Die finnischen Blondinen wurden ihm fast zum Verhängnis

Claas Relotius frisierte seine Artikel. Auch für Schweizer Medien. Rechte Blogger schreien «Lügenpresse». Wie gross ist der Schaden für die Branche?

Sieben Jahre arbeitete der Reporter beim «Spiegel»: Bürogebäude des Magazins in Hamburg. Foto: Lars Berg (Imago) Claas Relotius wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. Foto: Picture Alliance

Sieben Jahre arbeitete der Reporter beim «Spiegel»: Bürogebäude des Magazins in Hamburg. Foto: Lars Berg (Imago) Claas Relotius wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. Foto: Picture Alliance

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Vor vier Jahren schrieb der deutsche Journalist Claas Relotius für das «NZZ Folio» eine «Beim Coiffeur»-Kolumne. Über Jahre kamen im Heft regelmässig Coiffeusen und Coiffeure aus aller Welt zu Wort und gaben Einblicke in ihren Berufsalltag. Im Heft 02/2014 erzählt die dreifache Mutter Hannu Sundell aus Lahti, wie sie ihren blonden Kundinnen die Haare dunkel färbe und dass sie die Haare gerne nass schneide, weil so die Strähnen griffiger in der Hand lägen. Kostenpunkt: 18 Euro. Kaum publiziert, postete eine Leserin des «NZZ Folio» einen Onlinekommentar. Friseure seien in Finnland deutlich teurer, Hannu ein Männername – und überhaupt: In Lahti gebe es diesen Salon nicht.

Offenbar handelte es sich im Text um einen Salon in Helsinki, von einem Mann namens Hannu betrieben. «Es scheint, als hätten Hanna und Hannu samt ihren Salons unseren Autor etwas verwirrt», entschuldigte sich die «Folio»-Redaktion später in einer längeren Berichtigung. Heute weiss sie, dass sie einem Betrüger aufgesessen war. Einem der grössten im deutschsprachigen Raum, seit Tom Kummer reihenweise Interviews mit Prominenten erdachte.

Claas Relotius, inzwischen Reporter beim «Spiegel», hat im grossen Stil Texte frisiert oder frei erfunden. Vor zwei Tagen flog er auf, mit 40'000 Zeichen wurde sein Fall in einer grossen Reportage nachgezeichnet – im Stil jenem von Relotius gar nicht unähnlich. Ullrich Fichtner, einer von drei designierten Co-Chefredaktoren des «Spiegels», rechnete im Text mit seinem Reporter ab, der das Magazin mit «hoher krimineller Energie» getäuscht habe.

Mit Preisen überhäuft

Das Ausmass dieser Täuschungen wird die Dokumentationsabteilung des Spiegels noch Monate beschäftigen – auch, weil Relotius ein besonders angesehener Journalist des Magazins war. Der heute 33-Jährige schrieb Reportagen, die wie Filme sind. Dicht erzählt, mit krassen Figuren und Zitaten, die den Leser über die Lektüre hinaus beschäftigen. Relotius berichtete aus der emotionalen Hardcore-Zone, von der ameri­kanisch-mexikanischen Grenze, aus Ab­­­treibungskliniken, Guantanamo oder Aleppo. Dafür wurde er mit Auszeichnungen überhäuft, viermal gewann er den Deutschen Reporterpreis. CNN kürte ihn 2014 zum «Journalist of the Year».

Schreiben können wie Claas Relotius – das wünschte sich mancher in der Branche. Jetzt ist sein Geheimnis geplatzt, und wie bei jedem seriellen Betrug offenbart sich ein Muster. Relotius griff offensichtlich immer dann in die Trickkiste, wenn er bei einer Geschichte nicht mehr weiter kam. Exemplarisch zeigt das seine Reportage über die Kleinstadt Fergus Falls in den ländlichen USA. Weil er keine interessanten Protagonisten findet, kreiert Relotius solche. Zum Beispiel eine mexikanische Restaurantbesitzerin, die Trump gewählt habe, weil sie unter der teuren Krankenversicherung Obamacare ihre Nieren nicht mehr behandeln konnte. Zwar gibt es die Frau, doch bis auf ihren Vornamen ist alles andere erfunden. Dasselbe gilt für den Stadtbeamten, der eine Beretta zur Arbeit trage, noch nie am Meer war oder eine Frau hatte: alles fake. Eine boshafte Fantasie von Trumps Amerika.


Bilder: Die dreistesten Medienfälschungen


Ein US-Journalist aus Fergus Falls hat Relotius’ Artikel auf sämtliche Unwahrheiten abgeklopft. Das Resultat, Dutzende von gefälschten Passagen, mutet pathologisch an. Im Geständnis gegenüber seinen Vorgesetzten bezeichnete sich Relotius selbst als «krank». Die Angst vor dem Scheitern sei mit dem Erfolg immer grösser geworden. Relotius’ Misere ist trotz des Drucks in Zeiten sinkender Leserzahlen also selbstverursacht. Das zeigt auch eine Aussage, die er in einer Talkrunde zum Thema «Das Geheimnis des Erzählens» im Mai 2015 machte: «Ich vertraue quasi darauf, dass der Leser darauf vertraut, dass das vernünftig recherchiert ist.»

