein, das sind doch alles wütende, junge Menschen, die im Osten Deutschlands nicht artgerecht gehalten werden, und denen – so ganz ohne Perspektive – halt ab und zu mal die rechte Hand hochgeht. Man muss das nicht ernst nehmen, die schlagen zwar schon mal einen nieder, der dunkelweiss aussieht, aber das ist nicht böse gemeint. Man könnte sie auch Deonazis nennen, von wegen Armheben und so.

Im Übrigen sollte man auch keinen einen Rassisten nennen, da dieser Ausdruck beleidigend ist. Mikroaggression und so. In den westlichen Gesellschaften gibt es keine Rassisten, und hinter Brandanschlägen auf Flüchtlinge und Wohnhäuser von Migranten stehen verängstigte und unsichere Menschen, also Leute wie wir. «Wie viel Rassismus steckt in mir, und welches Parfüm lässt mich frisch und jugendlich wirken? – Machen Sie den grossen Test im Heft».

Auch als Fremdenfeind sollte man keinen mehr bezeichnen, denn nur weil einer keine Pizza mag, ist er noch lange kein Böser. Für mich bitte einmal Schnitzel mit Pommes. Was soll daran schlecht sein? Und warum gleich so ein negatives Wort wie Fremdenfeindlichkeit bemühen? Halten wir fest: In Mitteleuropa gibt es weder Nazis noch Rassisten noch Fremdenfeinde. Das wollen uns jedenfalls die politisch Korrekten Sprachbastler weismachen. Wir aber sollten uns den Mund nicht verbieten lassen und weiterhin von Nazis reden, wenn wir Nazis meinen.

Erstellt: 07.09.2018, 15:41 Uhr

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