Warum Flugscham sinnvoll ist

Sie betrifft unsere Selbstachtung und kann zum richtigen Handeln motivieren, sagt der Zürcher Psychiater Daniel Hell.

Düstere Wolken umgeben dieses Flugzeug, schamvolle Gedanken verbinden sich bei vielen Menschen mit dem Fliegen. Foto: Getty Images

Düstere Wolken umgeben dieses Flugzeug, schamvolle Gedanken verbinden sich bei vielen Menschen mit dem Fliegen. Foto: Getty Images

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Scham gilt gemeinhin als etwas Unangenehmes oder Peinliches. Umso überraschender ist die positive Wertung, die im neu geschaffenen und sich rasch verbreitenden Begriff der Flugscham mitschwingt. Flugscham soll helfen, die ökologisch bedingte Klimakrise zu reduzieren. Gemäss einer aktuellen Umfrage, die der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft beauftragt hat, schämen sich rund 44 Prozent der Deutschen, wenn sie fliegen. Für die Schweiz liegen keine Zahlen vor. Es dürfte aber nicht ganz anders sein.

Der Begriff Flugscham (schwedisch «flygskam») ist erstmals im «Svenska Dagbladet» am 14.3.2018 publiziert worden. Er fand in verschiedenen Sprachen eine rasante Verbreitung. Es wird vermutet, dass er zum Begriff des Jahres 2019 werden könnte. Das ist umso erstaunlicher, als Scham noch oft als Schwäche und als unrühmliches, ja schändliches Gefühl verstanden wird, das auch als toxische Scham psychisch krank machen könne. Seit der 1968er-Bewegung haben Sozialwissenschaftler das Schamgefühl als gesellschaftliches Sanktionsinstrument eingeschätzt, das der Anpassung an soziokulturelle und familiäre Normen dient.

Eine erste Relativierung dieser Ansichten wurde durch die psychologische und psychotherapeutische Forschung angestossen. Es zeigte sich, dass die Schamfähigkeit zwar missbraucht werden kann, Scham aber eine wichtige Alarm- und Schutzfunktion für das Selbst hat und für die seelische Entwicklung des Menschen bedeutsam ist.

Die Neuschöpfung Fremdscham

Zunächst kaum erkennbar, veränderte sich auch die öffentliche Wahrnehmung der Scham. So kam zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Alltagssprache mit «Fremdscham» eine Wortneuschöpfung auf, die das Sprechen über Scham etwas erleichterte. «Fremdscham» fand 2009 Eingang in den Duden.

Mit dem aktuellen Wort Flugscham akzentuiert sich diese Entwicklung. Sie richtet sich nicht auf andere, sondern betrifft das eigene Verhalten. Scham zeigt nun an, dass jemand gegen ihm wichtige Werte handelt und sein Selbstverständnis dadurch gefährdet. Würde er die Warnung der Scham nicht ernst nehmen und dauerhaft gegen die eigene Überzeugung handeln, droht ihm Unglaubwürdigkeit.

Damit würde er aber auch an Selbstachtung und an Achtung bei Mitmenschen verlieren. Scham ist deshalb auch als Aufforderung zu verstehen, sein Verhalten zu ändern – im Falle von Flugscham das Fliegen zu minimieren.

Flugscham kennt nur der, dem ökologische Werte wichtig sind.

Tatsächlich hat Scham viel mit eigenen Werten und der damit zusammenhängenden Selbstachtung zu tun. Flugscham kennt nur, wem ökologische Werte wichtig sind. Wem sie nicht so wichtig sind, der wird sich auch weniger oder nicht schämen, wenn er einen übermässig grossen ökologischen Fussabdruck hinterlässt. Er hat deswegen auch kein Problem mit der Selbstachtung.

Genau diese Zusammenhänge illustriert die oben angeführte Studie in Deutschland. Besonders hohe Flugscham weisen Mitglieder der Grünen Partei (58%) und der SPD (52%) auf, besonders tiefe Anhänger der AfD (31%). Allerdings fliegen Erstere auch am meisten und Letztere am wenigsten, sodass sie mehr oder weniger zur negativen CO2- Bilanz beitragen.

Hilft Scham auch immer der Umwelt?

Scham ist also sinnvoll. Doch hilft sie auch immer der Umwelt? Flugscham könnte auch dazu führen, Flüge zu verschweigen. Aufgrund der bisherigen Schamforschung kann geschlossen werden, dass sich Scham umso eher konstruktiv auswirkt, je leichter ein Verhalten sich korrigieren lässt.

Das trifft nun für Flugscham häufig zu. Sehr oft kann Fliegen zum Beispiel durch Zugfahren oder durch Videokonferenzen ersetzt werden. Entsprechend dürfte Flugscham sehr wohl eine Wirkung als ökologischer Schutzfaktor haben. Wie gross der Effekt allerdings ist, bleibt vorderhand offen.

Scham ist ein Ergebnis der Einsicht, dass wir selbst zu unserer Gefährdung beitragen, sagt der Psychiater Daniel Hell. Foto: Markus Bühler-Rasom (LAB)

Einschränkende Verordnungen und finanzielle Belastungen des Fliegens können wirksamer sein, benötigen aber auch der demokratischen Zustimmung, die – wie das Wort Zu-stimmung sagt – eine bestimmte Gestimmtheit voraussetzt. Auch hier greift die Flugscham also.

Die Klimakrise ergreift Kopf und Herz. Scham überhaupt nicht aufkommen zu lassen beziehungsweise bei Auftreten umgehend abzuwehren oder zu verleugnen, brächte ein Alarmsignal zum Schweigen, das zum kritischen Denken und Handeln aufruft. Dass aber Scham und nicht nur Angst uns heute beschäftigt, hat mit der Einsicht zu tun, dass wir zu unserer Gefährdung selbst beigetragen haben und beitragen – und dass wir zunächst uns selbst zu ändern haben.

Erstellt: 01.08.2019, 21:48 Uhr

Daniel Hell

Der emeritierte Professor leitete 1991 - 2009 als ärztlicher Direktor die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich. Danach leitete er das Kompetenzzentrum «Depression und Angst» in Meilen.

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