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So geht Anstand

Wie aus der Empörung über einen Scherz in einer Comedy-Sendung eine Live-Versöhnung wurde.

Ums Feld der Satire stehen rechts und links lauter Stoppschilder. Witze über Minderheiten (wie der Täschligate-Sketch) können Comedians ebenso in die Bredouille bringen wie Spitzen gegen Machthaber, von Präsident Erdogan (Jan Böhmermann) bis Präsident Trump (Kathy Griffin). Doch für einmal führte die Aufregung über eine grenzwertige Satire überraschend zu versöhnlichen Tönen zwischen den verfeindeten Lagern.

Wie das? Eine heilige Kuh in den USA sind die Veteranen: die «opferbereiten Helden der Nation», die, wieder daheim, vom Staat häufig im Stich gelassen werden. Sogar Trump kann sich da kaum Fehltritte erlauben: Dass er am Samstag nicht den US-Friedhof von Aisne-Marne besuchte noch am Montag den Militärfriedhof Arlington, störte selbst seine Fans. Klar schäumten sie, als das liberale, satirische TV-Format «Saturday Night Live» (SNL) am 3. November einen Veteranen verspottete.

Der Ex-Soldat Dan Crenshaw hat in Afghanistan das rechte Auge verloren und trägt seither eine Augenklappe; auch in seinem Wahlkampf um einen Repräsentantensitz. SNL-Comedian Pete Davidson nahm den republikanischen Kandidaten auf die Schippe: Er sähe wie ein Killer in einem Porno aus, habe sein Auge im Krieg verloren «or whatever»: Besonders das schnoddrige «Wasauchimmer» sorgte für heftiges konservatives Empörungstheater und linksbetroffenes Kopfschütteln.

Amerikaner könnten einander vergeben

Doch nun zeigten der mittlerweile gewählte Crenshaw und der Satiriker ihrem gespaltenen Land, was Zivilisation ist. Davidson entschuldigte sich während der Sendung SNL wortreich; und, tadaa, trat Crenshaw auf, akzeptierte die Entschuldigung und zog Davidson durch den Kakao. Dann erinnerte er an Davidsons Vater, der 9/11 als Feuerwehrmann umkam. Und sprach das Wort zum Sonntag, sprich Veteranen-Wochenende. Trotz der Gräben zwischen links und rechts dürfe man nie vergessen: Amerikaner könnten einander vergeben, immer auch das Gute im anderen sehen.

Im Nachgang kritisierte Crenshaw die allgemeine Empörungs- und Bestrafungsmanie. Die Live-Versöhnung bedeute nicht den Beginn einer wunderbaren Harmonie der politischen Lager, aber vielleicht ein Schrittchen in Richtung Entdämonisierung des Anderen: im Hinblick auf einen konstruktiven Ideenaustausch. «Jeder hat zugestimmt, dass eine Veteranen-Wunde kein vogelfreier Satirestoff ist. Vielleicht sollten wir jetzt alle versuchen, den Anstand in der öffentlichen Debatte wiederherzustellen.» Bitte.

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