Serien-Sucht als Geschäft

Das Online-Portal «Serienjunkies» entstand, als TV-Serien noch die hässlichen Stiefkinder der Filmbranche waren. Doch was genau steckt eigentlich dahinter?

Der Siegeszug der Serienproduktion ist kaum mehr zu stoppen: Auch dank «Game of Thrones».

Der Siegeszug der Serienproduktion ist kaum mehr zu stoppen: Auch dank «Game of Thrones». Bild: Keystone

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Dem Klischee zufolge müssten die Serienjunkies natürlich in einem Keller arbeiten. Dort sässen sie mit bleicher Haut in der Dunkelheit, die viereckigen Augen stets auf einen hellen Bildschirm gerichtet, eine Hand in der Chipstüte. Tatsächlich ist das Büro von Serienjunkies, von Deutschlands bekanntestem Serienbewertungsportal, sehr hell und seine Bewohner sehen recht gesund aus. Es liegt in einem Hinterhof in Berlin-Friedrichshain und könnte auch eine Werbeagentur sein - weisse Wände, grosse Bildschirme, an den Wänden Fotos mit Prominenten und motivierende Sinnsprüche. «Die Sprüche sind aber von den Vormietern», sagt Serienjunkies-Geschäftsführerin Hanna Huge, fast ein bisschen entschuldigend.

Die Website mit dem Namen Serienjunkies klingt, ja durchaus gewollt, nach einem Onlineportal für Vollnerds, ist aber tatsächlich inzwischen eine in Deutschland sehr erfolgreiche Internetseite. Serienjunkies existiert seit 2007, seit einer Zeit also, als «Serien noch die hässlichen Stiefkinder von Filmen» waren, sagt Huge. Man gründete damals eines der ersten Web-Portale, das seinen Lesern sowohl eine redaktionell verfasste inhaltliche Übersicht über den bisherigen Verlauf einer Serie - sogenannte «Recaps» - geben und sie gleichzeitig auch bewerten will. Wichtige Filmkritiker und Zeitungen setzten sich damals kaum mit TV-Serien auseinander, erst recht nicht online. Dann kam der Serienboom.

Schwarze Zahlen bereits nach einem Jahr

Hanna Huge hat, Vorsicht nächstes Klischee, keine viereckigen Augen, kann aber nach eigener Aussage «mittlerweile mehr als elf Serienfolgen hintereinander wegbingen», also am Stück schauen. Die 38-jährige Hamburgerin hat BWL studiert, bis 2007 waren Serien für sie nur ein Hobby. Dann ging sie mit einem Bekannten, dem IT-Spezialisten Mariano Glas, zum Abendessen. Dieser hatte bereits seit einigen Jahren eine Art Serien-Datenbank namens Serienjunkies am Laufen, allerdings als Einmannbetrieb ohne Redaktion.

«Nach mehreren Stunden Reden hatte ich beschlossen, zu kündigen und gemeinsam mit ihm Serienjunkies zu professionalisieren», erzählt Huge. Er lieferte die Technik, sie das Wissen über Betriebswirtschaft und Vermarktung. Finanziert wurde komplett aus eigener Tasche. «Das Geld von mir für die Finanzierung einer Redaktion reichte für ein Jahr. Würden wir es innerhalb dieser Zeit nicht schaffen, grosse Werbekunden ranzuziehen, hätte ich aussteigen müssen», sagt sie. Tatsächlich schrieb Serienjunkies bereits nach diesem Jahr schwarze Zahlen.

Peak TV - Ein Gipfel der Serienproduktion

Aus heutiger Sicht, da grosse Zeitungen, Magazine und Onlineseiten die Aufarbeitung neuer Serien mit grossem Ernst betreiben, ist das kaum vorstellbar, tatsächlich aber besetzte das Portal von Mariano Glas damals eine Lücke, die unbesetzt war. Heute ist die Frage «Was schaust du gerade?» von kaum einer Party mehr wegzudenken, in den USA ist mittlerweile sogar vom Peak TV, also von einem Gipfel der Serienproduktion, die Rede. 2015 wurden von den dortigen Fernsehsendern 419 Serien produziert, für 2017 wird nochmals ein Anstieg auf mehr als 500 Serien erwartet. Viele davon in Hochglanzoptik und mit anspruchsvollen Inhalten.

