Superhelden für die Ohren

Der Comicverlag Marvel produziert Hörspiele und folgt so einer aktuellen Logik: Wer auf digitalen Plattformen nicht präsent ist, existiert praktisch nicht.

Den Marvel-Helden Thor (Chris Hemsworth) gibts jetzt auch zum Hören. Foto: imago/Prod.DB

Den Marvel-Helden Thor (Chris Hemsworth) gibts jetzt auch zum Hören. Foto: imago/Prod.DB

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Avengers und kein Ende! Zumindest im Kino scheint nach «Avengers: Endgame» und dem gefühlt 103. «Spider-Man»-Film zwar etwas Ruhe um den Superheldenzirkus einzukehren, den die Marvel-Studios vor inzwischen mehr als zehn Jahren auf die Welt losgelassen haben. Das so einfache wie revolutionäre Konzept der locker miteinander verbundenen Superhelden-Filmreihen hat die «Avengers» zu einem der erfolgreichsten Film-Franchises überhaupt gemacht. Dieses Netzwerkprinzip hat Marvel dann aber ebenso erfolgreich auf andere Medien und Geschäftsfelder ausgeweitet, so gibt es die passenden Computerspiele und Lego-Bausätze zu jedem Film und inzwischen ein gutes Dutzend Fernsehserien, die natürlich alle wieder zur grossen Hauptreihe der Kinofilme zurückführen. Ein weiteres halbes Dutzend befindet sich bereits in den Startlöchern, ebenso wie die nächsten fünf Kinofilme.

Etwas unerwartet erscheinen in diesem Medienimperium die «Avengers»-Hörspiele, die jetzt auch bei Spotify verfügbar sind. Comicverfilmungen als Hörspiele weiterzuverarbeiten, klingt etwas nach Themenverfehlung. Schliesslich geht es bei den meisten Superheldengeschichten um die schrägen, knallbunten Figuren und den Aufruhr, den sie veranstalten. Was bleibt da von der Geschichte, wenn man die ikonischen Figuren nicht sieht, keine spektakulären Effekte und auch keine der virtuos choreografierten Actionszenen? Überraschend viel.

Die Eigenheiten der Charaktere werden in der Hörfassung deutlicher

Die Hörspiele sind eine Mischung aus dem Filmton der deutschen Synchronfassung und einem markigen Erzähler, der den Handlungsverlauf wiedergibt und zu den Figuren oft noch einiges an Hintergrundwissen über ihre Geschichten und ihre Verhältnisse zueinander parat hat, was in den rasanten Filmen manchmal etwas untergeht. Selbst für richtig harte Fans lohnt es sich, mal reinzuhören, auch wenn man die Filme schon in- und auswendig kennt. Die Motivationen und Eigenheiten mancher Charaktere werden in der Hörfassung deutlicher als in den Filmen. Und für jüngere Kinder sind die Hörspiele natürlich besser geeignet als die zwar grundsätzlich kinderfreundlichen, manchmal aber doch arg krawalligen Filme.

Für die Marvel-Studios sind die Hörspiele so ein kleiner, aber wichtiger Stein in der Architektur ihres Medienimperiums. Jüngere Zuhörer werden damit an die Marke herangeführt, und seit die Marvel-Filme, wie auch «Star Wars», zum Disney-Konzern gehören, scheint es, also sollten die Franchises langfristig näher zusammenrücken. Nicht inhaltlich, aber was den Vertrieb angeht. So soll noch in diesem Jahr der Streamingdienst von Disney starten, bei dem es dann Inhalte von Disney, «Star Wars» und Marvel nur je einen Klick voneinander entfernt abzurufen gibt. Ob es da dann auch Hörspielfassungen der Filme geben wird, ist noch nicht bekannt.

Mit Hörspielen betreiben Marvel und Disney vor allem Marketing

Möglich wäre es. Möglich ist aber auch, dass Marvel und Disney mit solchen Hörversionen ihrer Filme vor allem Marketing betreiben. Denn mit Hörspielen zeigen sie Präsenz auf diesen wichtigen, neuen, digitalen Streamingdiensten, wo es sonst bisher nur die Soundtracks der Filme abzurufen gab. Denn die Zielgruppe, die für Marvel natürlich letztlich interessanter ist als Kinder, sind junge Erwachsene mit einem Einkommen.

