«Wir tun viel Gutes»

Wieder Kindsmissbrauch bei den Katholiken. Brauchts die Kirche noch? Dazu ein Sprecher.

In seinem Einflussbereich kams zu Missbräuchen: Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington. (Archivbild)

In seinem Einflussbereich kams zu Missbräuchen: Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington. (Archivbild) Bild: Keystone

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Wie erklären Sie sich die vielen Kindesmissbrauchs-Fälle in der katholischen Kirche?
Zunächst muss man sagen, dass die Fälle von Pennsylvania oft Jahrzehnte zurückliegen. Tatsächlich häuften sich die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in unserer Kirche in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. In der Ära von Papst Franziskus ist die Zahl aber nun massiv zurückgegangen. Der Papst räumt resolut auf. Jüngst entliess er eine ganze Reihe von Bischöfen in Chile, die Missbrauchsfälle vertuschten, auch einen US-Kardinal. Aber selbstverständlich haben wir ein Problem, ein ernsthaftes.

Noch mal: Weshalb die Häufung?
Das Grundproblem ist die übergrosse Autorität, die der katholische Priester während Jahrhunderten und bis vor kurzem hatte. Für unsere Grosseltern war er noch die moralische Instanz schlechthin. Hier der allmächtige Priester, dort die hörigen Schäfchen – so wars leider allzu lange in unserer Kirche. Die heutige Gesellschaft schwächt die Position der Kirche, und damit auch die Autorität der Priester.

Die Säkularisierung liegt im Interesse der Kirche?
Hinsichtlich des Kindesmissbrauchs durch Priester sicher. Ansonsten bin ich aber nach wie vor überzeugt, dass es uns braucht.

Warum?
Nicht vergessen, wir tun viel Gutes. Die katholische Kirche stemmt sich gegen die soziale Kälte. Wer kümmert sich heute in dieser Welt sonst noch um die Schwachen, die Alten, die Kranken, die Menschen, die seelisch in Not geraten sind? Wegen dieser Qualitäten boomen wir heute in Ländern wie China oder Japan. Jede Institution hat ihre Schwierigkeiten – auch die katholische Kirche. Wo es Menschen gibt, gibt es auch Abgründe – auch in der katholischen Kirche. Dennoch glaube ich weiterhin an die Mission der Kirche, an die Botschaft des Evangeliums.

Was halten Sie von der These unseres Religionsredaktors Michael Meier, dass die asexuelle Priesterkaste für Männer attraktiv sei, die mit ihrer Sexualität nicht zurechtkommen?
Das ist plausibel. Das Pflichtzölibat ist ein Problem. Aber ein Priester, der nicht länger im Zölibat leben will, wird deshalb noch lange nicht zum Pädophilen! Allerdings können sich in der klerikalen Männerwelt Typen mit perversen Neigungen verstecken. Es scheint mir vernünftig, von einem verpflichtenden zu einem freiwilligen Zölibat überzugehen. Dass Männer, die erst zölibatär leben wollen und dann mit 30, 40 Jahren merken, dass sie es nicht können, einen Ausweg haben. Ein anderer Punkt: Es fehlen die Frauen. Die Kirche muss Frauen viel mehr Einfluss und Kompetenzen geben. Das würde die Gefahr des Kindesmissbrauchs deutlich minimieren.

Bei den Protestanten ist das Missbrauchsproblem viel kleiner als bei den Katholiken.
Das stimmt. Und das hat mit ebenjenem Pflichtzölibat zu tun, das Sexualität und Macht auf ungute Weise verknüpft. Leider hat die katholische Kirche auch eine Tradition der Vertuschung. Die Sexualität der Priester war ein Tabu, das man mit Weihrauch vernebelt und über das man nicht gesprochen hat. Wenn ein Missbrauch entdeckt wurde, waren die Vorgesetzten, die Kardinäle oder Bischöfe, oft tief geschockt. Man schämte sich. So was durfte unter Kirchenmännern einfach nicht sein. Man fürchtete um das Ansehen der Kirche – und begann zu vertuschen.

Sollte das kanonische Recht aufgehoben werden? Kirchenleute bestimmen in gewissen Fällen heute noch darüber, ob die staatliche Justiz eingeschaltet wird oder nicht.
Seit vier Jahren muss jeder Fall eines sexuellen Übergriffs bei der staatlichen Justiz angezeigt werden. Die kirchliche Justiz kommt dann noch hinzu und entzieht in vielen Fällen das Priesteramt.

Ist ein Fall wie in Pennsylvania auch in Zürich möglich?
Nein. Für unsere Pfarrer lege ich die Hand ins Feuer. Die Statistik zeigt, dass Kindesmissbrauch in Zürich und in der Schweiz kaum mehr vorkommt. Bei uns herrscht heute null Toleranz, und ein systemisches Problem haben wir definitiv nicht. Die Vorgesetzten reden mit den Priestern von Anfang an über Sexualität und Übergriffigkeit. Wer bei uns Priester werden will, muss eine ganze Reihe psychologischer Tests absolvieren. Perverse und Knörze fallen uns auf. Dazu kommen Kurse, in denen die Pfarrer sensibilisiert werden. Sie müssen sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzen. Heutige Priester sind menschlich gereift. Früher mussten sie vor allem fromm und gehorsam sein.

Wie reagieren die Gläubigen Ihrer Gemeinde auf den Fall Pennsylvania?
Es herrscht grosser Unmut, die Enttäuschung ist gewaltig. Eben auch deshalb, weil es den Anschein macht, als würden diese Aufdeckungen kein Ende nehmen. «Wie konntet Ihr so etwas zulassen?», werden wir gefragt. Tatsächlich sind die Missbrauchsfälle eine ernste Bedrohung unserer Kirche. In den USA stehen katholische Diözesen vor dem Ruin, weil sie verklagt werden. Aber, und das ist selbstverständlich weit wichtiger: Es geht um unsere Glaubwürdigkeit. Ohne Glaubwürdigkeit gehen wir unter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2018, 15:58 Uhr

Der Theologe Simon Spengler leitet die Kommunikations-Abteilung der katholischen Kirche im Kanton Zürich.

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