Revolution gefällig?

Philip Kovce ist der Denker hinter der Grundeinkommens-Initiative. Er freut sich auf mächtige Gegner.

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Wie sieht ein Intellektueller aus, dessen Idee allmählich Realität wird? So wie Philip Kovce an diesem Abend in einer Zürcher Bar. Der Zeigefinger fährt durch die Luft, der Oberkörper beugt sich über den Tisch, und das Lächeln ist euphorisch – das ist die totale Identifikation mit einem Gedanken. Kovce sagt: «Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens hat mir gezeigt, dass wir für unsere Lebensumstände selbst verantwortlich sind.»

Der deutsche Philosoph ist ein Vordenker der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen, über die wir am 5. Juni abstimmen. Letztes Jahr hat er mit dem Basler Unternehmer Daniel Häni das Buch «Was fehlt, wenn alles da ist?» veröffentlicht, das gleichermassen Manifest und Erklärstück ist. Er tourt dieser Tage mit dem Buch durchs Land. Äusserlich entspricht der 29-Jährige ganz dem Geistesarbeiter, dessen intellektuelle Aufmerksamkeit sich umgekehrt proportional zur modischen verhält: wuchernder Bart, zotteliger Pullover, Strubbelhaar.

Eine Etappe auf dem Weg

Kovce ist ein seltsamer Wahlkämpfer. Der Bericht der «New York Times» über den Start der Kampagne – ein Lastwagen kippte acht Millionen Fünfräppler auf den Bundesplatz, «eine geniale, ikonische Aktion», meint Kovce – ist für ihn ein Highlight des Abstimmungskampfs. Dass der Artikel das Resultat kaum beeinflussen dürfte, stört ihn nicht. Denn Kovce ist Teil einer internationalen Bewegung, die die Schweizer Abstimmung als Etappe auf dem Weg zum grossen Ziel versteht und die aktuellen Grundeinkommens-Experimente in Finnland oder den Niederlanden ebenso im Blick hat.

«Wir werden am 5. Juni gewinnen», sagt Kovce – «aber nicht die Mehrheit.» Es gehe um den Zugewinn an Aufmerksamkeit, die Erweiterung der Debatte. «Die Schweiz ist bekannt für Schokolade und für Uhren. Nun wird sie auch für das Grundeinkommen bekannt werden», sagt Kovce. «Wenn die Gegner weiter aufrüsten, um unsere Initiative zu bekämpfen, dann wäre das der beste Beweis dafür, dass wir hier angekommen sind.» Kovce ist ein politischer Handlungsreisender in Sachen Grundeinkommen und zugleich ein Philosoph, der den Weltgeist an seiner Seite glaubt. Dass das Grundeinkommen Realität werden wird, hält er nicht für utopisch, sondern für plausibel. «Fragt sich nur, ob wir es freiwillig und wohlüberlegt oder als Notlösung einführen, wenn nichts anderes mehr funktioniert.»

Rationalisierung? Kein Problem

Kovce erinnert sich gut an den Tag, als er mit der Idee, die heute sein Leben bestimmt, erstmals in Kontakt gekommen ist: vor zehn Jahren, in der Freien Waldorfschule Göttingen, während der Pause einer Mathematikprüfung. Da habe er eine Zeitung zur Hand genommen und ein Interview mit dem Unternehmer Götz Werner entdeckt. Der Titel war: «Arbeitslosigkeit ist ein Sieg.» «Das hat mich zunächst verwirrt. Hatte ich mich verlesen? Der Mann sagte das glatte Gegenteil dessen, was als vernünftig galt: Aufgabe der Wirtschaft sei es nicht, Arbeitsplätze zu schaffen, so Werner, sondern den Menschen von der Arbeit zu befreien.»

Der Teenager Kovce entdeckte da einen Gedanken, der das scheinbar ewige Gegensatzpaar zwischen asozialem Neoliberalismus und linkem Abwehrkampf elegant auflöste. Will man Kovce heute einen Gefallen tun, so wirft man ihm und seinen Mitstreitern fürs Grundeinkommen am besten Sozialismus vor. Er lächelt dann sanft und sagt: «Aber nein, ich habe kein Problem mit Managern, die Abläufe verbessern und Arbeitsplätze einsparen. Das ist sinnvoll. Und das Grundeinkommen ist das sinnvolle Pendant dazu.»