Und während die etablierten Medien langsam die Serie als Kulturgut entdeckten und im Frühjahr 2016 mit dem Phänomen «Game of Thrones» anfingen, ebenfalls regelmässig nach Ausstrahlung jeder neuer Folge «Recaps» zu veröffentlichen, waren die Serienjunkies schon lange da. Ausgestattet mit einer Datenbank, in der man eben auch alles über die vergangenen sechs «Game of Thrones»-Staffeln nachlesen kann inklusive aktueller Verschwörungstheorien und diversen Neuigkeiten von den Darstellern.

Unabhängiges Bewerten und Kritisieren ist den Machern wichtig

Das Angebot ist kostenlos und finanziert sich vor allem über Werbung und sogenannte «provisionsbasierte Verkäufe». Das heisst: Kauft jemand bei Amazon die Staffelbox «Game of Thrones» über den von Serienjunkies bereitgestellten Link, bekommt das Portal eine Provision. Ein grosses Medienhaus oder einen Investor haben sie nicht im Rücken. «Das ist uns aber auch wichtig - nur so können wir weiterhin unabhängig bewerten und auch mal einen Verriss schreiben», sagt Huge. Die mit viel öffentlichem Interesse in Berlin gedrehte letzte Staffel von Homeland wurde bei Serienjunkies etwa durchaus kritisch bewertet. Das geht nur, wenn man nicht auf die Liebe der Szene angewiesen ist.

Die wirtschaftliche Nähe etwa zum Serienverkäufer und -macher Amazon zeigt trotzdem die Grenzen der Unabhängigkeit. Mittlerweile hat das Webportal neun festangestellte Redakteure und verzeichnet Huge zufolge zwischen zwei und drei Millionen Unique User im Monat, also Menschen, die unter verschiedenen IP-Adressen auf die Seite zugreifen. Zum Vergleich: Die Fussballseite Kicker hat vier Millionen Unique User im Monat. Die meisten dieser Besucher sind zwischen 24 und 39 Jahren alt, etwas mehr Männer als Frauen. Für diese Zielgruppe schreiben Serienjunkies-Redakteure wie Axel Schmitt.

Redakteure kriegen auch mal einen Shitstorm

Schmitt, 33, ist seit vier Jahren Redakteur bei Serienjunkies. Schmitt sagt, er entscheide selbst, worüber er schreibt. «Mein Gebiet sind hauptsächlich Qualitätsserien, die noch nicht in der breiten Masse angekommen sind.» Zuletzt etwa schrieb er über die US-Spionageserie «The Americans». Pro Tag schaut er meist zwei bis drei Stunden Serien. Hinzu kommen Podcasts und Blogs, aber auch Pressetermine.

Früher, sagt er, habe er auf Partys seinen Job oft erklären müssen; «heute finden das die meisten cool». Gleichzeitig führt diese Akzeptanz auch zu zahlreichen Lesern, die es besser wissen. Als Schmitt sich neulich positiv über die weibliche Neubesetzung des Kultfilms Ghostbusters äusserte, geriet er in einen Shitstorm. «Viele Leser wünschen sich bei Filmen und Serien von mir Objektivität. Aber wie soll man objektiv seine Meinung äussern?», fragt Schmitt. Eine Antwort hat er nicht.

Was kommt nach dem Serien-Hype?

Vielleicht liegt genau da das Problem von Seiten wie Serienjunkies. So ganz verstehen viele Leser nicht, was genau die Seite ist. Journalismus? Ein Blog? Ein Branchenportal? Auch Geschäftsführerin Hanna Huge muss darüber kurz nachdenken. Dann sagt sie «Ich spreche immer von einem ‹Entertainment Portal›, aber das ist natürlich sehr technisch. Für einen Blog sind wir auf jeden Fall zu professionell, für eine Datenbank zu kritisch.»

Die andere Frage ist natürlich: Was kommt nach dem Hype? Tatsächlich glaubt man bei Serienjunkies nicht daran, dass die Bedeutung der Serie bald wieder sinken könnte. Viel wichtiger ist hier, in Berlin-Friedrichshain, die Frage: Was folgt auf Game of Thrones? Die Serie mit den meisten Anfragen auf der Website überhaupt, wird im kommenden Jahr zu Ende gehen. (Charlotte Haunhorst/Sueddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.10.2016, 10:18 Uhr

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