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«Spiessige Tugenden sind die Basis für Wohlstand»

Der Schweizer Philosoph Alain de Botton hat in der amerikanischen Zeitschrift «Newsweek» gesagt, Zürich sei spiessig. Obwohl er dies positiv meinte, hagelte es Reaktionen. Nun nimmt er Stellung.

Hat nichts gegen Zürich, im Gegenteil: Der Philosoph Alain de Botton.
Hat nichts gegen Zürich, im Gegenteil: Der Philosoph Alain de Botton.
Reuters

Ihre Aussage in der «Newsweek», Zürich sei im positiven Sinne spiessig, hat bei Redaktion Tamedia viele Kommentare ausgelöst. Es schockiert mich, dass jemand glauben könnte, ich würde meine geliebte Heimatstadt attackieren. Im Gegenteil, ich habe einen Liebesbrief an Zürich geschrieben. Vor ein paar Wochen hat mich die «Newsweek» gefragt, ob ich einen Text über meine Stadt schreiben würde, und ich hab dies als Anlass genommen, um die markanten Werte hervorzuheben. Ich habe die Gelassenheit gelobt, die Ordnung, das kommunitaristische Gefühl, das hier herrscht, und die Qualität der alltäglichen Architektur, etwa bei Schulen oder Krankenhäusern.

Sie haben geschrieben, die Leute in Zürich seien glücklich, gewöhnlich zu sein. Einige Leserinnen und Leser fühlten sich angegriffen. Für sie ist normal sein gleich langweilig. Ist Normalität denn spiessig? Der durchschnittliche moderne Zürcher ist alles andere als spiessig. Das materielle und spirituelle Wohlbefinden ist hier ausserordentlich hoch. Das wird jeder Schweizer bestätigen, der in der Welt herumgekommen ist. Das Wort spiessig löst negative Assoziationen aus. Das rührt hauptsächlich noch aus dem 19. Jahrhundert in Frankreich her, wo sich Künstler und Schriftsteller in Sog des Niedergangs Napoleons und der Restauration der Monarchie gegen die kommerzielle Mittelklasse aufgelehnt haben. Dabei sind spiessige Tugenden die Basis für den Wohlstand und Erfolg der modernen Welt. Diese Werte sind verknüpft mit Zuverlässigkeit, Arbeitseinsatz sowie dem Respekt für das Gesetz und die Gemeinschaft. In meinen Augen sind das sehr wichtige Errungenschaften, über die wir spotten oder die wir ignorieren. Es ist deshalb nichts Verwerfliches daran, wenn man spiessige Werte lobt.

Es scheint, dass der Wunsch nach Normalität etwas typisch Schweizerisches ist. Stimmen Sie zu? Die Vorstellung, normal zu sein, ist hier nur deshalb reizvoll, weil die schweizerische Normalität aussergewöhnlich ist. Was die Schweizer als normal empfinden, was in der Schweiz als normaler Zug, normales Spital, als eine normale Schule oder ein normales Haus bezeichnet wird, ist in einem positiven Sinn zutiefst ungewöhnlich im Vergleich zu allen anderen Orten in der Welt.

Schweizer, die im Ausland leben, scheinen diese Schweizer Spiessigkeit zu schätzen, wenn man sich die Kommentare auf Redaktion Tamedia anschaut. Ganz im Gegensatz zu den Leuten, die hier wohnen. Kann man die Spiessigkeit nur dann wirklich schätzen, wenn man gar nicht hier lebt? Was Schweizer schnell realisieren, die in Afrika, Teilen Asiens, Nord- oder Südamerika reisen, sind die sozialen, politischen, architektonischen und wirtschaftlichen Leistungen der Schweiz. Das kann im Alltag schnell vergessen gehen. Denn wenn man an einem Ort lebt, besteht immer die Gefahr, dass man irgendwann aufhört, diese Dinge zu sehen. Die charakteristischen Merkmale treten in den Hintergrund. Hier kommt die Kunst ins Spiel. Grossartige Filme, Bücher, die Musik und so weiter können uns in Erinnerung rufen, was an Dingen, die wir als normal anschauen, komisch, speziell, ja sogar exotisch ist.

Würden Sie denn selber in Zürich leben wollen? Obwohl ich ein grosser Bewunderer Zürichs bin, hält mich eine Sache davon ab, permanent hier zu wohnen: die Sprache. Mein Deutsch ist einfach nicht gut genug. Und da ich ein Schriftsteller bin, ist es das Wichtigste, dass ich die Sprache beherrsche. Ich muss in einer Umgebung leben, in der ich diejenige Sprache hören und lesen kann, in der ich die meiste Zeit schreibe.

Einige Leser fragten in der Kommentarspalte: Wann war Alain de Botton eigentlich das letzte Mal in Zürich? Ich komme etwa einmal im Monat nach Zürich, meist in der zweiten Woche. Ich arbeite mit dem grossartigen Schweizer Architekten Peter Zumthor zusammen, der in England ein Gebäude baut für eine Organisation, die ich unterstütze (www.living-architecture.co.uk). Das Gebäude in Devon wird den Briten zum ersten Mal die grossartige Schweizer Architektur und unsere Gebäudestandards näherbringen. Dieses Projekt ist für uns alle eine grosse Befriedigung und erfüllt uns mit patriotischem Stolz.

Ein Leser hat geschrieben, der Ort sei nie entscheidend, immer der Mensch selbst. Stimmen Sie zu? Auf jeden Fall. Ob man in einer Stadt eine gute Zeit hat, sollte nicht davon abhängen, wie aufregend eine Stadt ist. Wie unsere Mütter uns früher während der langen Sommerferien sagen mussten, wenn wir uns darüber beschwert haben, dass es nichts zu tun gibt: Nur langweiligen Leuten wird es langweilig.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

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