Von Menschen und Massen

Güzin Kar über fliehende Menschen, die zu Naturkatastrophen umfunktioniert werden.

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280 Flüchtlinge kommen nach Deitingen, 120 nach Amden, und 100 sind es in Laax. Dann sind da noch die 25 000 Eritreer, die sich über die ganze Schweiz verteilen, und sicher nochmals so viele Syrer, macht zusammen viel, sehr viel. Sicher ein paar Millionen oder 8000 Fussballfelder. Mit den Flüchtlingszahlen ist es wie mit Angaben zum Luftdruck oder der Feinstaubmessung: Keiner kennt die exakten Relationen, aber egal, wie viel es ist, es ist zu viel.

Luftdruck wird ja auch nur dann angegeben, wenn er ungut ist. Flüchtlinge sind ungesund viele im Umlauf, man weiss schon gar nicht mehr, woher die alle kommen und wohin sie wollen, aber durch die heftigen Migrationsbewegungen werden die Kontinentalplatten verschoben und die Weltmeere sowie unsere Kultur verhunzt. Es braucht Filter und Sandsäcke und eine Sprache, die die Vertriebenen zu dem macht, was sie für uns sein sollen: namenlose Masse, die uns alle unter sich begräbt, wenn wir uns nicht wehren, wenn wir nicht aufrüsten an den Toren Europas, wo die Unguten zu Hunderten in ihren Booten anrücken. Boote voller Material treiben auf uns zu, Schwemmholz, Quallen oder dunkle Menschen, unidentifizierbar.

Wir nennen sie Flüchtlingswellen, Flüchtlingsströme und -lawinen, machen sie zu Naturkatastrophen, zu Unbill, die einen als Strafe Gottes und der sieben Winde ereilt, wenn man nicht aufpasst. Und so sind auf einmal nicht mehr die Flüchtlinge Opfer von Krieg und Vertreibung, mit deren Ursachen wir meistens mehr zu tun haben, als unser Bewusstsein ertragen würde, sondern wir. Wir sind die Opfer. Wir haben der Natur zu sehr vertraut, diese aber rächt sich irgendwann dafür, dass man sie domestiziert und bejöht.

Sie reissen Frauen und Schafe

Und so bleiben in einem Land, in dem nicht nur jeder verirrte Bär und jeder streunende Wolf getauft wird, sondern auch jedes Hoch- und Tiefdruckgebiet, keine Namen mehr übrig für Menschen. Katrina, Lothar, M13, daran kann man sich gewöhnen. Aber all die Unaussprechlichen, die vor dem örtlichen Kiosk herumlungern, um unsere Frauen und Schafe zu reissen und die Sozialhilfe zu schächten? Kennen keine Gesetze, sind schliesslich Tsunami. Wehren wir uns also als Gemeinde, wenn man uns wieder so eine Katastrophe in die Zivilschutzanlage schicken will.

Am besten wehren wir uns, noch bevor uns jemand Flüchtlinge zuteilt. Sich gegen die Ärmsten zu wehren, ist ein bisschen, als hätte man sich gegen sein eigenes, nicht funktionierendes Leben gewehrt. Man kann seine eigene Moral an denen abarbeiten, die sich keine mehr leisten können. Vermeintlicher Widerstand dort, wo er nichts kostet. Der neue europäische Armutsrassismus ist die Empörkultur derjenigen, die sich zu Recht wie Statisten im eigenen Leben fühlen, denen die Ursachenforschung aber zu kompliziert ist.

Wut und Aktionismus sind billiger zu haben. Eine Demo gegen Flüchtlinge ist schnell organisiert, ein paar Plakate mit feindseligen Sprüchen im Nu gemalt. Man fühlt sich auch gleich besser, gebrauchter, ganz so, als hätte man nach einer Überschwemmung geholfen, Sandsäcke zu stapeln. Die dazugehörige Politik überlässt man anderen. Das dumpfe Gefühl, man könnte dabei selber die Manövriermasse sein, das namenlose Wetter, das geduldet wird, solange es sich als freundliches Hochdruckgebiet gebart, spült man am besten mit einem kühlen Bier herunter.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Regisseurin. www.guzin.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.07.2015, 15:09 Uhr

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