Schaukampf der Schlaumeier

In Toronto stritten der linke Philosoph Slavoj Žižek und der konservative Psychologe Jordan Peterson. Auf Youtube hat die Diskussion schon weit über eine Million Zugriffe erreicht.

Der 56-jährige Psychologe Jordan Peterson traf am Karfreitag auf den 70-jährigen Philosophen Slavoj Žižek. Foto: Evening Standard, Eyevine

Der 56-jährige Psychologe Jordan Peterson traf am Karfreitag auf den 70-jährigen Philosophen Slavoj Žižek. Foto: Evening Standard, Eyevine

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3000 Zuschauer waren im ausverkauften Sony Center im kanadischen Toronto anwesend, als am Karfreitagabend zwei berühmte Intellektuelle aufeinandertrafen: der linke slowenische Philosoph und Ideologiekritiker Slavoj Žižek und der konservativ-libertäre kanadische ­Psychologe und Ideologiekritiker Jordan Peterson. Ein paar weitere Tausend verfolgten im Internet den Live­stream der Debatte. Für einen Sportwettkampf zwischen vergleichbaren Kalibern wären das desaströse Zuschauerzahlen; für eine Diskussion zum Thema «Marxismus vs. Kapitalismus» sind sie beachtlich, zumal über das Wochenende noch einmal deutlich über eine Million Youtube-Zugriffe auf die Aufzeichnung dazukamen – auch wenn daraus natürlich nicht hervorgeht, wie lange jeweils zugesehen wurde.

Die mitunter leicht hysterische Aufregung in den Tagen vor der Diskussion – es war vom «Duell des Jahrhunderts» die Rede – ging also schon in Ordnung. So wie am Ende auch das knapp 180-minütige Spektakel an sich, das schon aufmerksamkeitsökonomisch angenehm kompromisslos angelegt war gegen die epidemische digitale Ungeduld: Zu einer direkten Diskussion der Duellanten kam es erst nach gut 90 Minuten. Zuvor hatten, wie verabredet, zuerst Peterson und dann Žižek ein 30-minütiges Statement abgegeben und danach jeweils gut zehn Minuten auf die Einlassungen des anderen geantwortet.

«Ich frage das jetzt nicht, um auf höfliche Art zu sagen, dass Sie ein Idiot sind.»: Ideologiekritiker Slavoj Žižek wechselt scharfe Worte mit Jordan Peterson.

Seltsamer war schon das Publikum, das unüberhörbar etwas zu fest gewillt war, für eine Atmosphäre wie beim Rummelboxen zu sorgen, und etwa bereits ­ jubelte, als bei der Einführung durch den Moderator Žižeks zwei Doktortitel erwähnt wurden. Die niederen Instinkte, die sich da zeigten, waren allerdings nur ein kleiner, lustiger Vorgeschmack auf das, was hinterher – blitzschnell und gar nicht mehr so witzig – an Bilanzen formuliert wurde. Die Tatsache, dass gleich als Erstes der gefühlte Sieger (Žižek) und der gefühlte Verlierer (Peterson) bestimmt werden mussten und dazu eher krampfig Boxkampfvokabular bemüht wurde («In der rechten Ecke ...»), war da aber bei weitem nicht das Schlimmste.

Die Wurzel aller Übel

Nein, das Schlimmste war, dass die Debatte am Ende zu Unrecht ein trauriges Beispiel lieferte für die Unfähigkeit unserer Zeit, der Erörterung eines ­etwas komplexeren Themas zu folgen und sich nicht reflexhaft an den erstbesten Hölzchen und Stöckchen festzubeissen – und für die Neigung, alles andere arg selbstsicher abzumoderieren.

Hinterher stürzte man sich auf die offensichtlich suboptimale Grundkonstellation dieses Disputs, der als Kampf gegenwärtiger Weltanschauungen geplant war: Slavoj Žižek und Jordan Peterson sind beide scharfe ­Kritiker der Identitätspolitik des links­liberalen Mainstreams, dessen Vertreter sie für selbstgerechte Moralisten halten. Ausserdem ist die Postmoderne (oder das, was sie sich als «Postmoderne» zurechtgeschnitzt haben, also gewissenloser Werterelativismus) für beide die Wurzel aller zeitgenössischen Übel.

Oder man räsonierte schadenfroh – mit dazugelieferten Youtube-Ausschnitten – darüber, dass Peterson keine Antwort auf Žižeks Frage hatte, ob er ihm «auch nur einen einzigen Marxisten» nennen könne, der Petersons Lieblingsfeind des «Kulturmarxisten» entspreche: «Ich frage das jetzt nicht», so Žižek, «um auf höfliche Art zu sagen, dass Sie ein Idiot sind und nicht wissen, worüber Sie reden.»

Abwesender Feind

Peterson war im Marxismus unübersehbar nicht sattelfest, und seine gut gemeinte Idee, für das Eingangsstatement Marx’ und Engels’ «Kommunistisches Manifest» wieder zu lesen und ihm in zehn Punkten zu widersprechen, war eine absurde Entscheidung. Jordan Petersons Marx war ein starrsinniger Moralist; vom beinharten Wirtschaftsanalytiker Marx, dem Autor des «Kapitals», hatte er keinen Schimmer.

