«Sie ist die beste Schule fürs Leben»

Teure Privatschulen boomen. Ist unsere Volksschule nur noch zweite Klasse? In die Bresche wirft sich: Matthias Aebischer, Bildungspolitiker und früherer Lehrer.

Für Aebischer auch in Sachen Sozialkompetenz ganz vorne: Eine Primarschulkasse. (Hier in Suhr, 4. April 2019)

Für Aebischer auch in Sachen Sozialkompetenz ganz vorne: Eine Primarschulkasse. (Hier in Suhr, 4. April 2019) Bild: Keystone

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Schicken Sie Ihre Kinder auf eine Privatschule?
Nein. Alle meine schulpflichtigen Kinder sind glücklich an einer Volksschule. Ich bin von unserer Volksschule überzeugt. Sie ist die beste Schule fürs Leben. Jeder, der etwas anderes behauptet, soll mal in eine Klasse sitzen und zuhören. Dabei will ich nicht ausschliessen, dass es in Einzelfällen sinnvoll ist, ein Kind auf eine Privatschule zu verlegen, weil es dort individueller betreut werden kann. Aber das empfehle ich eher als Ultima Ratio. Denn es kann auch gut sein, wenn man sich auch mal durchbeissen muss, dass man auch mal über- oder unterfordert ist. Dass man mit Leuten auskommen muss, die einen vielleicht ärgern und einem nicht so passen. So gehts einem später im Leben ja dann auch. Dem Kind die Probleme wegräumen und den roten Teppich ausrollen – das ist nie eine gute Idee.

Im Bildungspapier der SP von 2008 heisst es: «Sollte die Bevölkerung in 10 Jahren gefragt werden, welcher staatlichen Institution sie am meisten vertraut, sollte die Antwort heissen: unseren Schulen!» Der Anstieg der Privatschüler lässt das Gegenteil vermuten.
Das ist leider nicht richtig. Mehrere Umfragen beweisen, dass die Bevölkerung mit der Volksschule sehr zufrieden ist. Punkto Privatschulen müssen Sie schauen, wo es den Anstieg gegeben hat. In Zürich, Zug, Basel, Genf. Dort, wo sich in den letzten 20 Jahren viele internationale Firmen niedergelassen haben, die ihre Mitarbeiter aus dem Ausland holen. Es sind die Expats, die den Anstieg ausmachen und ihre Kinder in die International Schools schicken. Gesamtschweizerisch ist die Zahl stabil. Von 20 Kindern geht durchschnittlich eines in eine Privatschule.

Und diese Expats soll man in ihrer Blase lassen?
Ja. Wie gesagt, manchmal sind Privatschulen sinnvoll. Wenn der Anteil der Privatschüler nun auf zehn, fünfzehn Prozent steigen würde, müssten wir uns die Sache nochmals anschauen. Aber jetzt liegt der Wert schweizweit bei fünf Prozent. Das ist im internationalen Vergleich sehr tief, also kein Grund zur Sorge.

Was halten Sie von Bildungsgutscheinen, wie es sie etwa in den USA gibt?
Gar nichts. Private Schulen sollen kein staatliches Geld bekommen. Punkt. Wir haben keinen Grund, unsere hervorragende Volksschule zu konkurrenzieren.

In Topform scheint diese Volksschule aber derzeit nicht zu sein. Viele halb gare Reformen und zugleich eine seltsame Passivität, was Sprachen oder die digitale Befähigung angeht.
Sie sollten wieder einmal in der Schulstube vorbeischauen. Solche Vorwürfe höre ich immer wieder. Aber da ist nichts dran, das sind Märchen. Wir sind in der Schweiz schulisch on the top. Vielleicht haben die Privatschüler das neuste iPad ein Jahr früher. Aber was macht das schon? Meine Tochter kam jüngst nach Hause und zeigte mir fantastische Lern-Apps, die sie in der Schule auf dem iPad kennen gelernt hatte. Ok, die Privatschulen sind vielleicht etwas agiler und können etwas rascher umsetzen. Davon profitiert am Schluss auch die Volksschule. Zum einen weil Konkurrenz gut tut, zum andern, weil man die guten Sachen auch kopieren kann. Die Montessori-Pädagogik etwa wurde von der Volksschule durchaus angenommen und teilweise übernommen.

Alles paletti also? Einer Nationalfondstudie zufolge ist jede Dritte und jeder Dritte der Schweizer Lehrerschaft Burn-out-gefährdet.
Der Druck ist gross, das ist so. Die Lehrer müssen öfter schwierige Schüler integrieren als früher, die Ansprüche der Eltern sind gestiegen und der administrative Aufwand auch. Dagegen könnte man viel tun, etwa mit kleineren Klassen, Teamteaching und höheren Löhnen. Die Bürgerlichen verhindern das leider mit ihrer Sparwut. Dass ein Land wie die Schweiz, dessen einzige Ressource die Menschen sind, bei der Bildung spart – das ist total absurd.

Wie sollen die Schulen auf juristische Eingriffe reagieren, sich dagegen wappnen? Das Einklagen von Prüfungen ist ein Business für Anwälte geworden.
Das kommt auch noch hinzu und reiht sich in weitere gutgemeinte Taten der Eltern ein, die das Gegenteil bewirken. Sie tun ihrem Kind keinen Dienst, wenn sie ihm einen Anwalt zur Seite stellen.

Der Ansturm aufs Gymnasium zumal in den Städten zeigt doch, dass das Vertrauen in die Durchlässigkeit des Bildungswesens gesunken ist.
Das ist ein Fehlschluss. Es ist vielmehr so, dass man heute öfter vom Gymnasium auf die Lehre umschwenkt als früher. Zuerst also das Gymnasium abschliesst und dann eine Lehre macht. So was gab es vor 20 Jahren noch kaum. Das Gegenteil ist auch der Fall. Sie können heute eine Lehre machen und dann ein Studium anhängen. Die Durchlässigkeit ist super und wird auch rege genutzt.

Wenn Sie eine Reform im Schweizer Schulwesen sofort umsetzen könnten – welche wäre das?
Ich würde in der Primarschule mehr auf Eigeninitiative setzen. Schülerinnen und Schüler dieser Stufe sitzen zu lange am Pult. Rausgehen in die Natur, spielen, Dinge entdecken. Gerade den Buben fehlt das ja oft. Ich habe dieses Thema gerade kürzlich mit einem früheren finnischen Bildungsminister besprochen, der meinte, in seinem Land würden die Lehrpläne gerade in dieser Hinsicht angepasst. Wir sollten das auch tun. Von den Finnen können wir lernen.

Erstellt: 20.06.2019, 16:56 Uhr

Matthias Aebischer (*1967) ist SP-Nationalrat. Der ausgebildete Lehrer war von 2011 bis 2018 Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, die er auch präsidierte. Bekannt wurde Aebischer in den 2000ern als TV-Moderator beim Schweizer Fernsehen. (lsch) (Bild: Keystone )

Privatschulen legen zu

In den letzten 20 Jahren stieg der Anteil Privatschüler in diversen Kantonen markant, wie der «Blick» diese Woche zeigte: Im Kanton Zug etwa von 3,9 auf 11,5 Prozent, im Kanton Zürich von 3,7 auf 6,5 Prozent, im Kanton Basel von 9,3 auf 12,5 Prozent.

Erhöht hat sich auch die Zahl der Privatschulen: So stieg schweizweiz die Anzahl privater, nicht staatlich unterstützter Schulen zum Beispiel auf Sekundarschulstufe I von 225 im Jahr 2010 auf 301 im Jahr 2017 (siehe BfS). (lsch)

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