So war Ricky Gervais in Zürich

Der britische Komiker und «Golden Globes»-Moderator unterhielt eine ausverkaufte Samsung-Halle. Zwei Kritiker, eine Meinung.

Der Engländer Ricky Gervais ist weltweit einer der erfolgreichsten Comedians.

Der Engländer Ricky Gervais ist weltweit einer der erfolgreichsten Comedians.

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Jean-Martin Büttner: Ricky Gervais wurde bekannt mit «The Office», einer Fremdschämserie aus den Nullerjahren mit ihm als Bürochef ohne eine Spur von Humor, Selbstkritik oder Empathie. Etwas davon ist ihm bis heute geblieben: sein Hyänenlachen. Oder habe ich etwas verpasst?

Philippe Zweifel: Ja. Dass nämlich «The Office» die lustigste Komödie überhaupt ist. Das grossartige an besagtem Chef ist, dass er trotz seiner eklatanten Schwächen denkt, er sei voll cool. Und man wusste ja nie genau, wie viel von Gervais selbst in dieser Rolle steckte. Du kannst dir vorstellen, wie hoch meine Erwartungen an diesen Abend waren.

JMB: Wurden sie erfüllt?

PHZ: Sagen wir mal: Viele Lacher, ein paar Insights, eine Menge Selbstgefälligkeit. Du?

JMB: Meine Erwartungen wurden enttäuscht. Um es in der Negation zu sagen: Er hat nicht die Bildung von Eddie Izzard, nicht den surrealen Sarkasmus von John Cleese, nicht die Imitationsbrillanz von Trevor Noah, nicht das selbstzerstörerische rhetorische Sperrfeuer von Robin Williams, nicht das hochintelligente Tempo von Russell Brand, nicht den Nihilismus von Lennie Bruce, nicht die noble Verzweiflung von Loriot, nicht den grossartig infantilen Humor von Otto, nicht den kohlschwarzen Witz von Pierre Desproges, nicht die scheingemütliche Grausamkeit von Billy Conolly. Kurz gesagt: Er hat nicht überrascht.

PHZ: Ein Markenzeichen hat er schon: die so genannte «offensive Comedy», die keine Tabuthemen kennt. Wie Louis CK, der amerikanische Komiker, der wegen #MeToo zwischendurch in Ungnade fiel und uns in Basel kürzlich alle umhaute. Sein Name fiel schon in der S-Bahn zur Samsung Hall mehrere Male. Beide Comedians, CK und Gervais, gelten neuerdings als Darlings der Anti-PC-Fraktion. Als rechtsgelenkter Zuschauer wäre ich allerdings enttäuscht gewesen.

JMB: Warum?

PHZ: «Comedy ist bloss ein sprechender Mann auf der Bühne», sagte Gervais am Anfang und fiel sich dann selber ins Wort: «Das ist sexistisch, wieso keine Frau?!» Solche Sätze, die amüsieren und gleichzeitig metamässig nachdoppeln wollen, sind bloss lahm. Als ob er sich auf beide Seiten absichern will. Da ist CK viel unanständiger und abgründiger. Egal ob der gegen links, rechts, unten oder oben austeilt, steckt immer ein analytisches Verständnis für soziale Mechanismen mit drin.

JMB: Wie wertest du Ricky Gervais im Vergleich?

PHZ: Er kam mir als Standup-Komiker eher vor wie ein Teenager, der gegen alles ist, wofür seine Eltern stehen, weil er sich von ihnen befreien will. Mit der Verteidigung von Meinungsfreiheit hat das nichts zu tun - mit dem Deklamieren einer eigenen Meinung schon gar nicht. Aber zugegeben: Der Vergleich mit CK ist hart. CK ist der Gott der Offensive Comedy.

JMB: Ich habe Louis CK verpasst, glaube dir aber aufs Wort. Mir kam es am gestrigen Abend vor, als renne Gervais früheren Pointen hinterher. Wir sind uns schon so viel gewohnt, dass uns auch Obszönitäten nicht mehr beeindrucken. Wenn Ricky Gervais erzählt, er habe zu einem Babybild von Hitler onaniert, finde ich das nicht provokant oder komisch. Nur sehr, sehr unappetitlich.

