«Viele Nichtjuden trauen sich nicht in den koscheren Supermarkt»

Am Wochenende ist der «Kulturstrudel» angelaufen. Organisator Michael Guggenheimer erzählt, wie sie Juden und Nichtjuden, Orthodoxe und Weltliche zusammenbringen.

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Herr Guggenheimer, wie läufts denn bis jetzt?
Unglaublich gut! Im Vorfeld haben uns die Leute noch gewarnt, ganz Zürich sei doch auf der Landiwiese am Theater Spektakel. Aber siehe da: Wir hatten bereits ausverkaufte Veranstaltungen. Das Interesse ist sehr gross. Das ist wirklich toll.

Erstaunt Sie das grosse Interesse? Was mich bis jetzt vor allem überrascht hat, ist das Interesse junger Leute. Egal zu welcher Tageszeit die Veranstaltungen stattfanden, es waren bei weitem nicht nur Rentner dabei, die am Nachmittag sowieso freihatten. Die Leute nehmen sich bewusst Zeit. Das ist schön zu sehen.

Ich nehme an, Sie haben sich auch schon ins Getümmel gestürzt.
Natürlich. Gestern Abend war ich in einer Synagoge, in der ich selbst als Jude noch nie war. Eine orthodoxe Synagoge der IRGZ-Gemeinde. 80 Leute sind gekommen und wir alle waren baff. Die Architektur ist wunderschön. Die Leute haben eine Frage nach der anderen gestellt. Es war ein wunderbarer Dialog. Die Mehrheit war nichtjüdisch. Das war unser Ziel: die vielfältigen Aspekte des jüdischen Lebens in Zürich zeigen.

Haben die Leute denn darauf gewartet, ansonsten Verborgenes endlich zu sehen?
Offenbar ist bereits seit langer Zeit ein latentes Interesse für die jüdische Kultur und das jüdische Leben in Zürich vorhanden. Nun ist es aber das erste Mal, dass in so konzentrierter Form ein Strudel von Veranstaltungen zum Thema in Zürich, in der Schweiz überhaupt, stattfindet. Man soll kennen lernen, wen oder was man noch nicht kennt.

Theoretisch könnte man sich ja auch während des Jahres gegenseitig kennen lernen ...
Das ist so. Schauen Sie, oft ist es wie mit meinen Nachbarn. Die einen stammen aus Südkorea, die anderen aus Sri Lanka. Wir grüssen uns, aber wir kennen uns nicht wirklich. Ich habe Vorstellungen von ihnen – wie sie leben, wie ihre Alltagsgewohnheiten sind –, die wahrscheinlich völlig falsch sind. Und ich denke, dass es viele Leute gibt, die keine jüdischen Menschen kennen. Wenn ich unterwegs jemanden kennen lerne und diese Person erfährt, dass ich jüdisch bin, höre ich oft: «Ich bin froh, dass ich Sie treffe. Ich kenne Juden ansonsten nur vom Sehen.» Oder wenn Leute meinen Namen sehen oder lesen, fragen sie auch, ob ich jüdisch bin. Dann sage ich: «Ja, bin ich.» Und dann wollen sie oft wissen, wie das ist, wie ich lebe, ob ich anders lebe als sie. Ich sage dann: «Nein. Ich lebe genau so wie Sie, ich besuche genauso selten ein Gotteshaus wie Sie, praktisch nie, aber ich bin trotzdem jüdisch.»

Viele Nichtjuden würden sich nicht trauen, eine Synagoge zu besuchen, weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, so Guggenheimer. Bild: Urs Jaudas/ Tages-Anzeiger

Wir brauchen also einen Anstoss, damit wir aufeinander zugehen? Wieso?
Oft sind die Leute unsicher. Gerade wenn es um den Besuch einer Synagoge geht. Die kann man ohnehin nicht einfach so betreten, wegen der Sicherheitsvorschriften. Aber auch wenn Gottesdienst ist, traut man sich nicht – «wie soll ich mich benehmen?», fragen sich wohl viele. Dasselbe beim koscheren Supermarkt in Wiedikon. Alles, was es dort zu kaufen gibt, dürfen Juden essen. Also ich persönlich kaufe bei Coop, Migros und beim Metzger ein. Ich bin nicht religiös. Aber Koscher-City ist ein interessanter Laden. Aber nichtjüdische Leute trauen sich nicht rein.

Ich bin auch schon oft an diesem Supermarkt vorbeigefahren und habe mich auch nie reingetraut. Darf man also als Nichtjude einfach so dort einkaufen gehen?
Ja sicher! Falls Sie mal in der Türkei oder im Nahen Osten waren, dort gibt es eine Süssspeise namens Halva. Die kann man aufs Brot streichen oder als Dessert essen. Im Koscher-Supermarkt gibt es eine unerreicht gute Halva zu kaufen. Ich kenne auch nichtjüdische Leute, die dort guten Hummus holen oder sonst lustige Sachen, etwa ein Gericht namens «gefilte Fisch», «gefüllter Fisch». Aber Achtung, der ist nicht wirklich gefüllt. Lassen Sie sich überraschen. Jeder darf sich das kaufen.

Und in einer jüdischen Bäckerei dasselbe?
Ja. Es gibt seit kurzem eine neue jüdische Bäckerei, ebenfalls in Wiedikon. Gerade dort kaufen sehr viele nichtjüdische Kunden ein. Die Spezialitäten haben sich herumgesprochen. Ich war auch schon dort. Und ich habe gestaunt, wie sich dort alle vermischen. Ich bin auf fromme jüdische Leute getroffen und solche, die dem Aussehen nach zu urteilen ganz und gar nicht fromm jüdisch waren. Ein wunderbar durchlässiger Ort.

