RTL-Reporter als Fälscher entlarvt

Ein Mitarbeiter hat über Jahre Beiträge für das Mittagsmagazin «Punkt 12» gefälscht. Nun wurde bekannt: Der Betrug ist schlimmer als angenommen.

Beim Sender ist man schockiert über das Ausmass der Manipulation.

Beim Sender ist man schockiert über das Ausmass der Manipulation. Bild: Getty Images

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Frisierte Selbstexperimente und Interviews mit Betroffenen, die gar keine waren – über einen Zeitraum von rund 10 Jahren hat ein Reporter des Regionalsenders RTL Nord Beiträge manipuliert. Seine Selbstexperimente und Reportagen waren unter anderem im Mittagsjournal «Punkt 12» zu sehen. Das gab der deutsche TV-Sender RTL vor rund einem Monat in eigener Sache bekannt. Nun stellt sich heraus: Der Betrug ist noch schlimmer, als zuerst angenommen.

Im Mai 2019 deckte eine Kollegin des Journalisten den Betrug auf. Daraufhin wurde der 39-Jährige per sofort entlassen. Er habe eine rote Linie überschritten, so Michael Pohl, Programmchef und Geschäftsführer RTL Nord. Weiter schreibt der Sender, dass die Abnahmeverfahren für die Beiträge «intensiv überprüft» würden.

Im Juni war die Rede von sieben manipulierten Beiträgen, die im nationalen Programm gelaufen waren. Gestern teilte der Sender mit, was ein sechsköpfiges Überprüfungsteam seither zusätzlich gesichtet hat: Unter den 104 Reportagen, die der Reporter für das Mittagsjournal «Punkt 12» lieferte, fand das Team 14 weitere Manipulationsfälle. «Darüber hinaus gibt es weitere Verdachtsmomente, die noch nicht abschliessend verifiziert werden konnten», schreibt RTL in seiner letzten Mitteilung.

Stichproben angekündigt

Bisher aufgedeckt wurde beispielsweise, dass der Reporter bei einem Experiment als Obdachloser gar nicht, wie behauptet, die ganze Nacht auf der Strasse geschlafen habe. Beim Selbstexperiment zu scharfem Essen konnte nachgewiesen werden, dass er dieses nicht, wie behauptet, während eines ganzen Monats zu sich nahm. Dreh- und Schnittpläne hätten ihn überführt, so RTL. In neun Fällen wies RTL dem Reporter nach, dass er auf Alibi-Protagonisten zurückgegriffen hat. Er habe sie gezielt instruiert. Unter anderem musste eine Praktikantin vorgeben, Opfer eines Einbruchs geworden zu sein.

«Wir sind erschrocken, dass trotz unserer umfangreichen Kontrollmechanismen ein Mitarbeiter über Jahre hinweg vorsätzlich täuschen und manipulieren konnte», so Pohl. Man werde nun, zusätzlich zu den bereits ausgebauten Abnahmeverfahren, die Beiträge der eigenen Reporter stichprobenartig kontrollieren. (ahl)

Erstellt: 25.07.2019, 09:18 Uhr

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