Dieser eine Tweet, der die MeToo-Bewegung ins Rollen brachte

Am 5. Oktober kamen erste Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein. Doch geboren wurde die MeToo-Bewegung zehn Tage später. Ein Überblick.

Was bleibt von der «MeToo»-Debatte? Demonstrantin am Frauenmarsch vom 20. Januar 2018 in Seattle.

Was bleibt von der «MeToo»-Debatte? Demonstrantin am Frauenmarsch vom 20. Januar 2018 in Seattle. Bild: Ted S. Warren/Keystone

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Was mit Vorwürfen gegen einen mächtigen Hollywood-Produzenten anfing, ist mittlerweile zu einer internationalen Bewegung geworden: Unter dem Hashtag «MeToo» hat sich eine Diskussion über Sexismus und sexuelle Gewalt entwickelt. Quer durch alle Branchen meldeten sich Frauen zu Wort, die Opfer von Belästigungen, Übergriffen oder sogar Vergewaltigungen geworden sind.

Wo beginnt sexuelle Gewalt? Welche gesellschaftlichen Machtstrukturen begünstigen diese Gewalt? Was muss sich ändern, wie sollten sich Frauen verhalten und wie sollten sich Männer verhalten? Darüber wird seitdem diskutiert, gerungen und gestritten. Ein Überblick über die bisherige Debatte.

5. Oktober 2017:
Erste Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein

In einem Artikel in der «New York Times» beschuldigen mehrere Frauen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung. Opfer berichten, der 66-Jährige habe sie vergewaltigt. Weinstein soll seine Machtposition ausgenutzt haben, um die meist jungen Schauspielerinnen zu erotischen Massagen oder zum Sex zu drängen. Als Reaktion auf den Text melden sich bald weitere Opfer zu Wort, darunter Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie. Die Anschuldigungen häufen sich. In der Folge beginnt die Polizei zu ermitteln, Weinstein wird aus seiner eigenen Firma entlassen, seine Frau verlässt ihn. An ihm entzündete sich die Metoo-Debatte: Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Foto: Vince Bucci, Keystone.

15. Oktober 2017:
Hashtag #MeToo wird geboren

Im Zusammenhang mit der Debatte um Weinstein ruft die US-Schauspielerin Alyssa Milano via Twitter dazu auf, Erfahrungen von sexuellen Übergriffen zu teilen. Sie schreibt: «Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt worden sind, als Statusmeldung «Me too» schreiben würden, bekämen wir ein Gefühl dafür, wie riesig dieses Problem ist.»

Unter dem Hashtag #MeToo, der bereits 2006 zum ersten Mal in dem Netzwerk Myspace benutzt wurde, damals aber kein grosses Echo fand, berichten seit Milanos Aufruf weltweit Frauen von ihren Erlebnissen. In den ersten Tagen gibt es jeweils mehrere hunderttausend Tweets.

18. Oktober 2017:
Me Too-Debatte bekommt eine politische Dimension

Die schwedische Aussenministerin Margot Wallström verwendet den Hashtag auf ihrer Facebook-Seite und schreibt von sexueller Belästigung auf «höchster politischer Ebene». Auch in der deutschen Politik wird MeToo zum Thema: Führende SPD-Frauen äussern sich. Die damalige Familienministerin Katarina Barley fordert schärfere Gesetze zum Schutz von Frauen und SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles kritisiert das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.

Ausserdem entwickelt sich eine Diskussion um einen Facebook-Post von Sawsan Chebli, Staatssekretärin in Land Berlin: Sie hatte von einer Podiumsdiskussion berichtet, auf der sie ein ehemaliger deutscher Botschafter mit dem Worten «und dann sind Sie auch noch so schön» begrüsst hatte. Das Europaparlament setzt sich eine Woche später ebenfalls mit dem Thema auseinander – und mit Vorfällen in den eigenen Reihen. Mitarbeiterinnen hatten zuvor von sexueller Belästigung und gewalttätigen Übergriffen berichtet. Das Parlament beschliesst, die Vorwürfe zu überprüfen.

1. November 2017:
Michael Fallon tritt zurück

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon tritt zurück, nachdem an die Öffentlichkeit gekommen ist, dass er 2002 bei einem Dinner einer Journalistin mehrmals ans Knie gefasst haben soll. Die Journalistin selbst sieht die Sache gelassen und twittert: «Meine beiden Knie sind noch intakt.» In den Tagen zuvor waren ähnliche Anschuldigungen gegen andere britische Politiker bekannt geworden. Zwei weitere Mitglieder des Regierungskabinetts wurden sexueller Übergriffe beschuldigt. Auch die Opposition ist betroffen: Eine ehemalige Labour-Mitarbeiterin wirft einem namentlich nicht genannten Politiker der Partei vor, sie vergewaltigt zu haben.