Jetzt gibt es aber trotzdem auch sehr orthodox lebende Juden, die lieber unter sich bleiben. Wie haben denn streng orthodoxe Juden auf die Idee des Kulturstrudels reagiert?
Verhalten positiv, würde ich sagen.

Hat Sie das erstaunt?
Ja. Denn ... schauen Sie: Ich bin ein vollkommen weltlicher Jude, ich praktiziere nicht. Aber ich stehe dazu, dass ich jüdisch bin. Dann gibt es jene Juden, die viele kennen als Männer in langen schwarzen Mänteln und Frauen in langen dunkelblauen Röcken. Ich persönlich aber habe keine Bekannten oder Freunde aus diesen Kreisen. Für sie bin ich genauso fremd, wie sie für mich fremd sind. Man hat keine Berührungspunkte miteinander. Ich ging auf eine öffentliche Schule. Orthodoxe Juden schicken ihre Kinder auf eigene Schulen. Man ist anders, in den Interessen, in der Lebensweise, obwohl wir beide jüdisch sind. Aber man kennt sich nicht.

Längst nicht mehr nur bei den jüdischen Bewohnern Zürichs beliebt: Die Spezialitäten der Bäckerei Ma'adan in Wiedikon. Bild: Samuel Schalch/ Tages-Anzeiger

Ist der Kulturstrudel also auch eine Plattform, über die sich Mitglieder verschiedener jüdischer Gemeinden untereinander austauschen können?
Auf jeden Fall. Wir haben alle Gemeinden, Institutionen und auch Einzelpersonen auf dem Platz Zürich, die sich mit jüdischer Kultur befassen, eingeladen, mitzumachen. Das sind aber nicht nur jüdische Institutionen, da ist auch die Universität dabei, die ETH, die ZHDK. Wir haben alle zusammen an einem runden Tisch das Programm entwickelt.

Bietet der Kulturstrudel auch den streng orthodoxen Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, sich mit Nichtjuden auszutauschen, in einem Rahmen, der sich sonst im Alltag nicht so bietet?
Ich würde sagen ja, das ist so. Gerade in dieser sehr frommen Synagoge, die wir anschauen gingen, hat uns nicht ein Rabbiner, sondern eine Frau empfangen. Nach dem Rundgang hat sie sich in der Nacht per SMS bei mir gemeldet: wie wunderbar es gewesen sei, die vielen Fragen zu hören und das Interesse zu spüren.

Das sind schon auch Welten, die da aufeinanderprallen.
Absolut. Aber im positiven Sinn, im interessierten Sinne. Niemand war gehässig. Niemand äusserte Vorurteile. Es war eine sehr freundliche Atmosphäre. Es gab auch immer wieder was zu lachen. Als ich am Eingang der Synagoge Kopfbedeckungen für Männer verteilte, die Kippahs, sind plötzlich Frauen auf mich zugekommen und wollten auch eine haben. Sie wussten nicht, dass nur Männer eine Kopfbedeckung brauchen, um die Synagoge zu betreten. Da haben wir alle herzlich gelacht.

Finden Sie es schade, dass solche Begegnungen im Alltag nicht immer zustande kommen? Dass beide Seiten lieber für sich sind?
Häufig, wenn man in Zürich in bestimmten Vierteln wohnt oder unterwegs ist, sieht man die Kinder frommer Juden. Man erkennt sie sofort an ihrer Kleidung. Es gibt Leute, die denken: Alle Juden sind so – anders, für sich. Das ist aber nur eine sehr kleine Gruppe aller Juden, die in der Schweiz leben. Die meisten der insgesamt 20’000 Juden sind angezogen wie andere auch. Häufig weiss man also gar nicht, wer Jude ist und wer nicht. Man merkt es vielleicht erst im Gespräch.

Was wäre Ihr Wunsch oder Ihre Vorstellung vom Zusammenleben verschiedener Religionen in Zürich?
Da kann ich nichts dazu sagen, weil ich selbst nicht religiös bin. Aber ich finde es spannend, Leute aus anderen Kulturkreisen kennen zu lernen. Ich habe einen Freund aus dem Iran, einen Bekannten aus Eritrea. Von ihnen erfahre ich so viele interessante Dinge. Ich merke dabei auch, wie ähnlich die Fragen sind, die uns bewegen. Uns beschäftigt Klimawandel, die Teuerung, Wohnungsnot, Literatur. Wir merken: Wir sind uns eigentlich, bei aller Verschiedenheit, ähnlich.

Und wie merkt man das, wenn man jemanden nicht kennt? Wie macht man das?
Wie man das macht? Indem man sich begegnet. Das versuchen wir mit unseren Veranstaltungen zu erreichen. Man kann das natürlich auch individuell machen. Aber nicht jeder hat den Mut, von sich aus auf jemanden zuzugehen. Mir scheint, die Leute in der Schweiz sind da vielleicht etwas scheu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 18:26 Uhr

Michael Guggenheimer


Bild: zvg
Michael Guggenheimer wurde 1946 in Tel Aviv geboren. Bevor er in die Schweiz kam, lebte er in den Niederlanden und Grossbritannien. In Zürich hat Guggenheimer Zeitgeschichte und Sozialpsychologie studiert. Heute ist er Schriftsteller, Journalist und Fotograf.

Kulturstrudel


Alle Informationen rund um die jüdische Kulturwoche finden Sie hier. Die Veranstaltungen dauern noch bis zum 2. September 2018.

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