Verärgerte Deutschschweizer? – «Lässt sich leider nicht vermeiden»

Heute beginnt die Fête des Vignerons. Gespräch mit Daniele Finzi Pasca, dem Regisseur der gigantischen Show.

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Erinnern Sie die Fête des Vignerons an die Olympia-Schlussfeier von Sotschi, die Sie ebenfalls inszenierten?
Die Feste sind ähnlich gigantisch. Bei beiden Anlässen gibts riesige Ensembles von Schauspielern und Musikern. In Sotschi ging es darum, eine Verbindung zwischen der Kultur Russlands und seinen Sportarten herzustellen. In Vevey stelle ich die Fête in 20 Standbildern dar, erzähle aber auch eine Geschichte, die die Bilder verbindet und transformiert – besser: Das kleine Mädchen Julie erzählt die Geschichte im Dialog mit ihrem Grossvater, einem Rebbauern. Ein weiterer wichtiger Unterschied im Vergleich zu Sotschi und den anderen Olympiafeiern, die ich inszeniert habe: In Vevey muss ich keine Rücksicht aufs Fernsehen nehmen.

Die Premiere vom Donnerstag wurde kurzfristig von 11 Uhr auf 19 Uhr verlegt. Weshalb?
Ursprünglich begann die Premiere bereits um 7 Uhr morgens. Dann verlegte man sie auf 11 Uhr, um den Leuten etwas entgegenzukommen. Und dann merkten wir eben, dass die meisten dann halt doch noch arbeiten müssen, Fête des Vignerons hin oder her. Wir bekamen zudem viele Anrufe und Mails von Leuten, die an der Premiere teilnehmen wollten. Aus diesen Gründen haben wir den Anlass auf 19 Uhr verlegt. Er war dann auch sogleich ausverkauft, es war also eine gute Entscheidung! Dass ein paar Deutschschweizer nun verärgert sind, weil sie mit dem Zug nicht mehr nach Hause kommen – das lässt sich leider nicht vermeiden. Wichtig ist bei dieser Angelegenheit: Es handelt sich hier nicht um die eigentliche Show, sondern um eine etwas andere Vorpremiere.

Warum sollten Basler, Berner und Zürcher für die folgenden Aufführungen anreisen?
Es ist eine Chance, die sich sobald nicht wieder bietet. Hier tut eine Stadt voller Enthusiasmus mit, es wird eine gewaltige positive Energie freigesetzt. Vevey explodiert wie noch nie! Das Stadion bietet Platz für mehr Leute, als in der ganzen Stadt wohnen. Ein Fest in dieser Dimension gibts sonst nur in Nordkorea – aber bei uns ist es ein Event in einem freien, demokratischen Land, an dem die Leute freiwillig teilnehmen und an dem sie Freude haben. Und man sollte kommen, weil es im Fest nicht zuletzt um die grosse Frage geht, was es bedeutet, heute Schweizerin oder Schweizer zu sein. Welchen Bezug zur Arbeit auf dem Feld, zur Natur und zum Brauchtum wir haben.

Klischees lassen sich da kaum vermeiden.
Zugegeben, es ist schwer. Aber ich will ja auch nicht gegen das Alte ankämpfen, sondern es neu beleben. Nehmen wir zum Beispiel den Jodel. Er sagt einem Tessiner wie mir in der Regel nichts. Ich liess für das Stück einen neuen Jodel komponieren mit dem Ziel, Deutschschweizer wie Tessiner gleichermassen anzusprechen. Wir wollten zu den Wurzeln der Emotionen vorstossen, die dieser Gesang bei vielen auslöst – und genau diese Wurzeln freilegen. Man darf die Bedeutung ländlicher Tradition für die Schweizer nicht unterschätzen. Das merkte ich jüngst an der Reaktion einiger Zuschauer bei den Probeaufführungen. Als wir eine Kuh auf die Bühne holten, begannen sie zu klatschen. Das erinnerte mich an meine Reise durch Indien, als Elefanten vorgeführt und gefeiert wurden. Es war hier wie dort ein magischer Moment.

Tausende Darstellerinnen und Musiker tun mit: Szene einer Probe.

Gefällt den Traditionalisten eigentlich, was Sie mit ihrer alten Fête anstellen?
Die Veranstalter wussten ja, dass man mit mir keinen konservativen Bewahrer holte. Sicher ecke ich zuweilen an. Die grossen Saufszenen habe ich gestrichen, auch den Auftritt diverser antiker Götter, ebenso den «Messager boiteux», den Mahner alter Traditionen, der bisher an jeder Fête dabei war. Und ich habe den Frauen wichtigere Rollen gegeben als in früheren Inszenierungen.Was von meiner Interpretation bleibt? Die Macher der nächsten Fête des Vignerons werden die Antwort darauf geben. Indem sie meine Ideen übernehmen oder verwerfen.

Empfehlen Sie den Zuschauern ein, zwei Glas Weisswein während der Show?
Das ist nicht nötig. Sowieso: An jedem Fussballmatch wird mehr gesoffen als an unserer Fête des Vignerons.

Die Generalprobe von Mittwochabend.

Erstellt: 18.07.2019, 12:25 Uhr

Daniele Finzi Pasca (*1964) war früher Clown beim Zirkus Nock, engagierte sich danach in diversen Theaterguppen und kam so zur Regie. Der Tessiner inszenierte den Cirque du Soleil und die Abschlussfeiern der Olympischen Spiele in Turin und Sotschi. Seine Inszenierung der Fête des Vignerons wird in den nächsten vier Wochen 20 Mal aufgeführt. (lsch) (Bild: Keystone )

Das Fest

Die erste Fête des Vignerons in Vevey datiert auf das Jahr 1797. Es findet seither alle 20, 25 Jahre statt. Das Ensemble besteht fast ausschliesslich aus Laien der Region. Dieses Jahr sind 6500 Akteure dabei – 5500 Schauspielerinnen und Schauspieler sowie 1000 Musikerinnen und Musiker. Die Fête des Vignerons beginnt am Donnerstagabend und dauert bis 11. August. Jeden Tag werden 20'000 Gäste in der Stadt erwartet. Die Show vom Donnerstagabend unterscheidet sich von den kommenden Veranstaltungen, weil dabei zusätzlich die einheimischen Rebbauern in einer aufwändigen Medaillenübergabe geehrt werden – es ist der «Tag der Confrérie». (Red)

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