«Performance mit tödlichem Ausgang»

André Grzeszyk erklärt, wie sich Amokläufer und Terroristen auch mithilfe von Vorbildern aus Film und Fernsehen auf ihr finales Duell mit der Gesellschaft vorbereiten.

Zweifelhaftes Vorbild: Robert De Niro plant als Travis Bickle im Film «Taxi Driver» (1976) seinen Rachefeldzug. Foto: PD

Zweifelhaftes Vorbild: Robert De Niro plant als Travis Bickle im Film «Taxi Driver» (1976) seinen Rachefeldzug. Foto: PD

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Von allen Anschlägen der letzten Tage gibt es Handyfilme, die uns nahe ans Geschehen heranholen. Warum schauen wir uns das an?
Das ist die gleiche Reaktion wie bei einem Autounfall. Man will nicht hinschauen, aber natürlich schaut man hin. Es geht um Neugier: Wer ist dieser Verrückte da? Und die Taten wollen ja auch genau das sein – ein Spektakel, frei für den Blick der Öffentlichkeit.

Was erzählen uns diese Bilder?
Letztlich von der Banalität dieser Taten. Das kurze Video aus München erzählt mehr über die Stadt als über ein titelblattreifes Verbrechen. Der Schütze schreit: «Ich bin Deutscher!» und ein Passant: «Ein Wichser bist du!» Das wäre eine Komödie, wenn die Umstände nicht so erschreckend wären. Dass diese Bilder in einem erzählerischen Sinne zu nichts zu gebrauchen sind, zeigt sich meist in ihrer Zweitverwertung: Sie werden untertitelt, weil man nichts versteht, mit Musik unterlegt, um Emotionen zu wecken, und die Schützen werden mit einem Spot aufgehellt, um den Bildern das zu geben, was sie selten zu sehen geben: Bedeutung. Die Botschaft muss hinzugefügt werden: Hier sterben tatsächlich Menschen.

Der Täter von München konnte davon ausgehen, dass er gefilmt werden würde. Inwiefern ist ein Amoklauf auch eine Performance?
Das Wort trifft es ausgezeichnet. Diese Täter wissen genau, wie ein Schütze auszusehen hat, und das schreibt sich in ihre Gesten und ihren körperlichen Ausdruck ein. Man darf nie vergessen, dass solche Verhaltensweisen erlernt werden müssen – eine Waffe zu halten, zu schiessen, ein Amokschütze zu sein. Auf Menschen zu schiessen, gehört nicht zur anthropologischen Grundausstattung, dazu muss die eigene Persönlichkeit massiv umprogrammiert werden. Dafür braucht es Vorbilder. Wie Gewalt zum Ausdruck kommen kann, lernt man in einem Land wie Deutschland im Fernsehen, im Kino, im Internet und anhand von Fiktionen. Das Resultat ist eine Performance mit tödlichem Ausgang.

Wie wird die Fiktion zu dieser tödlichen Realität?
Über szenische Spiele, die oft jahrelang andauern und in denen sich zum Beispiel ein Schüler langsam in einen «school shooter» transformiert. Wir haben gelernt oder uns dazu entschlossen, Ernst und Fiktion als Gegensätze zu definieren, dabei ist das eine nicht vom anderen zu trennen. Die «Performance» wird von den Vorbildern sehr bewusst und oft reflektiert übernommen – so war etwa der lange schwarze Ledermantel eine Zeit lang ein Muss für die «school shooter». In den Bekennervideos und -fotos findet man dann die Spuren der fiktionalen Vorbilder – von «Taxi Driver» bis «Fight Club» lässt sich das bis in die kleinsten Gesten hinein verfolgen.

Amokläufer haben sich auf Figuren aus der Populärkultur bezogen, etwa auf Brad Pitts Rolle in «Fight Club» oder auf Batman. David S., der Täter von München, setzte sich vor allem mit anderen Amokläufern auseinander. Waren das für ihn also popkulturelle Vorbilder?
Es gab Attentäter wie John Hinckley, der auf Ronald Reagan schoss und dabei den Film «Taxi Driver» relativ nahe nachspielte – inklusive Liebesbriefe an Jodie Forster. Normalerweise aber sehen wir hybride Formen, Kombinationen aus verschiedenen Figuren und Erzählungen. So oder so glaube ich nicht, dass die Fiktionen unmittelbar eine Reaktion auslösen. Es geht den Tätern eher darum, eine Form für die eigene Gewalt zu finden. Der Pool an Vorbildern ist relativ klein, es tauchen meist dieselben Filme, Spiele, Liedtexte und so weiter auf, die dann in eine gewisse «Originalität» gebracht werden. Was München betrifft, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass frühere Amokläufer für David S. zu «Helden» geworden waren. Die Traditionslinie früherer Täter wird oft zur Peergroup, an der man sich orientiert und in deren Nachfolge man sich stellt. Das Narrativ vom einsamen Rächer der Unterdrückten ist sehr anschlussfähig. Das relativiert das Bild vom Einzeltäter: Schul-Amokläufer lebten meist in imaginären Gemeinschaften mit ihren Vorbildern: Bastian Bosse, der Täter von Emsdetten, sprach von Eric Harris als «Freund» oder «Gott».

