Warum ist der moderne Mensch dem Kult der Hässlichkeit verfallen?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen und Philosophinnen in unserer Sommerserie Fragen zum Thema Schönheit.

Mut zur Hässlichkeit: An der Ugly Competition in Spanien. (22. August 2013)

Mut zur Hässlichkeit: An der Ugly Competition in Spanien. (22. August 2013) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das elementare Muster des Ekels ist die Erfahrung einer Nähe, die nicht gewollt wird.» So definiert Winfried Menninghaus die Empfindung des Ekels, der er im Anschluss ein ganzes Buch widmet. Analog dazu liesse sich über die Hässlichkeit sagen, ihr elementares Muster sei die Erfahrung einer ästhetischen Nähe, die nicht gewollt wird. So wie meist nicht etwas gänzlich Fremdes, Entferntes Ekel hervorruft, sondern etwas zu Nahes, so beurteilen wir auch nicht primär das Unbekannte als hässlich, sondern die Abweichung am uns eigentlich Bekannten. Das Hässliche benötigt also eine Vergleichsgrösse, etwas, zu dem es in Bezug gesetzt werden kann.

Während sich der Ekel auf die sinnlichen Bereiche des Riechens, Schmeckens und Fühlens bezieht, also auf die den Körper unmittelbar bedrängenden und ihn gar durchdringenden Sinne, so ist Hässlichkeit in erster Linie ein visuelles Merkmal und Empfinden. Sie beinhaltet noch Distanz zwischen Subjekt und Objekt der Wahrnehmung, insofern sie den Körper nicht unmittelbar belangt, kann aber, wenn diese überwunden wird, auch zum Ekel führen.

Wenn nun die Moderne die Epoche ist, die sich durch eine grundsätzliche Offenheit auszeichnet, dann impliziert dies auch eine Tendenz zur Entgrenzung, die nicht zuletzt zu einer Verunklärung dessen führen kann, was innen und aussen, Eigenes und Fremdes, Verwandtes und Entferntes ist. Nicht nur die Epoche selbst, sondern, so könnte man frei nach Habermas konstatieren, auch der einzelne moderne Mensch ist einer, der «ohne Möglichkeit der Ausflucht an sich selbst verwiesen» ist, und dies gilt in der heutigen Spätmoderne in verschärfter Weise: Am nicht mehr allzu weit entfernten Horizont sehen wir bereits unsere umfassend personalisierten Filterblasen aufziehen, angesichts derer sich die uneingelösten und uneinlösbaren Freiheitsversprechen der Moderne merkwürdig altmodisch ausnehmen. Mit dieser Perspektive, die eigentlich schon keine mehr ist, da sie uns immer näher rückt, wird nämlich nicht nur das Fremde, sondern gerade jene grundsätzliche Offenheit der Zukunft hinfällig – die Moderne frisst ihre Kinder.

Igitt: Grimassen-Competition in Spanien (22. August 2013).

Versteht man das Hässliche vor diesem Hintergrund zum einen als Gegensatz zum Schönen und zum anderen – wie die Etymologie es nahelegt – als aus dem Hass hervorgehendes ästhetisches Empfinden und Urteil, dann handelt es sich, hierin eben dem Ekel verwandt, um ein Phänomen, das grundsätzlich ein Verhältnis von Nähe und Distanz verhandelt. Hass kann nur hervorgerufen werden durch eine echte oder eingebildete Verletzung, also eine nicht gewollte, eine erlittene Grenzüberschreitung. Dem tatsächlich Fremden kann ich keinen Hass entgegenbringen, und ebenso wenig kann in diesem Sinne der gänzlich Fremde «hässlich» sein. Insofern das Schöne als Gegenteil des Hässlichen demnach offenbar Distanz und Abgrenzung benötigt, enthält es eine spezifische Negativität. Sie ist niemals ganz verfügbar, sondern bleibt das schlechthin andere, von mir Getrennte und Unvergleichliche.