Viel interessanter war aber doch die Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit, mit der Žižek und Peterson die meiste Zeit sprachen. Und inhaltlich war das ­ Wesentliche auch nicht das akademische Schlaumeier-Spiegelgefecht, wer sich bei Karl Marx am besten auskennt. Es ging ­leider um viel mehr. Abgesehen davon also, dass man beide auch sehr gerne noch mit einem hochkarätigen Vertreter des linksliberalen Mainstreams hätte streiten sehen (weil sich anwesende Feinde schwerer so zurichten lassen, wie man sie gerne hätte) – abgesehen davon lag ein zentraler Konflikt der zeitgenössischen Politik jenseits aller populistischen Provokationen in dieser Debatte sehr schön offen da.

Das Publikum war unüberhörbar gewillt, für eine Stimmung wie beim ­Rummelboxen zu sorgen.

Der konservative Psychologe und Individualist Peterson, dem mit dem Selbsthilfebuch «12 Rules for Life» im vergangenen Jahr ein Weltbestseller gelang, ist der Ansicht, Probleme liessen sich nicht lösen, wenn – wie auf der Linken – der Mensch immer nur nach äusseren Gründen für sein Unglück suche und damit sein Leben aus der Hand gebe. Passend dazu ist er der Ansicht, dass das aktuelle Handeln des Menschen, insbesondere natürlich in seiner Funktion als Unternehmer, viel besser als sein linker Ruf ist. Der Kapitalismus ist ihm dabei aber auch nur die beste unter den schlechten Wirtschaftsordnungen. Die Möglichkeit des Menschen, ein grundsätzlich besserer zu werden, sieht er entsprechend skeptisch. Schon der dieser Idee zugrunde liegende Moralismus, der Menschen letztlich allzu leicht in gute und schlechte aufteilt, behagt ihm nicht.

Mit dem Moralismus ist ­Slavoj Žižek natürlich nicht zu kriegen, der ist ihm selbst zu weich und selbstgerecht. Als er aber seinen Begriff von Gleichheit skizziert, lässt er sich schon sofort zum linken Idealismus zuordnen, zu denen, die Probleme eher externalisieren, was immer dann näherliegt, wenn man der Ansicht ist, dass zuerst Äusseres (die Verhältnisse) den Menschen davon abhält, sein Potenzial zu verwirklichen. Žižek sagt also, dass Gleichheit für ihn bedeute, «für so viele Menschen wie möglich einen Raum zu kreieren, in dem sie ihre unterschiedlichen Potenziale entwickeln können». Dem Kapitalismus, wie wir ihn kennen, gelinge dies nicht, weil er uns im Namen des Profits zu gleich mache und dadurch zu viele Talente vernichte.

Obsession der Alt-Right

Sicherer wirkte Žižek in der Debatte von Toronto wieder da, wo er mit einem klugen ideologiekritischen Kniff allen Seiten die Leviten lesen konnte: «Die Geschichten, die wir uns über uns erzählen, um zu rechtfertigen, was wir tun – und das nenne ich Ideologie –, sind eine fundamentale Lüge.» Genau so sei es auch mit der Obsession der Neuen Rechten – in den USA «Alt-Right» – gegenüber dem, was sie «kulturellen Marxismus» ­nennen: «Die Alt-Right weist ihn zurück, weil sie sich nicht der Tatsache stellen will, dass die ­Phänomene, die sie als Effekte der kulturmarxistischen Erzählung bezeichnet – den moralischen Niedergang, die sexuelle Promiskuität, Konsumhedonismus –, eigentlich das direkte Ergebnis kapitalistischer Gesellschaften sind.» Der «kulturelle Marxismus» spiele für sie dieselbe Rolle, so Žižek, wie einst der Antisemitismus für die Nationalsozialisten: «Er ist der Sündenbock für systemimmanente Spannungen.»

«Trump ist ein Fetisch»

Ebenso fragten aber auch Liberale nie ernsthaft, wie die liberale Gesellschaft ein Phänomen wie Donald Trump gebären konnte: «Trump ist ein liberaler Fetisch, damit sie sich nicht um die wirklichen sozialen Spannungen kümmern müssen.» Die Liberalen übersähen, «wie ihre eigenen Fehler den Weg frei machten für Trumps patriotischen Populismus». Passenderweise wirkte Žižek dabei allerdings gar nicht triumphalistisch, und nur dem, der einen Boxkampf mit Knock-out erwartet hatte, weil er es gern so einfach und so konfrontativ wie möglich hat, konnte das ­entgehen.

Mit anderen Worten: Wie schön wäre es, wenn genau in diesem Langstrecken-Format ganz bald weitere intellektuelle Duelle vor grossem Publikum stattfänden – auch hierzulande. Es kann gerade eigentlich nicht genug davon geben. Viel zu viele Grundlagen unseres Denkens und Handelns stehen infrage, die nicht nach narzisstischem Talk­show-Pingpong verlangen, sondern nach so langen und ernsthaften Diskussionen, wie es ­diese zwischen Slavoj Žižek und Jordan Peterson im Kern war. Wenn man denn zuhören und ernsthaft nachdenken wollte.

Erstellt: 24.04.2019, 11:35 Uhr

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