PHZ: Schafft es der Baby-Hitler in die geplante Netflix-Aufzeichnung?

JMB: Hoffentlich nicht. Aber wenn wir schon dabei sind: Das klingt auch so peinlich, wenn er uns sagt, diese Show käme mal auf Netflix – um uns dann nach jedem halbwegs riskanten Witz zu versichern, der werde dann nicht im Fernsehen gezeigt. Ich weiss nicht, was schlimmer ist: Das Eigenlob seiner Renitenz oder das Einbeziehen des für rebellisch deklarierten Publikums. Es fehlte nur noch das verschwörerische, haraldjunkemässige Augenzwinkern. Sowas darf ein Komiker nicht machen, ohne zum Rolf Knie der Spassmacher zu verkommen.

PHZ: Das Blecken der Zähne ist sein Augenzwinkern... dazu passt, dass Gervais den Zuschauern versichert, wie fest er «Woke Comedy» hasse, also Komik, die politisch korrekt ist. Erstens ist das ein Widerspruch in sich selber. Zweitens langweilt die Diskussion um politisch korrekte Comedy seit langem, zumal an einer Comedyshow. Aber reden wir über die gelungenen Teile des Abends. Die gab es nämlich. Was waren deine Highlights?

JMB: Am meisten musste ich lachen, als er sich über sein eigenes Fettsein ausliess und fragte: «How do you get Ricky Gervais into a shower? Grease the sides and throw a cookie in.» Oder wenn Gott beschliesst, Aids auf die Welt zu schicken, um alle Schwulen umzubringen, weil er ihnen die ganze Zeit beim Sex zuschauen muss. Schliesslich fand ich seine Analogie grossartig: «Being stupid is like being dead: It‘s only painful for others.»


Gervais mit einem früheren Programm.

PHZ: Am lustigsten war er immer, als er sich selber dran nahm. Wenn er über seine Familie sprach oder über Männerumarmungen. Das gefällt mir an der angelsächsischen Komik so: Dass die Comedians oft persönlich werden dabei. Viele deutschsprachige Komiker verstecken sich hinter einem Ironiepanzer. So gesehen war der Abend doch gelungen.

JMB: Dein liebster Moment?

PHZ: Ich fürchte, ein vulgärer Witz: Zwei Pädophile treffen im Wald aufeinander. Einer hat ein Mädchen an der Hand, der andere einen Buben. Worauf der eine herüber schreit: «Du Schwuchtel!» Irgendwann landete er danach auch beim Einsatz von Zwergen als «Methadon für Pädophile».

JMB: Dafür hat er geradezu rührend über seine Katze geredet. Ihre Unfähigkeit zur Schlaflosigkeit. Und zu Schuldgefühlen.

PHZ: Allerdings beschrieb er das Verhalten seiner Katze nach einem Tierarzt-Besuch analog zu einer vergewaltigten Frau: Die Katze kauert in der Dusche, traumatisiert, setzt schliesslich einen Tweet ab mit dem Hashtag #MeowToo. Da brüllte der Saal.

JMB: Das Brüllen einer Menge ist immer ambivalent, isn’t it? Was das Rührende betrifft: Mit einer solchen Rolle war Gervais vielen schon in seiner Serie «Afterlife » aufgefallen, in der er einen Witwer spielt, der fast die ganze Spielzeit seiner krebstoten Frau hinterhertrauert. Alle waren überrascht. Aber nur, weil sie Oscar Wilde nicht gelesen hatten. Der hatte aus dem Gefängnis von Reading - Ricky Gervais’ Heimatstadt - geschrieben: «Sentimentalität ist ein Gefühl, für das du nicht gezahlt hast. Vergessen wir nicht, dass Zyniker im Herzen sentimental sind. Sentimentalität ist der Ferientag des Zynikers.»

PHZ: Hätte Oscar Wilde Ricky Gervais lustig gefunden?

JMB: Nun, nach Oscar und vor den Oscars soll man schweigen.

Erstellt: 18.01.2020, 09:28 Uhr

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