«Seit #MeToo ist flirten und Sex haben beinahe verpönt»

Marco Rima fühlt sich von politisch Korrekten eingeengt. Die SRF-Affäre um Michael Elsener findet der Comedian «absurd».

«Witze sind vergleichbar mit einem Dampfkessel»: Spassmacher Rima. Foto: Keystone

«Witze sind vergleichbar mit einem Dampfkessel»: Spassmacher Rima. Foto: Keystone

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Juso-Chefin Ronja Jansen hat SRF-Comedian Michael Elsener jüngst Sexismus vorgeworfen. Sie sind immer noch hässig wegen dieses Skandalons. Auf wen genau?
Ich bin nicht hässig auf eine bestimmte Person. Sondern auf den Zustand der Debatte. Darauf, dass heute alle immer so furchtbar empfindlich reagieren. Uns kommt allmählich die Fähigkeit abhanden, über uns selbst zu lachen. Ich meine, diese Affäre um den Elsener-Witz, das war doch absurd. Wenn jemand kein Sexist ist, dann Michael Elsener. Die Bezeichnungen «Miss Juso» und «heiss» – so was muss in einer Satiresendung einfach möglich sein. Ich hätte Ronja Jansen Folgendes geraten: Lade dich als Gast in die nächste Sendung ein. Dort hast du die Chance, es Michael mit Witz heimzuzahlen. Erstens kommt das viel sympathischer rüber, und zweitens hinterlässt man einen souveränen Eindruck. Und noch etwas: Ich kenne Ronja Jansen nicht persönlich. Also gehe ich über die Optik... und ja, sie ist hübsch und mir deshalb auch sehr sympathisch.

Sie finden Frau Jansen hübsch und deshalb sympathisch? Das ist Sexismus in Reinform.
(lacht) Stimmt. Wenn ich als Komiker einer jungen Politikerin aufgrund ihres Aussehens ein Kompliment mache, ist das für gewisse Frauen wahrscheinlich tatsächlich Sexismus pur.

Vielleicht sind ja Sie es, der überempfindlich ist. 3000 Jahre lang konnte jeder Galöri blöde Frauenwitze reissen und kam davon damit. Heute möchte eine Frau vielleicht einfach nicht mehr ständig über sich selber lachen müssen.
Seit der #MeToo-Bewegung ist flirten, anmachen und Sex haben beinahe verpönt. Und seit es Frauen satthaben, sich ständig doofe Witze über sich anzuhören, springen absurderweise weibliche Comedians in die Bresche der «Galöris». Zum Beispiel Caroline Kebekus: «Pussyterror», «Alphapussy» oder «Pussynation» heissen die Programme dann. Und weil jeder Comedian mittlerweile die Kollegen an Radikalität zu übertreffen versucht, macht ein Adam Sandler mittlerweile sogar Witze über die Vaginal-Fürze seiner Frau. Das kanns doch nicht gewesen sein. Da lob ich mir den feinen Frauenwitz und den Altherrenwitz und alle die schönen Witze, die das Leben schreibt.

SRG-Ombudsmann Roger Blum hat Michael Elsener ernst genommen. Ihn überzeugt die von Elsener gespielte Kunstfigur nicht.
Es ist ein merkwürdiges Urteil. Es bestätigt nur meine Meinung, dass es für einen öffentlich-rechtlichen Sender mittlerweile schwierig geworden ist, Satire zu produzieren, ohne dass sich der Ombudsmann im Nachhinein mit irgendwelchen Befindlichkeiten auseinandersetzen muss.

Fanden Sie Elseners Streich eigentlich lustig?
Das spielt keine Rolle. Mir ist wichtig, dass solche Streiche möglich bleiben. Sonst müsste man ja Sendungen wie «Verstehen Sie Spass?» sofort einstellen.

Als Comedy-Berühmtheit befinden Sie sich in einer komfortablen Situation. Sie könnten sich auf Ihre klassischen Stücke wie die Goethe-Veralberung «Erlkönig» zurückziehen.
Das wäre mir zu langweilig. Abgesehen davon polarisiert mittlerweile sogar diese alte Nummer. So bin ich vom deutschen Gehörlosen-Bund zu einer Veranstaltung eingeladen worden. Die Gehörlosen amüsierten sich prächtig. Besorgte Bürger hingegen, die sich bei mir meldeten, fanden meinen Auftritt komplett respektlos.

Rimas «Erlkönig»-Interpretation.