9. November 2017:
Kevin Spacey wird aus Film herausgeschnitten

Nach schwerwiegenden Vorwürfen sexueller Übergriffe – auch gegen minderjährige Jungen – gerät die Karriere von US-Schauspieler Kevin Spacey ins Wanken. Regisseur Ridley Scott schneidet Spacey aus einem bereits fertig abgedrehten Film heraus und ersetzt ihn durch einen Kollegen. Auch Netflix kündigt an, Spacey aus der sechsten und finalen Staffel der erfolgreichen Serie «House of Cards» auszuschliessen. Gleichzeitig werden Vorwürfe gegen den US-Komiker Louis C.K. bekannt. Fünf Frauen beschuldigen ihn, sie sexuell belästigt zu haben. Bereits am folgenden Tag bestätigt C.K. die Anschuldigungen und schreibt in einer Erklärung, er bereue seine Taten.

16. November 2017:
Debatte greift auf andere Teile der Kulturszene über

In einem offenen Brief in der «Zeit» beschuldigt die Journalistin Carolin Würfel die «Berliner Kulturelite» wegen Sexualdelikten. «Ihr wisst ja, wer Ihr seid», schreibt Würfel. Sie wird in ihren Vorwürfen recht konkret, gerät aber im Nachhinein in die Kritik, weder Beweise noch Namen genannt zu haben.

Vorwürfe werden nun nicht mehr nur in der Filmbranche, sondern auch im Ballett laut: Im französischen Bezons wird die Aufführung einer Inszenierung abgesagt, nachdem der Choreograf wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt worden war. Der langjährige Leiter des New York City Ballet, Peter Martins, wird in einem anonymen Brief sexueller Übergriffe bezichtigt. Und in Dresden gerät die Semperoper in eine Krise, nachdem der erste Solist István Simon dem ersten Ballettmeister Gamal Gouda vorwirft, ihn verbal sexuell belästigt zu haben.

26. November 2017:
Sexismus-Vorwürfe in der Arbeitswelt

Zunehmend berichten auch Frauen, die nicht im Fokus der Medien stehen, öffentlich von ihren Erfahrungen und schliessen damit an die «Aufschrei»-Debatte von 2013 an. So zum Beispiel die Grafikerin Ashley Winkler, die mit einem langen Twitter-Thread auf Sexismus in der Werbebranche aufmerksam macht.

Die Österreicherin postet Sprüche wie: «Planst Du in den nächsten 3 Jahren schwanger zu werden? Wir können nämlich niemanden einstellen, der länger ausfällt.»

12. Dezember 2017:
US-Senator verliert Wahl nach Missbrauchsvorwürfen

Bei der Senatswahl im tiefkonservativen US-Bundesstaat Alabama sollte der republikanische Kandidat Roy Moore eigentlich leichtes Spiel haben. Dass am Ende dennoch sein liberalerer Gegenspieler von den Demokraten gewinnt, liegt vor allem daran, dass Vorwürfe laut werden, denen zufolge Moore in der Vergangenheit Minderjährige belästigt haben soll.

Vier Frauen sagen der «Washington Post», der Politiker und ehemalige Richter habe sich ihnen sexuell genähert. Das jüngste Opfer soll zur Tatzeit 14 Jahre alt gewesen sein. US-Präsident Donald Trump stellt sich trotz der Vorwürfe hinter Moore. Dessen Niederlage verhindern kann er damit nicht.

Roy Moore verlor die Wahl, nachdem vier Frauen ihn des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatten. Foto: Brynn Anderson, Keystone.

18. Dezember 2017:
Time Magazine kürt Frauen, die #MeToo in Gang brachten, zur «Person of the Year»

«The Silence Breakers» – so nennt das «Time Magazine» die Frauen, die 2016 und 2017 von sexuellen Übergriffen berichteten und die «MeToo»-Debatte ins Rollen brachten. Für das Magazin Grund genug, sie alle zu «Personen des Jahres» zu erklären. Auf dem zugehörigen Cover sind fünf Frauen abgebildet, darunter Ashley Judd, die Harvey Weinstein als Erste öffentlichkeitswirksam beschuldigt hatte.

