Später wird alles schlechter

Science-Fiction-Serien wie «Black Mirror» boomen. Doch zunehmend sind sie kaum mehr als ein pessimistischer Gegenwartskommentar.

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Die Gegenwart hat zuletzt den Eindruck hinterlassen, auf der Überholspur Richtung Zukunft unterwegs zu sein. Was diejenigen, die Science Fiction erschaffen, in ernsthafte Sinnkrisen stürzt. Die Realität habe sich derart seltsam entwickelt, erzählte jüngst der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson, dass sich seine Kollegen häufiger fragten: «Spielen wir überhaupt noch eine Rolle?»

Charlie Brooker, Erfinder der Dystopie-Reihe «Black Mirror», beschrieb seine Selbstzweifel drastischer. «Du wirst nie mehr etwas schreiben, du wirst nie mehr arbeiten und du bist am Arsch«, sagte er dem Technik-Magazin «Wired». «Du musst weiterrennen, oder du fällst tot um.« Weiterrennen. Auf Serien gemünzt, hat dieses Prinzip meist in die Mittelmässigkeit geführt.

Die vierte Staffel von Brookers Netflix-Show, vor allem die aufwendige Interaktiv-Episode «Bandersnatch«, liess bereits Fragen aufkommen: Was kann uns diese Zukunftsserie noch über die Zukunft erzählen, das über eine Parabel auf unsere Gegenwart hinausgeht? Diesen Anspruch hat «Black Mirror» schliesslich oft erfüllt: In der ersten Folge 2011 sah man den britischen Premierminister ein Schwein begatten - die Welt schaute via Livestream gierig zu. Im angebrochenen Hochtechnologie-Zeitalter, das von Digitaloptimismus geprägt war, war das durchaus avantgardistisch.

Trailer zur fünften Staffel von «Black Mirror».

Dem Zeichentrickbären Waldo wiederum, der zwei Jahre später einzig durch Schmähungen und Provokationen zum Starpolitiker wurde, wiesen Politikbeobachter im Trump- und Brexit-Jahr 2016 gar prophetische Züge zu. In den Jahren danach hat «Black Mirror»» Menschen in die Cloud kopiert, ihre Erinnerungen und Geheimnisse ausgelesen oder mörderische Mikrodrohnen zur Blütenbestäubung anrücken lassen (#Bienensterben).

Das Bienensterben ist real, in China bestäuben Bauern Pflanzen schon lange per Hand. Genau wie sich das Selbstdarstellungs-Panoptikum einer Folge von 2016, in der sich die Menschheit 24/7 per Sternchen-App bewertet, wahlweise im Influencer-Wettbewerb oder dem chinesischen Sozialkredit-System wiederfinden lässt. Die Vollzeit-Überwachung, mit denen die Helikopter-Mutti in «Arkanangel« (2017) ihre Tochter überwacht? Einige Funktionen wie Ortung oder Textnachrichten-Überwachung finden sich längst im App-Store. Nur das Ausblenden von unliebsamem Content in der physischen Welt funktioniert nicht. Noch nicht.

Wenn die Realität die Fiktion einholt, lässt sich das als Erfolg interpretieren. Oder inzwischen eben als Scheitern, weil Science Fiction zu jenem pessimistischen Gegenwartskommentar wird, den es heute an jeder Ecke gibt. Die Internetkultur-Kritikerin Devon Maloney sagte nach der vierten Staffel über den Macher: «Brooker mag ein Händchen dafür haben, das Schlimmste korrekt vorherzusagen. Aber selbst das masochistischste Publikum kann 'Ich hab's euch gesagt' nur in Massen ertragen.» Sie forderte, die Serie dürfe uns nicht nur unsere Albträume zeigen, sondern müsse uns auch beibringen, mit ihnen zu leben.

Das westliche Science-Fiction-Verständnis

Und dann? Der Spiegel, den «Black Mirror» dann vorhielte, wäre nicht mehr tiefschwarz. Brooker selbst versucht, sich solchen Debatten zu entziehen. Seine Serie sei keine verfilmte Technikkritik, sondern erzähle «normalerweise einfach von Menschen mit einer Schwäche, die es am Ende versauen«. Ohne zu viel verraten zu wollen, versauen es in Staffel fünf unter anderem ein Mann, der Midlife-Crisis-bedingt in einem VR-Spiel verlorengeht, und Mädchen, die eine etwas zu enge Verbindungen zu einer Art Alexa-Version von Chucky der Mörderpuppe aufbauen.

Die Hoffnung, das Leben mit Hilfe technischer Optimierung zu stabilisieren und dabei gleichzeitig Schwächen und Geheimnisse verbergen zu können, wurde in der vierten «Black Mirror»-Staffel zumindest nicht mehr am Ende jeder Episode mit ewiger Qual bestraft. Die interessanteste Perspektive auf die fünfte Staffel könnte deshalb nicht im Blick auf die technischen Dystopien liegen, sondern in der Frage, wie viel Humanität ihr Erfinder Brooker zulässt. Die Haltung, den technischen Fortschritt als Pfad in die Düsternis zu betrachten, ist ohnehin nur noch eine von vielen - meistens in der westlichen Kultur anzutreffen. Die französische Serie «Osmosis» ist ein solches Beispiel. Darin werden Menschen per App ihrem Seelenverwandten zugeteilt, mit verheerenden Folgen.

Nicht-westliche Strömungen wie etwa Afrofuturismus oder Solarpunk zeigen optimistischere Versionen unser Zukunft. Und chinesische Science Fiction, im Westen spätestens mit der Verfilmung von «Die wandernde Erde« auf dem Radar, ist ein Genre, das Zukunftshunger ausdrückt. Dass allerdings ausgerechnet in China die gelebte Realität am deutlichsten einer technoiden Dystopie zu gleichen scheint, klingt fast nach einer Plot-Wendung aus Black Mirror.

Black Mirror, Staffel 5, auf Netflix.

Erstellt: 06.06.2019, 17:33 Uhr

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