Der Trailer zum Film «Taxi Driver» von 1976. Quelle: Soundtracks and Trailers, Youtube

Eric Harris und Dylan Klebold, die 1999 das Massaker an der Columbine-Highschool in Littleton verübten, sind jene Amokläufer mit der grössten «Community» – weil es von ihrem Attentat erstmals laufende Bilder zu sehen gab?
Columbine markiert die Zeitenwende in Sachen Selbstinszenierung. Seither sind die Worte und Bilder, die die Täter über sich anfertigen oder – wie im Fall von David S. – provozieren, ein integraler Bestandteil der Taten. Harris und Klebold tauschten ihren sterblichen Körper sehr bewusst gegen die Unsterblichkeit ihres Bildes ein. Seung-Hui Cho unterbrach 2007 nach den ersten Morden seinen Amoklauf, um seine Selbstzeugnisse an einen Nachrichtensender zu schicken.

Harris und Klebold fragten sich, ob Tarantino oder Spielberg ihre ­Geschichte verfilmen würde. Sie irrten sich nur insoweit, als es dann Gus Van Sant war, der den Film machte.
So funktioniert der Medienmarkt. Wir sind nun mal fasziniert von diesen Vorfällen. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der Berühmtheit Selbstzweck ist. Harris und Klebold mussten also keine Genies sein, um das Potenzial ihrer «Geschichte» zu erkennen. Unsere «Kultur» hat sich um ein Bild formiert, in dem ein Mensch ans Kreuz geschlagen wird. Das ist unsere beste Geschichte.

Ist das eine Erklärung dafür, dass Amok vor allem in Kleinstädten vorkommt? Weil der Gewaltausbruch in der netten Umgebung eine ­besonders gute Geschichte ist?
Das ist eines der Rätsel, auf die es keine befriedigende Antwort gibt. Die Nachahmungstheorie sagt, dass sich hauptsächlich Jugendliche in den gleichen Lebensumständen von diesen Taten angesprochen fühlen. Diese Bilder des Krieges in scheinbar befriedeten Gebieten machen das Grauenhafte des Amoks ja auch aus. Die Bilder sind grotesk, Tat und Kontext finden nicht zueinander. Der plötzliche Krieg in einer Kleinstadt hat natürlich einen ungeheuren Nachrichtenwert.

Wie breitet sich Amok auf der Basis solcher Bilder aus?
Sie können inspirierend wirken, indem sie einen möglichen Ausdruck für die Aggressionen und die Gewalt bieten. Der Mensch ist ein imitierendes Wesen, das ist kein Merkmal von Amok. Das Burn-out ist ein jüngeres Beispiel: Reichlich unspezifische Symptome werden in ein Bild gefasst, das dann ansteckend wirken und in dem sich eine gewisse Zahl von Menschen finden kann. Oder die Liebe: Niklas Luhmann hat ein sehr schönes Buch darüber geschrieben, dass unsere Vorstellungen und unser Fühlen der romantischen Liebe ein unmittelbares Produkt des Romans ist.

Sie betonen den Stellenwert des Amoklaufs an der Columbine ­High­school für die Ausbreitung von Amok. War es richtig, sämtliche Tagebücher, Chats und Videos der Täter öffentlich zu machen?
Das ist eine schwierige Frage. Columbine hat die meisten späteren «school shootings» inspiriert, auch durch all diese Dokumente: Spätere Schützen konnten sehr genau in der Welt von Harris und Klebold leben. Auch darum verzichtete man bei Tim Kretschmer, dem Täter von Winnenden, auf die Veröffentlichung. Trotzdem wurde er für David S. nun zum Vorbild. Anders Breivik hat seine Aura als Massenmörder komplett verloren durch die Gerichtsverhandlungen, in denen sein Denken und sein Manifest sehr genau seziert wurden. Man muss aber auch sagen: Viele Täter haben ihre Dokumente selbst veröffentlicht.

Der Trailer zum Film «Fight Club» von 1999. Quelle: JoBlo Movie Trailers, Youtube

Die Handyfilme der Augenzeugen bilden eine neue Dimension der «Performance» eines Attentats. Wie wirkt dieser Strom aus Livezuschaltungen auf die konsumierende Öffentlichkeit ein?
Man darf nicht vergessen, dass sich über die Gewalt und das Spektakel auch immer Gesellschaft herstellt. Diese Livezuschaltungen sorgen in hohem Mass dafür, dass sich die Gemeinschaft als solche empfindet und sich versammelt vor den Bildschirmen.

