Und die Welt ist ein Kügeli

Minigolf ist der wahre Schweizer Volkssport.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ob es ins Loch kullert? Klar kullert es ins Loch. Das Kügeli kurz angetippt, und es versinkt – und schon ist das kleine Erfolgserlebnis da, das vom Erfinder architektonisch und spielpsychologisch so klug und sorgfältig vorbereitet worden ist.

Die Betonbahnen sind mit freundlicher Farbe bestrichen und werden angenehm verschattet von alten Eichen und neuen Palmen, zwischen den Bahnen stehen Töpfe mit Blumen: Die Minigolfanlage in Ascona ist ein Ort von extremer Behaglichkeit. Rentner, Enkel und Ausflügler verschieben sich von Piste 1 bis Piste 18 – erst ungelenk abschlagend, schliesslich glücklich puttend. Ein paar Meter entfernt wellt sanft der Lago Maggiore.

Ebenfalls an einem See, allerdings am anderen Ende des Landes, beginnt bald der bombastische Schweizer Folklore-Event: das Eidgenössische Schwingfest in Estavayer. Fragt sich jedoch, was uns das Schwingen noch zu sagen hat; dieses Murksen und Bodigen, das vor einigen Hundert Jahren von hitzigen Sennen begonnen und im 19. Jahrhundert von radikalen Patrioten zum allgemeinen Volksbrauch überhöht wurde – das also schon damals zurückverwies auf ferne, robuste Väter? Ist es mehr als ein Relikt aus jener dunklen Zeit, als die Schweizer nichts Schlaueres zu exportieren wussten als Totschläger und Halsabschneider? Kaum.

Als ginge es um Morgarten

Der wahre Volkssport der modernen Schweiz entstand nicht im Mittelalter auf Innerschweizer Alpen, sondern 1954 in Ascona. Die Anlage an der Via Circonvallazione gilt als erste, die nach den Vorgaben des Genfer Erfinders Paul Bongni gebaut worden ist. Wobei auch das Minigolf seine historischen Dunkelstellen hat: Im benachbarten Locarno wurde im gleichen Jahr eine zweite Bongni-Bahn gebaut.

Deshalb streiten sich die Locarner und Asconer bis heute darum, wer den Ursprungsort des Minigolfs beanspruchen darf. «La guerra del golf» titelte Anfang der 90er die Lokalpresse. Der Tessiner Minigolf-Disput ist zwar humorvoller, aber im Grunde verwandt mit dem Streit der Schwyzer und Zuger über die Frage, auf welchem Kantonsgebiet die heldenhafte Schlacht von Morgarten nun tatsächlich stattgefunden habe. Die Asconer haben mittlerweile die Deutungshoheit, die Tessiner Tourismusbehörde preist ihren «parco molto curato» ganz offiziell als «il primo del mondo».

Jedenfalls hatte der Gartenarchitekt Bongni schon 1950 – angeregt vom amerikanischen «Miniature Golf», einer Jahrmarktkinderei der 1920er – seine strenge Parcours-Idee als «Minigolf» patentieren lassen. Seither wurden in der Schweiz fast 300 weitere identische oder ähnliche Anlagen gebaut, und auch im nahen Ausland war und ist der Sport populär. Vereinzelt werden noch neue Bongni-Bahnen gebaut, so etwa jüngst in Waldshut. Für sehr viele Familien steht die Partie Minigolf auch heuer auf dem Sommerferienprogramm, allein auf Bongnis Pionieranlage werden jährlich gut 15’000 Runden gespielt.

Nur eine halbe Gehstunde von der Anlage entfernt liegt der Monte Verità. Ein paar Jahrzehnte vor Bongni wurde dort oben Verrücktes erdacht: Die Weltrevolution etwa oder der Ausdruckstanz. Ideen, die man in der Tessiner Abkapselung entwickelte und mit denen man später die wirkliche Welt umstürzen wollte. Bongni tat das Gegenteil: Er wurde berühmt mit einer sehr harmlosen Erfindung, und diese entsprach dem fast surreal harmlosen Ascona auf ideale Weise.

Seit 1848 lebt der Ort mit der Schweiz in einer seligen Blase: Das Land kam zu Wohlstand, passierte unbeschadet zwei Weltkriege, profitierte vom Ausbleiben natürlicher Desaster («Schweizer Katastrophenlücke» nennen Historiker das Phänomen). Nicht nur Krieg und Entbehrung, sondern auch glückliches Verschontwerden kann eine Mentalität prägen.

Der Spieler verzwergt

Undenkbar geworden ist das Unheil, selbstverständlich das Idyll. Bongnis Bahnen sind ein spielerisches Abbild dieser Heile-Welt-Vorstellung: Als Orte der verzwergten Naivität und ultimativen Harmlosigkeit, als gebaute Diminutive. Die zu Sennen-Zeiten so gefürchtete Natur ist hier nur noch das Zitat eines Zitats und bis zur Unsichtbarkeit verkleinert – als Steinhäufchen (Piste 4) und Hügelchen (Piste 8). Mit wenigen Schritten ist eine Bahn durchmessen. Der Spieler erlebt die Welt als Kügeli – und wird dabei, das ist das Minigolf-Paradoxon, selber zum Zwerg. Denn Minigolf lässt sich unmöglich elegant spielen. Was wohl lächerlicher ist: die an Magenprobleme erinnernden Kauerpositionen oder das Hobbit-hafte Equipment? Während sich im echten, teuren, ernsten Golf der Profi vom Anfänger deutlich abhebt – durch elegante Kleidung, einen devoten Caddie, den gekonnten Schwung –, minimiert das Minigolf ausnahmslos jeden.

Dass es sich bei diesem Sport also um einen besonders egalitären, ja demokratischen handelt, wurde bereits in den 1950ern festgestellt. Die Einschätzung drängt sich auf wegen des tiefen Eintrittspreises, der selten viel mehr kostet als ein Bier, und wegen der tiefen sportlichen Anforderung: Wer sich auf zwei Beinen halten und dazu die Arme schlenkern kann, taugt zum Minigolfer. Verkannt wurde dagegen die raffinierte Gutmütigkeit, die der Bahnenführung und dem Regelsystem eigen ist. Selbst Anfänger können auf den einfachen Pisten mit nur zwei Schlägen einlochen; nach drei Fehlversuchen darf der Ball übers Hindernis gehoben werden; nach maximal sieben Strafpunkten gehts auf zur nächsten Piste, zur nächsten Chance. Niemand soll hier deprimiert werden.

Allerdings verlässt auch keiner die Bahnen ohne einen kleinen Dämpfer. Bisher ist es offenbar noch niemandem gelungen, was theoretisch möglich wäre, nämlich auf einer Runde jede der 18 Bongni-Pisten in Ascona mit einem einzigen Schlag zu beenden. Es scheint, als hätte der Erfinder selbst daran gedacht: dass ein wahrer Schweizer Volkssport keinen König haben darf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.07.2016, 22:41 Uhr

Artikel zum Thema

Hemingway hätte es gefallen

Hintergrund Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest bewahrt sich seinen archaischen Kern – der fortschreitenden Eventisierung zum Trotz. Mehr...

Pleiten, Pech und Pannen auf dem Golfplatz

Video Golf gilt als elegant – doch manchmal geht eine ganze Menge schief. Aber sehen Sie selbst! Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Die Angst des Rebellen

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...