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Tausendjährige Kultur in Trümmern

Der IS verwüstete das Museum im irakischen Mosul und die antiken Stätten im Umland. Nach der Befreiung der Stadt wird das Ausmass der Zerstörung sichtbar.

Über allem liegt eine zentimeterdicke Schicht von Asche: Das Mosul-Museum nach dem Abzug der Jihadisten. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)
Über allem liegt eine zentimeterdicke Schicht von Asche: Das Mosul-Museum nach dem Abzug der Jihadisten. Foto: Thaier Al-Sudani (Reuters)

Der Weg ins Mosul-Museum führt nicht durch den Haupteingang vorbei an den Säulen-Kolonnaden. Denn noch immer haben Scharfschützen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Strasse im ­Visier; nur wenige Hundert Meter entfernt wird gekämpft. Also klettert man durch ein Loch, das auf Bauchhöhe in der Rückwand des Gebäudes klafft. Innen liegen graue Steinfragmente im Schutt, offenkundig aus grösseren Platten herausgebrochen. Eines zeigt Federn und Teile einer Schwinge – ein ­typisches Element der geflügelten assyrischen Schutzgötter, Lamassu genannt, die Menschenköpfe auf Stierkörpern tragen. Auf dem anderen sind Keilschriften zu erkennen. Und auf beiden Schrammen, wie Pressluftmeissel oder Vorschlaghämmer sie auf hartem Material hinterlassen.

Mit solchen Werkzeugen hatten die ­Jihadisten die Statuen und Reliefs in dem Museum bearbeitet, und die Welt erfuhr von dem Verbrechen, als der IS am 26. Februar 2015 im Internet ein Video aus Mossul veröffentlichte. Wenig später folgte eines aus der Ruinenstadt Nimrud, 30 Kilometer von Mossul entfernt. Die Zeugnisse der Antike, die ­geflügelten Schutzgötter, die Statuen galten den Terroristen als Götzenbilder, so behaupteten sie, deshalb müssten sie zerstört werden. Dass sie zugleich mit gestohlenen Antiquitäten Handel trieben, war für den IS kein Widerspruch.

Zerstört – oder zu Geld gemacht

Die Zerstörung des Museums in Mossul war der Auftakt zu einem jihadistischen Bildersturm, für den es kein Vorbild gibt. Qais Hussein Raschid, Iraks ­Vize­minister für Kultur, gab jüngst auf einer Unesco-Konferenz in Paris an, ­allein in der Region Mossul habe der IS 66 archäologische Stätten zerstört.

Was die Jihadisten nicht vor laufender Kamera zertrümmerten, wollten sie zu Geld machen. Sie sollen versucht haben, Hunderte Artefakte ausser Landes zu schmuggeln. Manche stammten aus vorchristlicher Zeit, andere aus der Ära des Osmanischen Reichs. Etwa 1700 von 2400 wertvolleren Stücken waren bereits früher ins Nationalmuseum nach Bagdad gebracht worden und sind den Plünderungen so entgangen. Als die Stadt im Sommer 2014 an den IS fiel, hatte das Museum in Mossul kurz vor der Wiedereröffnung gestanden. Es war gerade renoviert worden. Dann brach der Terror ein.

Knapp drei Jahre später am 7. März wurde das Museum von irakischen Truppen befreit, aber eine wissenschaftliche Inventur hat es noch nicht gegeben. Während die Jihadisten die Haupthalle des Museums offenbar nicht nutzten, schätzten sie allem Anschein nach den Verwaltungstrakt für administrative ­Tätigkeiten. Am Boden liegen Briefumschläge der Abteilung für Almosen. Offenbar war dies eine Art Finanzamt des IS. Hier entrichteten die Menschen den «Sakat», die im Koran vorgeschriebene Abgabe auf Einkommen und Vermögen – oder vielmehr das, was der ­Islamische Staat von ihnen verlangte. Als die irakische Armee vorrückte, steckten die Jihadisten das Gebäude in Brand. Der Boden ist zentimeterdick von Asche bedeckt, die Wände und die Decken sind schwarz verkohlt. In einer Ecke stehen Metallgestelle, Überreste von mehr als 30 Computern, daneben verschmorte Überbleibsel von Kopierern und Laserdruckern. Der IS hat sie wohl mit Benzin übergossen, als die ­irakischen Soldaten näherkamen.

Durch die Nähe zu den Kulturschätzen war das Gebäude sicher vor Luft­angriffen der US-geführten Militär­koalition, deshalb druckte der IS hier sein wöchentliches Propagandablatt «al-Naba». Es berichtete von den Siegen des Kalifats, während der Spielraum der Terroristen zusehends kleiner wurde. In einem Keller finden sich stapelweise Ausgaben, 32 Seiten im A3-Format, schwarzweiss, mit dem Layout einer Schülerzeitung. Der IS habe den Kampf nach Bagdad getragen, so eine Titel­geschichte, eine Anspielung auf einen Selbstmordanschlag auf ein Einkaufszentrum im Stadtteil Karrada, bei dem am 3. Juli 2016 mehr als 340 Iraker starben. Überall liegen Dokumente aus der Museumsverwaltung, Fotos von früheren Festen und von Vorträgen über die Bedeutung der vorislamischen Geschichte für die Stadt Mossul.