Claas Relotius wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. Foto: Picture Alliance

Eine Kommission des «Spiegels» wird nun alle Artikel untersuchen, die Relotius in seinen sieben Jahren beim Magazin veröffentlicht hat. Erste Erkenntnisse zeigen, dass Relotius die Mitarbeiter der englischsprachigen Seite des «Spiegels» wiederholt darum gebeten hat, seine Texte nicht zu übersetzen. So war es beispielsweise bei einem viel beachteten Interview mit der letzten Überlebenden der Nazi-Widerstandsorganisation Weisse Rose. Mehrere Passagen darin sind offenbar frei erfunden. «Auch deshalb wurden seine Texte, die oft im Ausland spielen, nicht so schnell als Fälschungen oder als in Teilen manipuliert entlarvt», schreibt das Magazin, das über 60 Faktenchecker beschäftigt und sich einem gewaltigen Reputationsschaden ausgesetzt sieht.

Auch in der Schweiz beginnt nun die Aufarbeitung des Falls. Relotius schrieb nicht nur im «NZZ Folio», sondern auch in der «NZZ am Sonntag», der «Weltwoche» und dem Magazin «Reportagen». «Das ist eine Tragödie, die da passiert ist. Claas Relotius hat unser Vertrauen missbraucht», sagt Daniel Puntas Bernet, der Chefredaktor von «Reportagen». Relotius schrieb im Heft zwischen 2013 und 2016 insgesamt fünf Geschichten, darunter eine, die mit dem deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurde. Sie handelte von einem Mörder, der in einem US-Gefängnis einen an Alzheimer erkrankten Mithäftling pflegte. «Wir haben damals mit dem Gefängnis telefoniert. Uns wurde bestätigt, dass ein Reporter vor Ort gewesen war. Wir hatten keinen Anlass, der Geschichte zu misstrauen», sagt Puntas Bernet. Mit seinem kleinen Team wird der Chefredaktor nun die fünf erschienenen Reportagen noch einmal anschauen und nachprüfen, so weit das noch möglich ist.

Bei der «NZZ am Sonntag» beschäftigt man sich in diesen Tagen ebenfalls mit der Nachprüfung von Geschichten des Reporters. Zwei Mitarbeiter schauen sich die sechs Texte an, die Relotius zwischen 2012 und 2014 in der Zeitung publizierte. «Wir versuchen, die Sache so transparent und sauber wie möglich aufzuarbeiten», sagt Chefredaktor Luzi Bernet. «Im Zeitalter von ‹Fake News› ist so ein Fall natürlich zusätzlich schlecht.» Man dürfe jetzt aber nicht in Panik verfallen. «Die meisten Journalistinnen und Journalisten leisten sehr solide Arbeit.» Das sieht auch Daniel Puntas Bernet so: «Unsere Redaktionsarbeit basiert auf Vertrauen. Und zu 99 Prozent ist dieses Vertrauen gerechtfertigt. Leider reicht ein schwarzes Schaf, um uns allen grossen Schaden zuzufügen.»

«Lügenpresse»

In den sozialen Medien stürzen sich rechte Blogger mit Lust auf den Fall Relotius. «Heute ist ein guter Tag. Er legt offen, dass die Lügenpresse tatsächlich lügt», sagt Martin Sellner, einer der führenden Akteure der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, in einem Video auf Youtube. Es gibt unzählige solcher Meldungen im Internet.

Gerade darum müsse man als Journalist alles daransetzen, grösstmögliche Transparenz über die Art und Weise der eigenen Arbeit zu schaffen, sagt «Reportagen»-Chef Puntas Bernet. Das ist unter anderem das Ziel eines Festivals, das nächstes Jahr in Bern stattfindet und an dem Reporter aus aller Welt erzählen, wie sie arbeiten. «Das ist die einzige Art, wie wir dem Glaubwürdigkeitsproblem beikommen können.»

Das – und saubere Arbeit, wenn bei einem Text ein ungutes Gefühl entsteht. Als die Leserin des «NZZ Folio» sich nach dem Text über die Coiffeuse in Finnland meldete, konfrontierte die Redaktion Relotius. «Er verhielt sich sehr merkwürdig und verstrickte sich in Widersprüche», sagt Daniel Weber, Chefredaktor des «NZZ Folio». Am Schluss hatte auch Relotius ein Einsehen. Gerne hätte er für das Heft einen Coiffeur in Delhi interviewt, schrieb er nach den Vorfällen der Redaktion, doch er fürchte, der Bedarf an seinen Geschichten sei wahrscheinlich gedeckt. «Das war er in der Tat», sagt Weber. Er beendete die Zusammenarbeit mit Relotius.

Erstellt: 21.12.2018, 08:14 Uhr

Fälscher und Betrüger

Der «Spiegel» ist nicht das erste Medium, das auf einen Journalisten hereinfiel. Claas Relotius hat zahlreiche Vorgänger. Jayson Blair schrieb fiktive Kriegsgeschichten für die «New York Times», der italienische Journalist Tommaso Debenedetti erfand – wie früher Tom Kummer – Interviews mit Prominenten, und Janet Cooke musste 1981 einen Pulitzerpreis zurückgeben. Eine Übersicht über die grössten Fälscherskandale lesen Sie hier. (red)

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