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Und Ötzi ruft «Trutg!»

Linguisten sind für Kinofilme und Computerspiele so wichtig wie einst Komponisten. Und sie rechnen sich.

Eine Kunstsprache? «Keineswegs», sagt Linguist Chasper Pult. Jedes Wort, das im Ötzi-Drama «Der Mann aus dem Eis» (Filmstart 2018) zu hören sei, könne er sprachwissenschaftlich genauestens begründen. Mal habe er sich als Schreiber der Steinzeitfilm-Dialoge bei rätischen Grabinschriften bedient, mal bei ladinischen Flurnamen. Was man vor 5300 Jahren allerdings wirklich am Tisenjoch gerufen habe, wenn man zum Beispiel «Alarm!» meinte, das könne auch er nicht sagen. Im Film habe er einfach «Trutg!» gewählt, einen rätoromanischen Ausdruck für «Pfad». «Denn den Pfad sucht man ja als Erstes auf, wenn jemand ‹Alarm› brüllt», meint Pult.

Der Ötzi-Film ist nur das aktuellste Beispiel einer ganzen Reihe von Werken mit fiktionalen Sprachen. Schon der britische Autor Anthony Burgess liess vor 36 Jahren in Jean-Jacques Annauds Film «Am Anfang war das Feuer» Steinzeit-Menschen sagen: «Oyoon itjon s dondron s tsed tirdon – dron s dondrijikstsedon.» Gemeint war damit: «Wir gehen in den Wald und töten Tiere mit Pfeilen.» Aber besonders wissenschaftlich war das natürlich nicht.

Ötzis Überlebenskampf

Wie verfilmt man Prähistorie? Im Jungsteinzeit-Epos «Der Mann aus dem Eis» überzeugt Jürgen Vogel in einem Naturschauspiel ohne Worte. Gezeigt wird eine Welt archaischer Gefühle, Gesten und Instinkte. Von Rudolf Neumaier mehr ... Es klingt verrückt: In einer Welt, die eigentlich permanent unter babylonischer Sprachverwirrung leidet, kommen zu den etwa 7000 natürlichen Sprachen (plus unzähliger Dialekte und Fachbegriffe) mittlerweile Tausende neu konstruierte Sprechweisen hinzu. Linguisten sind für Kinofilme und Computerspiele (wie «Far Cry Primal») heute so wichtig wie einst Komponisten. Und sie rechnen sich: Für eine weltweite Vermarktung von «Der Mann aus dem Eis» benötigt Regisseur Felix Randau weder Untertitel noch Synchronstimmen.

An der Universität Berkeley wurde kürzlich ein Kurs für Dothraki angeboten, das etwa 3000 Vokabeln umfassende Barbaren-Kauderwelsch aus der Serie «Game of Thrones». Es gibt auch Lehrbücher für Na’vi, die Sprache der «Avatar»-Fabelwesen. Am weitesten verbreitet aber ist – nach Esperanto – Klingonisch, die vom Star-Trek-Linguisten Mark Okrand erfundene 4000-Vokabel-Sprache für echte Runzelstirnen. Shakespeares Hamlet ist heute ebenso auf Klingonisch abrufbar wie Lieder der Berliner Rock-Band Kosmic Horrör. Dagegen wirken J. R. R. Tolkiens Sindarin und Quenya mit jeweils nur 2500 Wörtern geradezu simpel. Doch der Umfang des «Herr der Ringe»-Textmaterials entspricht ISO-Norm 639 der International Standard Organisation. Sindarin und Quenya gelten also als echte Sprachen. Die Organisation «Elvish Linguistic Fellowship» gibt sogar Magazine auf Elbisch heraus. Vom einst speziell für Frauen entwickelten Láadan, einer Kunstsprache, in der Muttermilch «lalal» heisst, redet hingegen niemand mehr.

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