In den US-Geschossen tickten Schweizer Zünder

Davon wussten selbst Experten nichts: Die hiesige Uhrenindustrie belieferte während des Vietnamkriegs die US-Armee und verdiente damit Millionen.

Vietnam im Jahr 1968: Eine amerikanische Artillerie-Abteilung lädt eine Howitzer-Kanone. Foto: Interfoto

Vietnam im Jahr 1968: Eine amerikanische Artillerie-Abteilung lädt eine Howitzer-Kanone. Foto: Interfoto

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So eine Uhr ist ja was Urschweizerisches. Praktisch, gut, friedlich. Doch eignen sich bestimmte Teile einer solchen Uhr auch für schlimme Zwecke. Zum Beispiel als Zeitzünder für eine Bombe.

Wenn das Geschoss nicht erst beim Aufprallen explodieren soll, sondern kurz davor, sodass Splitter auf den Feind regnen und der Tod und das Verderben maximiert werden. Im Vietnamkrieg knallten die US-Truppen mit ihren Howitzer-Kanonen in die Felder und den Dschungel Vietnams, und die Schweiz liess es ticken.

Was bisher kaum jemand wusste: Schweizer Firmen verkauften während des Vietnamkriegs Hunderttausende Uhrenteile – Fachbegriff Pinions and Gears – an die Amerikaner, welche die Teilchen dann als Zünder für ihre Artillerie und Flugabwehr benutzten. Die Schweizer Uhrenindustrie nahm mit solchen Exporten in die USA zwischen 1965 und 1973 gut 120 Millionen Franken ein. Im Vietnamkrieg starben vorsichtigen Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Zivilisten und Soldaten.

Uhrenteilchen – manchmal harmlos, manchmal verheerend. Foto: Keystone

Mit der Schweizer Beteiligung an diesem Krieg beschäftigte sich der junge Historiker Christian Schaniel. Seine Studie wird am Montag auf Dodis.ch veröffentlicht, der Website für diplomatische Dokumente der Schweiz. Eine Umfrage dieser Zeitung unter Vietnamkriegsforschern im angelsächsischen und deutschsprachigen Raum zeigt, dass der Schweizer Zünderexport bisher unbekannt war. Dabei knüpft Schaniel an die Arbeit des Berner Historikers David Gaffino an, der auf wenig Resonanz stiess.

Die Geschichte beginnt harmlos, ja erfreulich: Schweizer Uhrenhersteller boomen nach 1945, exportieren fleissig. Sie konkurrenzieren so Unternehmen anderer Länder, auch jene der USA. Die amerikanische Uhrenindustrie beginnt deshalb in Washington zu lobbyieren: Die Politik soll die erfolgreichen Schweizer mit höheren Zöllen zurückdrängen. Ein wichtiges Argument ist dabei die «Defense Essentiality» – die Möglichkeit, die amerikanische Kriegsmaschine im Ernstfall mit den nötigen Rädchen und Teilchen versorgen zu können. Die USA führen die Zölle 1954 tatsächlich ein, heben sie dann aber 1967, in der Hochphase des Vietnamkriegs, wieder auf.

Die vietnamesische Zivilbevölkerung litt stark unter dem Krieg. Foto: Keystone

Die Schweizer hatten versichert, der US Army auch im Kriegsfall genügend Zünder liefern zu können. Und das tun sie auch: Im Frühling 1966 stellt das Aussendepartement in einem Telegramm an die Schweizer Botschaft in Washington fest, die Zulieferer der US-Streitkräfte würden die Pinions and Gears «vornehmlich» aus der Schweiz beziehen. Die amerikanische Industrie produzierte zu wenig und zu teuer.

1967 erlaubt die Eidgenössische Militärverwaltung der Firma Dixi S.A. aus Le Locle, den Amerikanern eine Million Zünderbestandteile für Artillerieraketen zu liefern, und die Solothurner Sauser AG darf im selben Jahr eine Viertelmillion Stahlkörper für Uhrwerkzünder in die Vereinigten Staaten verkaufen. Die Sauser AG weiss dabei nur zu gut, was die Zünder anrichten werden: Die Firma schreibt in einem Brief an die Behörde, dass «bestimmt mit einer Teilverwendung in Vietnam zu rechnen» sei. Bundesbern, das offensichtliche Kriegsexporte wie den Verkauf von Bührle-Kanonen an Südvietnam verboten hat, hadert erst – und gibt den Export dann frei.

CBS-Bericht über einen Artillerie-Einsatz in Vietnam. Video: Youtube/CBS

In Vietnam, wo Panzer wenig nützen und die grossen Feldschlachten ausbleiben, gehört die Artillerie zu den wichtigsten Waffen der Amerikaner. Doch erweist sie sich fatalerweise allzu oft als zu behäbig.

«Es war ein Krieg ohne klare Frontlinien», sagt Gregory Daddis, Professor der Chapman University und früherer Geschichtslehrer der Militärakademie West Point. Weil der Vietcong in kleinen, beweglichen Formationen agierte, sich unter die Bevölkerung mischte und die Kommunikation zwischen Südvietnamesen und Amerikanern notorisch unzuverlässig gewesen sei, habe die amerikanische Artillerie ungewollt viele Zivilisten getötet.

