Trump und die Nazikeule

Gibt es historisch sinnvolle Nazivergleiche – oder handelt es sich stets um rhetorische Geschmacklosigkeiten?

Der Nazi-Vergleich liegt nahe, aber ist er auch gerechtfertigt? Trump-Unterstützer an einer Wahlveranstaltung in Florida.

Der Nazi-Vergleich liegt nahe, aber ist er auch gerechtfertigt? Trump-Unterstützer an einer Wahlveranstaltung in Florida.

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Der Nazivergleich ist das Totschlagargument schlechthin. Kein Wunder, wird er am Stammtisch genauso gerne eingesetzt wie in der Politik, links ebenso wie rechts. Die Befürworter der Durchsetzungsinitiative wurden damit mundtot gemacht – gleichzeitig befand Christoph Blocher damals, dass der Kampf gegen die SVP vonseiten der Staatsmedien und vom «Blick» bis zur «NZZ» ihn in ihrer Radikalität an die Methoden der Nationalsozialisten den Juden gegenüber erinnert. Der Nazivergleich als meist unsinnige historische Parallele ist dabei geschichtsresistent; er hat den Kalten Krieg genauso überwunden wie 9/11 und die Ära der politischen Correctness.

Sei es in der Sarrazin-Debatte oder bei Couchepins «Versprecher» («Mengele-Mörgele»): Die Nazikeule packt meistens der aus, dem die Argumente ausgegangen sind. Oder nicht? Seit Trumps Inauguration zum US-Präsidenten hört man Nazivergleiche von ungewohnter Seite. Mit Blick auf Trump rief Papst Franziskus die Welt in einem Interview der spanischen Zeitung «El País» kürzlich zur Besonnenheit auf. In Krisenzeiten suchten die Völker oft nach «Rettern», die sie «mit Mauern und Stacheldraht vor anderen Völkern» beschützen, «die uns unsere Identität nehmen könnten». Das Jahr 1933 in Deutschland sei «typisch». Deutschland habe sich in einer Krise befunden und seine Identität gesucht. «Da kam dieser charismatische Anführer und versprach, ihnen eine Identität zu geben. Aber er gab ihnen eine verquere Identität, und wir wissen, was dann passiert ist.» Hitler habe nicht die Macht an sich gerissen. Er sei von seinem Volk gewählt worden und danach habe er es zerstört, sagte der Papst.

Auch die «Zeit», alles andere als ein Boulevardblatt, weist auf die Parallelen zwischen Trumps Regierungsantritt und jenem von Hitler hin – wenn auch ohne den neuen US-Präsidenten explizit zu erwähnen. «Das Amt wird ihn vernünftig machen, sein Kabinett ihn zähmen. Eine Diktatur? Undenkbar. Wie Journalisten, Politiker, Schriftsteller und Diplomaten Hitlers Ernennung zum Reichskanzler kommentierten», lautet die Einleitung zum Artikel, der mit folgendem Abschnitt endet: «Nur fünf Monate brauchte Hitler, um seine Macht zu etablieren. Bis Sommer 1933 waren Grundrechte und Verfassung ausser Kraft gesetzt, die Länder gleichgeschaltet, die Gewerkschaften zerschlagen, die Parteien verboten oder aufgelöst, Presse und Rundfunk auf Linie gebracht.»

Und im heutigen Morgen-Briefing des «Spiegel» heisst es: «Auch wenn Donald Trump kein Faschist ist – die USA sind auf dem Weg in eine neue Form des autoritären Staats, in dem nicht mehr Kompromiss, Ausgleich und Integration die Prämissen der Politik sind, sondern Ausgrenzung, Unterwerfung und das Recht des Stärkeren. Wir Deutschen fühlen uns – ob wir es wollen oder nicht – an die Vorgeschichte des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte erinnert.»

Dass man die Person Trump nicht mit Hitler vergleichen kann und darf, ist unbestritten. Gibt es überhaupt sinnvolle Nazivergleiche – oder handelt es sich dabei stets um rhetorische Geschmacklosigkeiten? Führt die Nazikeule zu Denkblockaden und ist sie auch für den Absender letztlich stets kontraproduktiv? Unten können Sie mitdiskutieren.

Erstellt: 01.02.2017, 12:31 Uhr

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