Fünf Frauen werden «Personen des Jahres»: Das Cover des Time Magazines vom 18. Dezember 2017. Bild: Time.

3. Januar 2018:
Vorwürfe gegen Regisseur
Dieter Wedel

Es ist der erste grosse Fall, der in Deutschland im Zusammenhang mit «MeToo» bekannt wird: Das «Zeit Magazin» berichtet über Missbrauchs- und Nötigungsvorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel. Er soll unter anderem 1996 eine Schauspielerin vergewaltigt haben. Auch andere Schauspielerinnen berichten von gewalttätigen Übergriffen und Mobbing. Wedel selbst streitet alles ab, tritt allerdings drei Wochen später als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf.

7. Januar 2018:
Golden-Globes-Verleihung
in schwarz

Als Zeichen gegen sexuelle Belästigung erscheinen zahlreiche Stars bei der Verleihung der Golden Globes in Schwarz. Ihren Ursprung hat die Aktion beim Rechtsschutzfond Time‘s Up, zu Deutsch etwa: «Die Zeit ist um». 300 Hollywood-Persönlichkeiten hatten den Fond zur Unterstützung von Opfern sexueller Übergriffe gegründet.

9. Januar 2018:
Catherine Deneuve kritisiert MeToo öffentlich

Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve kritisiert die MeToo-Bewegung. Zusammen mit etwa 100 anderen prominenten Französinnen schreibt sie in der französischen Tageszeitung «Le Monde», sie würden in der Bewegung «Züge des Hasses auf die Männer und die Sexualität» erkennen. «MeToo» sei über das Ziel hinausgeschossen. In Frankreich wird die Debatte nicht nur unter dem Hashtag #MeToo geführt. Französinnen fordern: #Balancetonporc – «Verpfeif dein Schwein».

3. Februar 2018:
Uma Thurman beschuldigt Weinstein

Anfangs wollte Uma Thurman, die in vielen Filmen Weinsteins mitgespielt hat, nichts zu ihren Erfahrungen mit dem Produzenten sagen. «Wenn ich mich äussere, solange ich wütend bin, bereue ich im Nachhinein, wie ich mich geäussert habe», so Thurman. Nun bricht die US-Schauspielerin in der «New York Times» ihr Schweigen: Sie sei von Weinstein attackiert worden, habe aber entkommen können. Anschliessend soll er ihr gedroht haben, ihre Karriere zu zerstören. Schwieg am Anfang der Debatte, meldete sich aber dann später doch zu Wort: Uma Thurman. Foto: Alastair Grant, Keystone

7. Februar 2018:
Nach Hollywood jetzt auch Bollywood

Die Cousine des indischen Schauspielers und Regisseurs Ravi Kapoor zeigt ihn wegen eines sexuellen Übergriffs an, wie indische Medien berichten. Die MeToo-Debatte wird inzwischen auch in Ländern geführt, in denen mit sexuellen Themen sonst nicht sehr offen umgegangen wird, wie zum Beispiel in Südkorea, China oder im Nahen Osten.

10. Februar 2018:
Trump verteidigt zwei Mitarbeiter

US-Präsident Donald Trump verteidigt auf Twitter zwei Mitarbeiter des Weissen Hauses, die wegen Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten waren. Einem wünscht Trump gar «eine grosse Karriere». Der Präsident wirft mit seinen Äusserungen auch ein Schlaglicht auf Vorwürfe gegen ihn selbst: 22 Frauen werfen Trump vor, übergriffig geworden zu sein.

26. Februar 2018:
Monica Lewinsky äussert sich

Auch Fälle, die bereits vor MeToo Thema in der Öffentlichkeit waren, werden nun erneut diskutiert. So schreibt Monica Lewinsky in einem Essay für die Zeitschrift «Vanity Fair», die MeToo-Debatte sei wichtig bei der Aufarbeitung ihrer Affäre mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Dass Clinton über die Affäre log, hatte 1998 zum Amtsenthebungsverfahren geführt. Die heute 44-jährige Psychologin schreibt, durch die Aussagen der vielen Frauen könne sie nun offener reflektieren, was sie damals erlebte. «Ich bin nicht mehr allein», so Lewinsky.

5. April 2018:
«MeToo»-Debatte beschäftigt noch immer das Netz

Die Debatte läuft seit einem halben Jahr – und ist noch lange nicht am Ende. Auch heute posten Frauen im Sekundentakt Tweets mit dem Hashtag #MeToo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2018, 20:34 Uhr

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