Diese Zielgruppe erreicht man am besten über Streamingdienste wie Spotify oder Netflix und über soziale Medien wie Instagram. Um als Marke erfolgreich zu sein, reicht es heute nicht, seine Produkte auf herkömmlichen Wegen zu vertreiben. Wer nicht bei den digitalen Plattformen möglichst viel Präsenz zeigt, der existiert praktisch nicht. Das scheint selbst für eine so extrem erfolgreiche Marke wie die «Avengers» zu gelten.

Marvels «Avengers», bei Spotify


Alles über Stan Lee

2011 erhielt Stan Lee einen Hollywood Star of Fame. Foto: Taschen-Verlag

Wenige Tage vor seinem Tod im November 2018 bekam Stan Lee, der Übervater der Marvel-Superhelden, die Erstausgabe seiner Biografie noch zu Gesicht. Die Comic-Legende war dem Vernehmen nach begeistert. Wie auch nicht? Der Autor Roy Thomas war schliesslich sein Nachfolger als zuständiger Redaktor bei Marvel Comics, und was dieser in «The Stan Lee Story» berichtet, ist mit Bedacht, Empathie und viel Verständnis für ein damals ebenso hartes wie unwägbares Business geschrieben: Autoren, Zeichner, Leservorlieben – sie kamen und gingen wie Ebbe und Flut.

Lee, 1922 als Sohn rumänischstämmiger Juden in New York als Stanley Martin Lieber geboren, begann als Teenager bei jenem Comicverlag, der damals noch Timely Publications hiess. Allerdings sah der Autor keine Zukunft in seiner Branche und wollte die Comicwelt verlassen («weil ich das Zeug, das wir veröffentlichten, nicht mochte»), um seinen grossen amerikanischen Roman zu schreiben. Doch es kam anders. Nicht zuletzt dank Lees Frau Joan, die ihm bezüglich Comics riet: «Wieso schreibst du es nicht so, wie du willst? Du willst ja sowieso kündigen. Wen kümmert es also, wenn der Verleger dich feuert?»

Cameo-Auftritt von Stan Lee und seiner Frau Joan im Comic «Daredevil». Foto: Taschen-Verlag

In der Folge entstanden Comics über die «Fantastic Four», «Hulk», «Thor» und «X-Men», die Lee zusammen mit Zeichner Jack Kirby schuf. Die wichtigste Figur entwarf Lee allerdings mit Steve Ditko – einen jugendlichen Aussenseiter, der nach einem Spinnenbiss elastische Fähigkeiten entwickelt: Spider-Man. Der Verleger, der bloss genügend Action verlangte, war entsetzt («Die Leute hassen Spinnen! Teenager können höchstens Sidekicks sein!»). Aber nur bis zu jenem Moment, als er erkannte, dass Marvel mit diesen Geschichten tatsächlich Erfolg hatte. Die effektiven Verkaufszahlen erfuhr man damals zwar erst Monate später, aber die Flut an Fanpost von Kindern und Jugendlichen war ein klares Indiz, dass man mit diesen Comics den Zeitgeist getroffen hatte.

Später Erfolg: Stan Lee war 80 Jahre alt, als «Spider-Man» im Kino erstmals richtig durchstartete. Foto: Taschen-Verlag

Roy Thomas erzählt diese Geschichten und Vorgeschichten in launiger Art, mit zahlreichen Anekdoten und einer erschlagenden Fülle an Bildmaterial. Allein die zusammengetragenen Zeichnungen, Plakate, Coverabbildungen und Geschichten aus der Frühzeit sind ein Staunen wert.

Und wie war das damals mit der sogenannten Marvel-Methode? Gemeint ist jene serielle Herstellung von Comics, die Stan Lee erfand und wonach strittig ist, wie viel künstlerischen Anteil Lee, Kirby oder Ditko an den jeweiligen Geschichten tatsächlich hatten. Biograf Roy Thomas bleibt da diplomatisch und lässt verschiedene Sichtweisen zu.

Was bleibt, ist pures Lesevergnügen, wenn man sich durch diesen 7,5 Kilogramm schweren Wälzer samt deutschsprachigem Beiheft blättert. Wobei Stan Lee der vielleicht treffendste Satz gelingt, wenn er im Vorwort schreibt: «Glückwunsch, mein Freund! Wenn Sie dieses Buch hochheben konnten, dann gehören Sie wirklich zu unserer wundersamen Welt der Marvel-Superhelden.» (zas)

Roy Thomas: The Stan Lee Story. Taschen-Verlag, Köln 2019. 624 S., ca. 204 Fr.

Erstellt: 20.08.2019, 12:18 Uhr

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