Schöner foltern

Güzin Kar über zähe Schnitzel, «Kroiter» und Frankensteins Brockenhausmonster.

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«Jesses! Was ist denn das?» «Mein grosser Zeh.» «Jesses! Eine traurige Sache ist das. Eine ganz traurige.» So begann die Pediküre, Sommer-Aktion, Berlin-Mitte. Danach wollte ich in die Massage, zur Kosmetikerin und zum Friseur gehen, arbeitete mich quasi von den Füssen her am Körper hoch. Nach jahrelanger Arbeit an meiner Fernsehserie, wovon ich die letzten Wochen in dunklen Schneideräumen verbracht hatte, wollte ich mich für die Mühsal belohnen, indem ich mich zurücklehnte und andere daran arbeiten liess, dass ich optisch wieder was hergab.

Die Pediküre sollte den Beginn meiner Selbstoptimierungsreise darstellen, die sich jedoch als Überlebenstraining herausstellte, was ich noch nicht wusste, als die Fussfachfrau meinen traurigen Zeh in der Hand hielt und mich tadelnd ansah. «Wenn Sie Ihre Zehennägel nicht richtig kürzen, werden sie einwachsen, sich entzünden, anschwellen und dann ...» Ich verstand, dass ich kurz vor einer Fussamputation stand, die die Dame gerade noch abwenden konnte, indem sie sich daran machte, meine Füsse mit einer Bircherraffel zu bearbeiten.

Ein sehr zähes, überteuertes Schnitzel

«Gegen Hornhaut hilft nur tägliches Raspeln. Und vor dem Schlafengehen dick eincremen und Baumwollsocken tragen.» O. k., Sex und Partnerschaft sind eh überschätzt. Immerhin verliess ich das Studio mit leichten und duftenden Füssen und ging zur Massage. Dort erfuhr ich schon beim Hereinkommen, dass ich mich falsch bewege und: «Mit so hohen Schuhen machen Sie sich das ganze Skelett kaputt. Sie arbeiten am Bildschirm, nehme ich an?» «Ähm, ja, ’tschuldigung.» «Stündlich aufstehen und Streckübungen machen. Im Raum herumgehen, am besten barfuss.»

Dagegen hätte der Fussfascho von vorhin sicherlich Einwände. Kaum dass ich auf der Liege, oder, in Anbetracht der sadistischen Lust, die die Masseurin entwickelte, dem Schragen lag, wurde ich wie ein Schnitzel flach geklopft. Ich wartete darauf, paniert und ausgebacken zu werden. «Wissen Sie, was solche Fehlhaltungen uns als Gesellschaft kosten?» Okay, ich würde ein sehr zähes, überteuertes Schnitzel werden.

«Kroiter» für die Haut

Weiter gings zur Kosmetikerin, einer Russin mit starkem Akzent, den man als charmant bezeichnet hätte, sofern man Duktus und nicht Inhalt meinte. «Du musst deine Chaut piiilen! Jede zweite Tak! Und dann: Kroiter!» Sie bohrte mit chirurgischem Besteck in meinem Gesicht herum. Das mit den Kräutern hatte ich nicht verstanden. Ob ich denn nicht gesehen hätte, dass ich der Typ für eine Hautcreme auf biologischer Kräuter­basis sei, für die sie zufällig die Alleinvertretung für ganz Deutschland sei? Nein, hatte ich nicht.

Vielleicht deshalb, weil ich Menschen, zu denen ich mich auch nach dieser Zerlegung in meine Einzelteile noch zählte, nicht aufgrund ihrer Cremeaffinitäten unterschied und Kräutercreme eher als Brotaufstrich kannte. Und natürlich «sollst du die Creme nie, NIEMALS!, einfach in deine Gesicht schmieren. Du musst einklopfen. Schau, so! Sonst kriegst du Falten, viele!»

Frankensteins Brockenhausmonster

Ich verstand, dass es einem Wunder gleichkam, dass ich nicht längst aussah wie Leni Riefenstahl. Vielleicht sah ich ja auch so aus und merkte es einfach nur nicht. Ich beschloss, den Friseur auszulassen und stattdessen in einer netten Bar Prosecco in mich hineinzuschütten. Langsam war ich überzeugt, dass mein Körper aus Teilen bestand, die man in einem Restpostenlager zusammengesucht und hastig zusammengesetzt hatte. Frankensteins Brockenhausmonster.

Dann ging ich heim und begann die zweite Staffel meiner Serie zu schreiben. Das ist weniger anstrengend. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 16:37 Uhr

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