Viele Bewohner der Stadt verstehen sich, unabhängig von ihrer Religion, auch als Nachfahren der Assyrer und der alten Hochkulturen, sie sind stolz da­rauf, dass sich die antiken Zeugnisse in den Grenzen der heutigen Stadt befinden – und in deren Umland. Dabei reicht die Zerstörung bis zum Horizont, bis zur antiken Ruinenstadt Nimrud, 30 Kilometer Luftlinie vom Museum entfernt. Ein Schild, unbeachtet an der Strasse neben einem Checkpoint, weist noch darauf hin, dass über den grünen Hängen des Hügels, der Zitadelle, einst die Hauptstadt des Assyrer-Reichs stand, gegründet im 13. Jahrhundert vor Christus.

Mit Elektromeisseln zerlegt

Wo einst eine der wenigen erhaltenen und wohl bestausgestatteten archäolo­gischen Stätten des Irak mit weitläufigen ­Palästen früheren Glanz erahnen liess, sind heute nur ein paar Mauergrundrisse übrig, aufgefüllt mit Schutt. Manche lassen noch die Kettenspuren von Bulldozern erkennen, obwohl der Frühjahrsregen seit Wochen die rote Erde auswäscht. Auch hier haben die Jiha­disten Reliefs mit Elektromeisseln und Baumaschinen zerstört, haben mit Winkelschleifern Metallklammern zerschnitten, die Platten an den Wänden hielten. Nur ein Relief, von tiefen Rissen durchzogen und mit zahlreichen Spuren von Hammerschlägen, hängt noch immer am Eingang zum Nordwest-Palast des Königs Assurnasirpal II. Die Überreste zweier Lamassu-Statuen liegen unter einer Plastikplane, die sie vor der Witterung des Frühjahrs schützen soll.

Ein paar Soldaten in Badelatschen ­bewachen das Gelände. Noch mehr Planen, verteilt über das Ruinenfeld, lassen erkennen, wo weitere Überreste von ­Figuren liegen. Vielleicht lassen sie sich noch retten. Die Jihadisten hatten um die Gebäude Tonnen von Sprengstoff angebracht. Als sie alles in die Luft jagten, flogen die Trümmer Hunderte Meter weit. Heute stecken Teile von Statuen weit von ihrem ursprünglichen Platz in der Erde. Vielleicht sollte die Sprengung aber auch nur verschleiern, welche ­Artefakte die Jihadisten fortschafften, um sie zu Geld zu machen. Denn die ­Jih­­adisten waren eifrige Tunnelgräber, um auch unter der Erde nach Verwertbarem zu suchen.

Ein erstaunlicher Fund

Im befreiten Osten von Mossul, in Ninive, einst eine der strahlendsten Städte der Assyrer, Ort der Gelehrsamkeit, biblische Stätte des Propheten Jona, bietet sich ein ähnlich bedrückendes Bild. Das Adad-Tor und grössere Teile der Um­fassungsmauer sind vermutlich mit Baumaschinen zerstört worden, übrig sind Haufen von Schutt. Auch das Nergal-Tor im Norden steht nicht mehr; seine beiden monumentalen Lamassu-Figuren wurden mit Elektromeisseln zerlegt.

Die Gegend ist weiterhin unsicher, fast täglich schlagen Granaten und Raketen ein, die Militante über den Tigris feuern, um die Menschen in diesem Teil der Stadt zu terrorisieren. Nabi Junis heisst das angrenzende Viertel nach der Prophet-Jona-Moschee. Auch diese haben die Jihadisten gesprengt wie so viele andere Schreine im Irak, denn Heiligen­verehrung gilt ihnen als Götzendienst, als Heidentum. Auch hier bewachen ­Soldaten den Eingang, und eine Zutritts­genehmigung lässt sich auch bei vier ­v­­erschiedenen und jeweils ranghöheren Kommandanten der Armee nicht bekommen. In den Hügeln, so erzählt einer der Bewaffneten, haben die Jihadisten ebenfalls systematisch Tunnel ­gegraben. Einige seien befestigt, einige drohten einzustürzen. Und doch brachten sie Erstaunliches zutage: Der Soldat zeigt Fotos auf seinem Handy, ein Relief geflügelter Stiere, Türwächter eines ­antiken Palastes.

Darunter eine Inschrift, auf der Wissenschaftler den mutmasslichen Erbauer identifizieren konnten: Asarhaddon, einen assyrischen Grosskönig, der von 680 bis 669 vor Christus regierte. Es wäre eine traurige Ironie der Geschichte, wenn Archäologen künftig ausgerechnet an der Stätte einer Raubgrabung des IS bedeutende Funde machen würden.

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