Bringen Sie den Witz mit den Hühnern, den Frauen und den Hirnzellen eigentlich noch?
Zugegeben: nein. Ich finde ihn mittlerweile zu flach. Dafür liebe ich aber den: «Warum arbeiten so viele Frauen im Bundesamt für Gleichstellung? Es ist günstiger.» Gut, was? Mir gefällt an diesem Witz, dass er sich nicht gegen die Frauen richtet, sondern gegen einen sozialen Missstand. Auch ich merke, dass ich geneigt bin, mich beim Schreiben zu zensurieren. Aber dann lass ich wieder davon ab. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass sich Anwälte wirklich für meine Witze interessieren. Aber ich mache mir schon Sorgen, dass man uns Comedians der Urkomik beraubt. Ich möchte über Frauen Witze machen und lachen können – und über mich selber. Männer und Frauen sind nun mal unterschiedlich. Deshalb macht es auch so viel Spass, sich über ihre Eigenarten und Verhaltensmuster auszulassen.

Zum Beispiel?
Nach der Phase des Verliebtseins folgt die Phase der Korrektur. Die Frau dreht und feilt an den Manieren ihres Mannes, kleidet ihn nach ihrem Gusto. Sie beginnt, ihn zu bemuttern. Irgendwann steht ein komisches Wesen neben ihr, das so gar nichts mehr mit dem Mann zu tun hat, in den sie sich verliebt hat. Hört sich klischiert an, entspricht aber meinen Recherchen und Erfahrungen. Auf der anderen Seite würde mir als Mann nie in den Sinn kommen, meine Frau verändern zu wollen – geschweige ihr zu raten, was sie auf einem Fest zu tragen hat. Nur schon auf die Frage «Das Blaue oder das Rote?» weiss ich als Mann: Jede Antwort endet in der Katastrophe. Das ist zumindest meine Lebenserfahrung. Und die Lacher in meinen Shows scheinen sie zu bestätigen.

2015 schrieb eine Kritikerin: «Marco Rima hat sexy Beine, sportlich sehen sie aus und irgendwie knuffig. Hellblaue Uniform-Shorts stehen ihm wirklich gut.» Wäre das eine mögliche Lockerungsübung wider die allgemeine Verspanntheit – gegenseitiger Sexismus? (lacht) Warum nicht! Aber bitte stets liebevoll. Seien wir ehrlich: Sexismus ist uns ja nicht von Gott gegeben. Er ist ein Resultat unserer Erziehung und der Gesellschaft. Und deshalb können uns Witze, die uns einen Spiegel unserer Unzulänglichkeiten vorhalten, auf unserem Weg der Selbsterkenntnis helfen. Witze sind vergleichbar mit einem Dampfkessel. Öffnet man seine Ventile und lässt etwas Dampf ab, hat man automatisch weniger Druck im Kessel.

Die politische Korrektheit, über die Sie sich aufregen, ist ja vor allem ein linkes Anliegen. Fühlt sich Marco Rima zur Rechten hingezogen?
Ach was. Dieses Links-rechts-Denken ist mir zu einfach. Mir geht das altväterlich, rückwärtsgewandte Denken der Rechten genauso auf den Senkel wie der Gleichsetzungs- und Normierungswahn der Linken. Schade ist nur, dass die jeweiligen Positionen der beiden Lager auf allen möglichen Kanälen und in den sozialen Medien mittlerweile so radikal und boshaft diskutiert werden, dass mir manchmal schon fast angst und bange wird. Ich wünsche mir eine Gesprächskultur, die geprägt ist von Anstand, Respekt und Akzeptanz.

Und jetzt bitte noch einen guten Männerwitz.
«Warum geht die Psychoanalyse bei Männern schneller als bei Frauen? Wenn es darum geht, in die Kindheit zurückzugehen, sind die meisten Männer schon da.»

Erstellt: 06.11.2019, 16:55 Uhr

Zur Person

Marco Rima (*1961) gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Comedians. National bekannt wurde er in den 1980ern mit dem Cabaret Marcocello. In den 1990ern wurde er Mitglied der «Wochenshow»-Truppe von Sat1. Der gebürtige Winterthurer produzierte danach mehrere Musicals und spielte in zahlreichen Filmen mit, so etwa in «Achtung, fertig, Charlie» oder «Handyman». Nächstes Jahr steht er mit einem Programm namens «#No Problem!?» wieder auf der Bühne. (lsch)

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