Vielleicht also ist der heutige moderne Mensch nicht mehr oder noch nicht fähig, die Negativität zu ertragen, die zum so verstandenen Schönen gehört:

«Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.» (R.M. Rilke, Duineser Elegien, 1. Elegie)

Schönheit vereinzelt und verbindet, sie reisst den Einzelnen aus dem Gewohnten und Gewöhnlichen heraus und ist auch schrecklich. Das ist sie, gerade weil und nicht trotz dessen sie es «verschmäht, uns zu zerstören», uns also gewissermassen von unserem modernen Verwiesensein an uns selbst zu befreien. Nur vermeintlich beinhaltet sie daher die Gefahr der narzisstischen Versenkung, tatsächlich betont sie vielmehr das Eigene in Abgrenzung zum anderen:

«(...) und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.» (2. Elegie)

Dies ist kein Narziss, der sich in seinem Spiegelbild verliert, sondern das Bild einer ästhetischen Reflexion: Der Spiegel ist hier Medium dieser Reflexion, keines der Absorption des Selbst. Ein «Kult der Hässlichkeit» dagegen ist ein Kult der Nivellierung genau dieser Reflexionstätigkeit, einer der unregulierbaren und unkontrollierbaren Nähe und der Aufgabe von Zwischenräumen. Das Hässliche drängt sich auf, das Schöne dagegen verschmäht uns, es bleibt bei sich selbst. Wenn der moderne Mensch also dem Kult der Hässlichkeit verfallen ist, dann deswegen, weil ihm nur die eine Seite der Moderne zu eigen ist, die Offenheit im Sinne der Entgrenzung.

Kult der Hässlichkeit: Wettbewerb um die ekligste Grimasse in Spanien. (22. August 2013)

Die andere Seite jedoch, die Reflexion, die zu Trennung und Abgrenzung führt, kommt dabei zu kurz. Verfallenheit an das Hässliche als einem entstellten Eigenen und Vertrauten wäre dann das Unvermögen, wahrlich modern und damit zwar radikal offen, aber nicht entgrenzt zu sein, offen vielmehr für wirklich Neues und anderes – oder vielmehr: es zu werden. In einer Moderne, die dem Kult der Hässlichkeit huldigt, ist Narziss kein Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, sondern jemand, dem ein Spiegel als Medium der Vermittlung fehlt und der stattdessen die Welt zum Spiegelkabinett seiner selbst macht.

Das andere wird dann nur als Verzerrung des Eigenen wahrgenommen, es wird «hässlich», weil es zu nah ist. Die Faszination für das Hässliche ist somit nur insofern modern, als sie eine Frage der Perspektive, mithin der Beleuchtung ist. Die Möglichkeit der Hässlichkeit hängt davon ab, wo wir stehen, welche Distanz wir einnehmen und wie wir uns zur Welt verhalten. Dies bedeutet wiederum keine Willkür in Bezug auf das Urteilen, sondern gerade das bewusste Einnehmen eines zwar vorübergehenden, aber festen Standpunkts. Wenn wir modern sein und Schönheit mit Schiller als «Freiheit in der Erscheinung» ermöglichen und erfahren wollen, müssen wir reflektieren und uns von uns selbst entfernen können, ohne uns dabei zu verlieren oder den Perspektivismus vergessen zu machen.

Ein Kult der Hässlichkeit lässt uns in uns selbst verharren oder umgekehrt: In uns selbst zu verharren, führt zu einem Kult der Hässlichkeit und ist dem modernen Menschen geradezu entgegengesetzt. Werden wir also wahrlich modern, das heisst offen für Neues, das nicht über den Vergleich mit dem bereits Bekannten oder uns selbst definiert wird; wagen wir ästhetische Ferne, Fremde und Unvertrautheit zu uns selbst und zur Welt. Das Wagnis dieser Freiheit scheint unter heutigen Bedingungen freilich immer schwieriger zu werden.

Erstellt: 25.07.2016, 11:28 Uhr

Die Sommerserie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 27. Juli lesen Sie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Onlineportal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

Susanne Schmieden M.A. (Universität Luzern) ist geboren und aufgewachsen in Mainz, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie in Tübingen und Zürich und arbeitete währenddessen und danach in den Bereichen Verlagswesen, Theater und Verwaltung. Seit Mai 2015 ist sie Doktorandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Christine Abbt am Philosophischen Seminar der Universität Luzern.

Artikel zum Thema

Wann hat ein Mensch Charisma?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommerserie Fragen zum Thema Schönheit. Mehr...

Macht mich mein Selfie schöner?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommerserie Fragen zum Thema Schönheit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...