Edward Ridgley, Offizier der 9. Infanteriedivision, fordert Artillerieunterstützung an (4. April 1968). Foto: Picture Alliance/AKG-Images

John Prados, eine weitere Koryphäe der Vietnamforschung, verweist auf die US-Taktik «Harassment and Interdiction» – «Schikanieren und Verbieten»: Artilleriekommandanten bekamen die Feuerfreigabe und durften ein Gebiet bomben, wann und so oft sie wollten, ohne dafür höhere Offiziere um Erlaubnis fragen zu müssen. Selbst wenn dadurch Kinder, Frauen und Greise vor dem Beschuss flüchten mussten.

Je stärker der Vietnamkrieg eskaliert, desto besser läuft das Schweizer Zündergeschäft. 1965 verkauft die hiesige Uhrenindustrie für knapp 6 Millionen Franken Pinions and Gears an die USA, 1966 verdoppelt sich die Zahl, 1967 sind es knapp 20 Millionen. Im Jahr 1968 erreichen die Exporte ihren Höhepunkt: Die Schweizer Firmen exportieren für 27 Millionen Franken Teilchen an die Amerikaner. 1968 ist das Jahr der Tet-Offensive und des My-Lai-Massakers und auch jenes Jahr, in dem in Vietnam die meisten GIs sterben.

Die Handelsabteilung ordnete die heiklen Uhrenteilchen der Zollposition «Decolletageartikel aus Eisen und Stahl» zu.

Danach geht die Zahl der Exporte allmählich zurück. Präsident Richard Nixon zieht Kampftruppen ab, zudem erlässt das US-Verteidigungsministerium 1971 eine Weisung, der Bedarf an Uhrenteilchen sei nunmehr durch einheimische Produktion zu decken. Aus Sicht der Kriegsmaterialausfuhr sei das «keine schlechte Nachricht», schreibt im selben Jahr ein Beamter des Volkswirtschaftsdepartements, offenkundig erleichtert.

Seine Erleichterung dürfte umso grösser gewesen sein, weil die Zünderexporte beinahe an die Öffentlichkeit gekommen wären. 1969 war der «Tages-Anzeiger» an der Geschichte dran, ein Student belieferte die Zeitung mit Informationen über die Zünderexporte einer Basler Uhrenfabrik. Im Bundeshaus war die Aufregung da bereits gross: Der Tagi-Reporter Sepp Moser, heute ein bekannter Aviatikexperte, hatte aufgedeckt, dass im Vietnamkrieg Pilatus-Flugzeuge zum Einsatz kamen, und 1968 war aufgeflogen, dass Oerlikon-Bührle die Verwaltung mit gefälschten Dokumenten genarrt und Kanonen in Kriegsländer exportiert hatte.

Beim «Tages-Anzeiger» recherchierte Peter Studer zur Zündergeschichte. Der junge Redaktor und spätere Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» sowie des Schweizer Fernsehens beschäftigte sich schon länger mit dem Vietnamkrieg. «Wer die Amerikaner damals hinterfragte, konnte schon Probleme bekommen», erinnert sich Studer heute. Eine konservative Turnergruppe drohte ihm mit einer Abreibung, ein FDP-Nationalrat empfahl ganz klassisch die Reise nach Moskau.

Peter Studer, 1989 nach seiner Wahl zum Chefredaktor des Schweizer Fernsehens. Foto: Keystone

Der Chefbeamte Raymond Probst besuchte Studer und dessen Chefredaktor im August 1969 – und redete ihnen in einem dreistündigen Gespräch die Geschichte mit den Zündern aus. Der Gesandte rapportierte danach an Bundesrat Hans Schaffner: Auch Studer habe einsehen müssen, «dass seine idealistischen und stark vereinfachten Auffassungen vor der vielfältigen Realität nicht immer standhalten». Einige Wochen später gelang es dem Beamten Probst, einen Genfer Journalisten ebenfalls davon abzuhalten, über die Exporte zu schreiben. Der grosse Skandal, zu dem diese Affäre allen Anlass gegeben hätte, blieb aus.

Am Fall der Vietnam-Zünder zeigt sich ein bis heute chronisches Dilemma der Schweiz: Eine leistungsfähige, hoch spezialisierte Industrie fertigt Produkte, die zwar nicht in erster Linie für militärische Zwecke hergestellt werden, die aber eben auch bestens dafür eingesetzt werden können. «Dual Use» heisst das Fachwort. Auf der anderen Seite steht eine Verwaltung, deren moralischer Kompass flackert, deren juristische Orientierung zwischen ungenauen Paragraphen verlorengeht und in deren Nacken Unternehmer sitzen, die auf die volkswirtschaftliche Bedeutung ihrer Exporte und die Arbeitsplätze verweisen. Und unter der Bundeshauskuppel neutralisieren sich Linke und Rechte. So gilt für die Schweiz nach wie vor: Dual Use? Dual Opinion.

Christian Schaniel: «Explosive» Exporte in die USA. Schweizer Zahnräder und Getriebe als Zünderbestandteile im Vietnamkrieg 1965–1973. Website: Dodis.ch

Erstellt: 08.07.2019, 09:08 Uhr

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