Wann hat ein Mensch Charisma?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommerserie Fragen zum Thema Schönheit.

Er hatte es: Boxer Muhammad Ali. (5. März 1971)

Er hatte es: Boxer Muhammad Ali. (5. März 1971) Bild: Lionel Cironneau/Keystone

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Schöne und charismatische Menschen verfügen über eine fast magnetische Anziehungskraft. Insoweit ähneln sich Schönheit und Charisma. Aber gibt es auch einen subjekt- und/oder objektbezogenen Unterschied zwischen der Anziehungskraft der Schönheit und der des Charismas? Bei einem subjektbezogenen Unterschied wäre die Erfahrung der Schönheit eine andere als die Erfahrung des Charismas. Bei einem objektbezogenen Unterschied würde die Anziehungskraft der Schönheit durch andere Persönlichkeitsmerkmale bedingt als die des Charismas.

Unter Philosophinnen ist es relativ unstrittig, dass Schönheit mit Wohlgefallen einhergeht. Wenn Schönheit jedoch anziehend ist, gefällt das Schöne nicht nur, wir begehren es. Genau dies bestreitet beispielsweise Kant. Er charakterisiert die Erfahrung des Schönen als rein kontemplatives Wohlgefallen, das kein Interesse an der Existenz des schönen Objekts hervorruft. Im Hinblick auf menschliche Schönheit erscheint eine platonische Sichtweise jedoch überzeugender. Platon beschreibt das Schöne als das Objekt der Liebe. Vereinfacht gesprochen, ist Begehren Teil der Schönheitserfahrung. Meines Erachtens lässt sich die Erfahrung menschlicher Schönheit wie folgt beschreiben: Beim Anblick eines schönen Menschen empfindet man Wohlgefallen und wünscht sich, die betreffende Person kennen zu lernen und eine positive zwischenmenschliche Beziehung mit ihr aufzubauen beziehungsweise aufrechtzuerhalten, und man ist davon überzeugt, dass auch andere so auf diese Person reagieren sollten. Eine schöne Person erfahren wir somit als liebenswürdig. Bezeichnet man nun eine Person als charismatisch, beschreibt man ihre Wirkung auf sich selbst und andere: Eine charismatische Person kann Menschen in ihren Bann ziehen, sie begeistern, sie überzeugen, man fühlt sich zu ihr hingezogen. Will man die Wirkung von Charisma allgemeiner charakterisieren, lässt sich die Erfahrung des Charismas auch als Erfahrung der Liebenswürdigkeit beschreiben. Die Anziehungskraft der Schönheit und die des Charismas sind subjektbezogen also zumindest sehr ähnlich.

Wenn es somit einen Unterschied zwischen Schönheit und Charisma gibt, muss dieser auf objektbezogener Ebene liegen. So könnten sich Schönheit und Charisma auf unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale beziehen: Schönheit auf physisch-morphologische, Charisma auf geistig-charakterliche. Eine schöne Person erlebt man aufgrund ihres physischen Erscheinungsbildes als anziehend, eine charismatische aufgrund ihrer Charaktereigenschaften und geistigen Fähigkeiten.

Der böse Charismatiker: Adolf Hitler.

Im Symposium vergleicht Alkibiades Sokrates mit einem Satyr. Beide seien von recht hässlicher Gestalt, aber nicht nur das. Wie der Satyr durch sein Flötenspiel kann auch Sokrates Menschen in seinen Bann ziehen und durch seine Gedanken begeistern. Alkibiades beschreibt Sokrates also als charismatischen Mann. Sokrates' Charisma scheint von seinen Charaktereigenschaften und geistigen Fähigkeiten abzuhängen, beispielsweise von seiner Besonnenheit, Tapferkeit, Verstandeskraft, Standhaftigkeit, Unbestechlichkeit, Duldsamkeit und seiner Fähigkeit, im richtigen Mass und Moment zu geniessen. Sokrates wird nun gerade wegen dieser Charaktereigenschaften und geistigen Fähigkeiten als innerlich schön bezeichnet. Insoweit mag Charisma lediglich eine andere Bezeichnung für innere Schönheit sein. Objektbezogen ist somit die Anziehungskraft des Charismas von jener der Schönheit nur insoweit verschieden, als dass die Anziehungskraft des Charismas die Anziehungskraft innerer, aber nicht äusserer Schönheit beschreibt.