Kurz nach dem schulischen Erweckungserlebnis begann Kovce, Wirtschaft und Philosophie zu studieren: «So wie andere eine neue Sprache lernen, wollte ich Ökonomisch lernen.» In ­seinem Studienort Berlin gründete er mit anderen Idealisten das Lobby-Netzwerk «Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen». In Hänis Film «Grundeinkommen – ein Kulturimpuls» von 2008 hat Kovce deshalb einen kurzen Auftritt: In einem Liegestuhl referiert der junge Mann mit der Sicherheit des scheinbar längst Überzeugten.

Im Philosophiestudium hätten neben Kant vor allem die Schriften Nietzsches sein Denken geprägt. Durch sie habe er «Lust an den Taten des Wortes gefunden». Seine publizistische Arbeit seither ist beeindruckend: Kovce schrieb für die FAZ und die «Zeit», lektorierte für den Suhrkamp-Verlag, ver­öffentlichte einen Band mit eigenen Aphorismen («Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall») und gab Texte von Friedrich Schiller und Rudolf Steiner heraus. Letzteren hält er zwar für einen «grossen Philosophen», aber nicht für einen «grenzenlosen Alleskönner». Zur Steiner-Lehre hält Kovce Distanz, das Etikett des hippiesken Waldorfschülers meidet er lieber. Derzeit pendelt er zwischen der Universität Witten im Ruhrgebiet, wo er eine Anstellung am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Philosophie hat, und Hänis Stadtbasler Kaffeehaus, dem Hauptquartier der Schweizer Grundeinkommensbefürworter.

Blockade in Deutschland

Die vor den europäischen Revolutionswirren hierher geflohenen Demokraten von 1848/49, die Kommunisten Lenin und Trotzki, der in Bern begrabene ­Anarchist Bakunin: Als der deutsche Philosoph Kovce seine Idee in die Schweiz trug, fügte er sich in eine lange Tradition der intellektuellen Migration ein. «In Deutschland wird das Grundeinkommen durch die Hartz-IV-Debatte blockiert. Die Schweiz hat mit der direkten Demokratie politisch bereits jene Selbstbestimmung verankert, um die es dem Grundeinkommen auch in wirtschaftlicher Hinsicht geht.» Kovce und seine Mitstreiter provozieren nun also den hiesigen Politbetrieb, indem sie ihm die grossen Fragen zur Definition von Freiheit, zur Bedeutung von Arbeit und zur Zukunft der Sozialwerke stellen. Wohl noch nie in der Schweizer Geschichte lag Initianten einer Abstimmung so viel an einer philosophischen Debatte und so wenig am eigentlichen Urnengang.

Wenn der Nietzsche-Fan Kovce an das Grundeinkommen denkt, denkt er an eine Revolution, auch wenn er den Begriff ungern benutzt. Die Beschäftigung mit weniger als einer fundamentalen Umwälzung würde ihn vermutlich langweilen, und Kovce findet ja auch Gefallen daran, dass seine Gedanken auf viele höchst unkonventionell, geradezu frivol wirken. Würde seine Initiative angenommen, entschiede das Parlament, wie das Grundeinkommen konkret beschaffen sein soll. «Wir haben den Initiativtext absichtlich offen formuliert. Er lässt bewusst jene Fragen unbeantwortet, die über die Grundsatzfrage der bedingungslosen Existenzsicherung hinausgehen.» Wie das Experiment ausginge, kann niemand voraussagen, auch Kovce nicht. Vielleicht tendierte das Parlament zu einer Milton-Friedman-Variante, welche die Sozialwerke plätten und die Arbeitnehmer in Nöte bringen würde. Vielleicht wählte es eine DDR-light-Interpretation, die das Ende der wirtschaftsliberalen Schweiz bedeutete. Vielleicht fände es einen praktikablen Kompromiss.

Ein solcher parlamentarischer Wettstreit um das beste Grundeinkommen sei «angesichts der jetzigen Ablehnung aller Parteien eine amüsante Aussicht», sagt Kovce. Auch bereite ihm die bisherige Kampagne «viel Freude». Dies wohl nicht zuletzt, weil er sich intellektuell bestens unterhalten fühlt. Einmal habe er mit Häni auf einem Podium das Kreuzverhör geübt und dabei die Rolle der Grundeinkommensgegner übernommen. «Ich redete mich wie in einen Rausch und begeisterte mich dabei für die Gegenargumente.» Dass der leidenschaftliche Denker Kovce den Politiker Kovce dereinst des Humbugs überführt, ist keineswegs auszuschliessen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.04.2016, 07:00 Uhr

Podium

Philip Kovce nimmt am 19.5. im Zürcher Kaufleuten an einem Podium zum Grundeinkommen teil. Moderation: TA-Redaktorin Claudia Blumer (Eintritt 20.-, Carte Blanche 10.-).

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