Wie erklären Sie sich die seltsame Disziplin der Reaktionsvideos, in denen sich Menschen dabei filmen, wie sie etwa ein Enthauptungsvideo des IS gucken?
Das würde ich als Teil der Facebook-Landschaft bewerten. Zuerst sah ich solche Videos am Ende der ersten Staffel von «Game of Thrones», also im Bereich der Fiktion. Da wird ausgestellt, dass man sich als fühlendes, emotional noch reaktionsfähiges Ich sieht – das hat nur entfernt mit der Tat selbst zu tun.

In den Attentaten von Nizza oder Ansbach scheinen sich Motive und Bilder aus Amok und Terror zu überlagern.
Das stimmt, aber diese Narrative waren nie so getrennt, wie das immer wieder behauptet wird. In der Columbine-Nachfolge politisierten sich die «school shooter» extrem, sprachen von «Revolution» und «Märtyrertum». Wenn nun irgendeine Person behauptet, als IS-Kämpfer zu agieren, heisst das in erster Linie, dass er sich an ein bestehendes, virulentes Narrativ hält. Ob die Tat tatsächlich in irgendeiner Form mit den Strategien und der Agenda des IS zu tun hat, ist damit noch lange nicht bewiesen.

«Terror ist im Moment virulenter als Amok, bekommt die grössere mediale Aufmerksamkeit und ist also verführerischer für Menschen, die nach Berühmtheit streben.»

Ist Terror also genauso ansteckend wie Amok?
Diese Sphären sind nicht zu trennen, weil die Radikalisierungen oft gleich verlaufen und die Wahl des spezifischen Narrativs immer wieder beliebig erscheint. Terror ist im Moment virulenter als Amok, bekommt die grössere mediale Aufmerksamkeit und ist also verführerischer für Menschen, die nach Berühmtheit streben. Doch ist der Sprung zum Islamismus bestimmt grösser als zum Amok. Die Vorstellungen des IS zu Islam und Jihad sind erst mal schwerer zu erlernen, weil sie kein dominanter Teil unserer Gesellschaft sind.

Könnte man sagen, dass der IS potenziellen Attentätern genauso wie ein Shootergame oder ein Film eine «popkulturelle Kulisse» anbietet, aus der heraus sie sich die Bühne für einen Anschlag nehmen?
Ja, das benennt das Problem ziemlich genau, auch wenn es nicht direkt um Popkultur geht. Aber es geht um eine bedeutsame Welt, um eine Welt, die mit Bedeutung aufgeladen ist. Die westlichen Gesellschaften sind nach der Säkularisierung profan geworden und können das kaum mehr bieten – was man Entfremdung genannt hat. Die Sehnsucht nach einer solchen Welt ist aber geblieben. Videospiele bieten eine perfekte Kulisse, um sich dieser Nostalgie hinzugeben – alles ist erfüllt mit Bedeutung und Sinn. Der IS weiss das und baut «Grand Theft Auto» in seine Propagandavideos ein. Das sind globale Narrative, die vom IS genutzt, die aber hauptsächlich in Hollywood ausdefiniert wurden.

Sehen Sie Parallelen zwischen der PR- und Bildersprache des IS und derjenigen von Amokläufern?
Die Videos des IS haben eine ganz andere Qualität als die Bekennervideos etwa von «school shootern», in denen diese meist einsam durch einen Wald ziehen, um auf Bäume oder Obst zu schiessen. Diese Bilder erhielten ihre Bedeutung erst durch die Tat. Der IS schafft grauenhafte Bilder, die in ihrer Blutrünstigkeit unsere Schutzmechanismen – «das ist nur ein Bild» – durchbrechen und so die «Realität» wieder ins Spiel bringen. Und das in HD. Das ist allerdings auch eine Antwort auf die westliche Bildpolitik der letzten 50 Jahre. Hollywood oder Seriensender wie HBO erzählen Morde nicht mehr im Off, sondern zeigen sie drastisch. Dasselbe in den Nachrichten. Oliver Stone sagte einmal: «Der Vietnamkrieg hat das Virus in unsere Wohnzimmer gebracht.»

Erstellt: 26.07.2016, 19:03 Uhr

André Grzeszyk

Medienwissenschaftler

Der deutsche Film- und Medienwissenschaftler ist Lehrbeauftragter am Institut für Theater- und Medienwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er auch promoviert hat. Im Buch «Unreine Bilder» (Transcript-Verlag, Bielefeld 2012) befasst er sich mit der medialen (Selbst-)Inszenierung jugendlicher Amokläufer an Schulen. (cf)

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