Hiergegen mag man einwenden, dass die Redeweise von innerer Schönheit allenfalls metaphorisch verstanden werden sollte, weil echte Schönheit zumindest teilweise von direkt sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften abhängen muss. Akzeptiert man die sinnliche Abhängigkeit von Schönheit, ist unstrittig, dass Schönheit von dem physischen Erscheinungsbild einer Person abhängt. Es folgt aber nicht, dass menschliche Schönheit ausschliesslich hiervon abhängt.

Schön und charismatisch: Schauspieler Johnny Depp.

So verweisen wir nicht nur auf die Eigenschaften des physischen Erscheinungsbildes einer Person, sondern immer wieder auch auf ihre Ausstrahlung, um Schönheitsurteile zu begründen. Bedenkt man, wie schwierig es ist, sich auf das rein physische Erscheinungsbild eines Menschen zu konzentrieren, nimmt das nicht wunder. Sobald man jemanden als Mensch wahrnimmt, ist man sich der menschlichen Dualität zwischen dem rein physischen Erscheinungsbild und dem Charakter der Person bewusst. Genau dies erschwert es, das rein physische Erscheinungsbild einer Person allein wahrzunehmen. Unmittelbar interpretieren wir Gestik und Mimik, Körperhaltung und Bewegung als sichtbaren Ausdruck von Charaktereigenschaften und geistigen Fähigkeiten. Das Erscheinungsbild einer Person ist weniger ein rein physisches, sondern vielmehr ein physisch-expressives. Wenn Schönheit aber von dem Erscheinungsbild einer Person abhängt und die Schönheitserfahrung eine Erfahrung der Liebenswürdigkeit ist, hängt Schönheit auch ab von dem körpergebunden sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck von liebenswürdigen Charaktereigenschaften und geistigen Fähigkeiten.

Bis jetzt wurde akzeptiert, dass Charisma nur von geistigen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften abhängt. Es ist jedoch problemlos möglich, sich zwei Personen mit den gleichen Charaktereigenschaften und geistigen Fähigkeiten vorzustellen, von denen nur eine charismatisch ist. Für Charisma spielen auch Gestik und Mimik, Körperhaltung und -bewegung eine Rolle. Gestik, Mimik, Körperhaltung und -bewegung zählen zu den körpergebundenen Ausdrucksformen des Charakters einer Person, fallen somit in den expressiven Aspekt des menschlichen Erscheinungsbildes. Dies legt nahe, Charisma als den körpergebundenen Ausdruck solcher Charaktereigenschaften und geistiger Fähigkeiten zu verstehen, die man sich von Menschen wünscht, mit denen man eine positive zwischenmenschliche Beziehung eingehen will. Charismatische Personen erleben wir demnach deswegen als anziehend, weil sie uns durch ihre Gestik und Mimik, ihre Körperhaltung und -bewegung versprechen, eine liebenswerte Person zu sein.

Insoweit kann man Charisma als einen Teilaspekt menschlicher Schönheit ansehen. Deswegen ist aber nicht jede charismatische Person schön, da Charisma nur der expressive, bewegliche Teil menschlicher Schönheit ist. Schiller beginnt in «Über Anmut und Würde» mit einem Verweis auf die griechische Mythologie: «Die griechische Fabel legt der Göttin der Schönheit einen Gürtel bei, der die Kraft besitzt, dem, der ihn trägt, Anmut zu verleihen und Liebe zu erwerben.» Venus kann diesen Gürtel weitergeben. Im Sinne dieses Essays kann sie Charisma verschenken. Charisma ist somit die Göttergabe der Venus, und etymologisch betrachtet bedeutet Charisma genau das, nämlich Gnaden- oder Göttergabe.

Erstellt: 22.07.2016, 08:37 Uhr

Die Sommerserie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 27. Juli lesen Sie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Onlineportal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

Lisa Schmalzried arbeitet als (Ober-)Assistentin am Philosophischen Seminar der Universität Luzern und habilitiert zum Thema menschliche Schönheit. (Bild: zvg)

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